30. BERLIN-MARATHON - Vier Brüder laufen gemeinsam zur Hochform auf. Und in Schöneberg feiern die Zuschauer begeistert die neue Streckenführung. Der wichtige Kilometer 35 liegt nun in ihrem Kiez.

Ihr langer Lauf zum Steak

Felix Zimmermann
4 Min

Vier Brüder waren sie und wollten einen gemeinsamen Tag beim Marathon verbringen. Dass das schwierig werden konnte, war klar. Und zwar nicht nur wegen des Getümmels, das 35 000 Läufer verursachen, sondern auch, weil sie wussten: Ihr Leistungsniveau ist so unterschiedlich, dass sie sich schnell aus den Augen verlieren würden. Und so ereilte die vier Schwarz-Brüder tatsächlich bald die Trennung. Verlust an der ThekeAlexander, Arzt aus Ulm, und Wolfgang, Ingenieur aus Berlin, Zwillingsbrüder und an diesem Tag ihren 40. Geburtstag feiernd, verabschiedeten sich nach sieben Kilometern am Reichstag voneinander, weil Alexander schneller war als Wolfgang. Ungefähr noch einmal zehn Kilometer weiter gingen auch Guntram, 41, ebenfalls Arzt aus Ulm, und Bernd, 35, wie Wolfgang Ingenieur in Berlin, auseinander. Hier war allerdings unklar, wie es dazu kam. Guntram sagt: "Ich habe ihn an der Theke verloren", und meint, Bernd habe am Erfrischungspunkt Gneisenaustraße etwas trinken wollen, was ihm, Guntram, zu lange gedauert habe. Er sei also weitergelaufen. Bernd wiederum behauptet, er sei weitergelaufen, während Guntram am völlig überfüllten Stand um ein Glas Wasser bat. Wie auch immer es gewesen sein mag - von nun an liefen die Brüder, die alle aus Ulm stammen, getrennt durch Berlin. Und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder sahen. Warum? Zum einen lag es an den ganz unterschiedlichen Zielankünften: Guntram gewann die Familienwertung mit drei Stunden und 32 Minuten. Bernd traf - wohl doch seiner Getränkepause geschuldet? - 16 Minuten später ein, was Guntram so kommentierte: "Komisch, eigentlich war er immer der Fitteste." Alexander war der Nächste, 4:34 Stunden war seine Zeit, 18 Minuten später kam Wolfgang an. Stolze Ergebnisse insgesamt, Bernd hatte seine Zeit um eine Minute verbessert, Guntram seine um mehrere Minuten, Alexander hatte auf eine Zeit "um die 4:15" gehofft, war aber trotzdem froh, und Wolfgang war angekommen, womit er sein Ziel schon erreicht hatte. Dass sich die vier Brüder aber auch nach dem Rennen lange nicht so einfach wieder sehen konnten, lag dann nicht nur an dem Getümmel der 35 000 Läufer, sondern weil es, die Angehörigen hinzugenommen, noch unübersichtlicher wurde: So viele waren es, die nach den Helden in ihren weißen Wärmeschutz-Plastikfolien Ausschau hielten! Hätte jeder Läufer nur Mama und Papa oder zwei beliebig andere Angehörige dabei gehabt, wären das ja schon mit den Sportlern über 100 000 Menschen vor dem Reichstag gewesen. Wahrscheinlich waren es aber noch viel mehr: Dänen, die mit 3 700 Läufern die größte Ausländergruppe stellten, hielten als Peilhilfe ihre Landesflagge hoch, andere hatten bemalte Pappschilder in Bäume gehängt und warteten darunter, wieder andere trugen mit Gas gefüllte Luftballons. Wer es nun, so wie Guntram Schwarz, mit der Kontaktaufnahme per Telefon versuchte, war aufgeschmissen, weil das überlastete Netz dies nur in Glücksfällen zuließ.Also konnte sich Guntram unter dem Buchstaben S an der Familiensammelstelle geruhsam Zeit nehmen, das Rennen zu analysieren. Am Anfang sei es sehr eng gewesen, dann war es okay, "und auf den letzten fünf Kilometern dachte ich, das schaffe ich nicht". Frustrierend war es, kurz vor dem Ziel von vielen überholt zu werden und zu merken, dass die Kraftreserven aufgebraucht waren. Dabei hatte er gut trainiert, war die 26 Kilometer zur Arbeitsstelle stets gelaufen. "Sportler müssen ihr Geld verdammt hart verdienen", das ging ihm da so durch den Kopf.Traubenzucker als RettungBruder Bernd, den wir vor dem Reichstag trafen, erging es nicht anders. Er half sich auf den letzten drei Kilometern mit Traubenzucker, der schnell ins Blut geht und Energie freisetzt. Unter den Linden wählte er die Scheibchentaktik und rettete sich von Gebäude zu Gebäude, "erst die Staatsoper, dann die Humboldt-Universität, die russische Botschaft, und endlich das Adlon", da hatte er es fast geschafft. Dummerweise hatte er da längst mit Blasen an den Füßen zu kämpfen. "Ich hätte doch noch in bessere Socken investieren sollen", sagte er nach dem Rennen, erinnerte sich freudig einer Banane, die er zwischendurch erwischt hatte und war froh, auf einer Mauer in der Sonne zu sitzen.Später, als auch die Zwillingsbrüder eingetroffen waren, sich alle wieder gefunden hatten, haben die vier auch noch etwas Zeit gemeinsam verbracht. Sie wollten ein Steak essen gehen. Ein richtig großes. Sie hatten es sich verdient.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER (3) Anfeuerungsrufe für Fremde und Freunde: Läufer und Skater waren vom Publikum begeistert - und umgekehrt.Die Spitzen-Rollstuhlfahrer sind immer die ersten im Ziel - noch vor den besten Läufern.Die Warmhalteklamotten kamen an den Straßenrand. Sie werden später als Spenden verteilt.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER (2) Teil zwei der Laufgemeinschaft Schwarz: Guntram (l. ) und Bernd, die Sieger im Quartett der vier Brüder.

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