Dass man heute ungebrochen Tschechow auf die Bühnen holen kann, sieht man an der noch heute zutreffenden Beschreibung der Gegenwart, wie er sie zum Beispiel in einem Brief an seinen Bruder formuliert: „Die Menschen fressen, saufen, schlafen und sterben (…). Dann kommen andere Menschen zur Welt, die wieder fressen, saufen und schlafen. Und damit sie vor stinkender Langweile nicht völlig verblöden, amüsieren sie sich mit Wodka, Karten und Intrigen. Und dieser unsäglich primitive Einfluss zerstört die Kinder, und sie verwandeln sich in Leichen, genauso erbärmlich wie ihre Eltern.“ Die litauisch-amerikanische Regisseurin Yana Ross, die mit einer eigenen Fassung nach Tschechows frühem Stück „Iwanow“ am Berliner Ensemble debütiert, hat dieses Zitat dem Titelhelden in den Mund gelegt.
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Sie hat es dennoch nicht dem Publikum überlassen, die eigene Gegenwart in dem realistischen Stück aus dem 19. Jahrhundert zu finden. Die Handlung ist in unsere Gegenwart verlegt, sie spielt nicht in einem der Kreise in Mittelrussland, wie es bei Tschechow heißt, sondern in Gütersloh, und zwar in dem leicht ranzigen Tennisklub Netzroller. Kein russischer Landadel also, sondern deutsches Wohlstandsbürgertum. Kartenspielen ist nicht das Amüsement der Stunde, sondern Instagram.
Lebenshass und schlechte Laune
Iwanow heißt Nicolas und ist mit seinen nicht mal 40 Jahren körperlich und geistig ein alter weißer Mann. Und weil Schwindsucht heute heilbar ist, ist Nicolas’ Frau Sarah (Constanze Becker) tödlich an Krebs erkrankt. Nicolas liebt sie nicht mehr, wagt es aber nicht, sie zu verlassen, schließlich hat sie für ihn ihren jüdischen Glauben aufgegeben und sich von ihrer reichen Familie verstoßen lassen. Er hasst sein Leben, fühlt sich zu der 21-jährigen Sascha (Amelie Willberg), der Tochter des Tennisplatzpächters Paul (Paul Herwig), hingezogen, hasst sich auch dafür. Und mit diesem Hass vergällt er dem ganzen Tennisklub, der allerdings aus Leuten besteht, die ihr eigenes Leben ebenfalls hassen, die Laune.
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Die Verlagerung in die konkrete Gegenwart ist nicht gelungen, sie lässt das Stück altern. Da helfen auch keine hineingefummelten aktuell-politischen Diskurse, über die die Gesellschaft in Streit gerät. Eher platt fällt der Einbau einer reichen Influencerin aus Dubai aus (Zoë Valks), die tatsächlich als Heiratskandidatin für den verarmten Witwer Matthias (Veit Schubert) ins Auge gefasst wird. Wie passt das zu der löblichen Stärkung der anderen Frauenrollen?
Antisemitische Entgleisung
Diese willkürlichen Eingriffe lockern den Zwang des sozialen Gefüges und lassen die inhärenten Konflikte verläppern. Wenn die Frauen so selbstbewusst sind, fragt sich noch viel dringender als bei Tschechow, was sie ausgerechnet an dem Schluffi Iwanow finden, zumal Peter Moltzen ihn doch sehr gebrechlich anlegt. Vielleicht, um überhaupt etwas zu spielen zu haben, hat er sich ein Knie- und Rückenleiden sowie einen eklatanten Konditionsmangel aufgeschafft. Dass dann der dramatische Höhepunkt zurechtgebastelt werden muss und in einem innerehelichen Ausbruch von Antisemitismus besteht, der bei Tschechow eher unterschwellig zum Gesamtbild gehört, zerstört jeden ohnehin schon schwachen identifikatorischen Impuls.
Aber nicht nur der Wechsel der Zeit, sondern der des Genres schadet dem Stück, von dem Tschechow selbst nicht klar war, ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist. Yana Ross strebt mit Derbheit Leichtigkeit an und versucht, die Situationen mit den Mitteln des Boulevards zu überdrehen. Das geht auf Kosten der Figuren, durch die man sich in seinen ungerechtesten Klischees bestätigt fühlt, die man über die Gütersloher Mittelschicht hat. Tschechow liebte seine Figuren mit all ihrer geistigen und seelischen Armseligkeit, deshalb erkennt man sich in ihnen und entkommt ihnen nicht. Über die Armseligkeit, die am Berliner Ensemble vorgeführt wird, kann man sich leicht erheben.
Iwanow. 22. Januar, 18 Uhr; 7., 8. Februar, jeweils 19.30 Uhr im Berliner Ensemble, Karten unter Tel.: 030 28408115 oder www.berliner-ensemble.de
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