30 Jugendliche aus ganz Europa pflegen auf dem Friedhof Plötzensee Kriegsgräber

"Ich frage nicht, wer unter der Erde liegt"

BLZ
3 Min

Während andere baden gehen, fahren sie auf den Friedhof Plötzensee, jäten drei Stunden am Tag Unkraut, schneiden Efeu und richten Grabsteine: 30 junge Leute aus West- und Osteuropa nehmen in diesem Jahr am Ferien-Camp der Kriegsgräberfürsorge in Berlin teil. Für die meisten ist es "kein Problem", die Kriegsgräber zu pflegen ­ ob die Toten nun Zivilisten oder SS-Männer waren.Für Arianna (18) aus Rom ist es wie "Gartenarbeit", Julie (17) aus England hofft, daß auch ihr Grab "mal jemand sauber macht", und Jewgeni (16) aus Sankt Petersburg meint, er "muß was für den Frieden tun". Pavel sagt es gleich im ersten Satz: Eigentlich will er hier sein Deutsch "aufbessern". Und sonst hätte er keine Möglichkeit, nach Deutschland zu fahren.Im Camp des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge muß er nichts bezahlen, aber nur, weil er aus Osteuropa ist, aus Tschechien. Die Mädchen aus England, mit denen er sich in den letzten Tagen angefreundet hat, haben 250 Mark Eigenanteil für 14 Tage Berlin und drei Stunden Grabpflege täglich bezahlt.Pavels Eltern wissen nicht, daß er an diesem heißen Sommermorgen das Grab von Heinz Pohlenz, gefallen 1944 in Italien, pflegt ­ der 18jährige hat ihnen von der gärtnerischen Totenpflege nichts erzählt. Würde er auch am Grab eines SS-Mannes knien und Efeu verschneiden? "Na ja, ich würde drüber nachdenken", sagt Pavel. Aber eigentlich ist seine Meinung: "Leute starben auf beiden Seiten, und manche mußten eben an die Front." Jugendcamp-Philosophie ­ ganz im Sinne der Kriegsgräberfürsorge."Diese Generation hat ja eigentlich keinen Bock aufs Dritte Reich und so", sagt Bente Segatz, Landesgeschäftsführerin des Volksbundes. "Eigentlich wissen die oft nur eins: Daß sie nicht mit Mama und Papa nach Mallorca wollen." Aber der Friedhof, das Grab eines Bombenopfers oder eines Wehrmachtssoldaten, sei "ein pädagogisches Medium". Die Täter-Opfer-Diskussion würde sie von Anfang an in "die richtigen Bahnen" lenken: "Für uns gibt es nicht den guten oder schlechten Toten, für uns sind alle gleich."Weil Chefin Bente Segatz so "positiv volksbundgeschädigt ist" und "auch lässig sein kann", weiß sie, daß bei den jungen Leuten gleich nach der Totenpflege die Spaßpflege kommt. Das heißt im Camp: Es gibt Stadtrundfahrten, Spreewaldtouren, Einkaufsbummel und jede Menge Zeit für Privattrips ins Nachtleben der Hauptstadt.Auch Sabine Skott (18) aus Pankow wollte vor drei Jahren nur "billig wegfahren". Heute ist sie "Teamerin", betreut die Jugendlichen und sagt: "Ich komme gar nicht mehr los davon." Sie freut sich über die 360 Mark für drei Wochen und auch darüber, daß sie "jetzt mal im Wedding Urlaub machen kann". In ihrer Familie gab es keine Kriegstoten. "Deshalb frage ich mich gar nicht erst, wer da unter der Erde liegt."Judka Strittmatter

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner