Gastbeitrag

Ostdeutsche Identität: „In der DDR gab es ein Leben jenseits des Politischen“

Unser Autor Karsten Zeidler ist in der DDR geboren. Große Diskriminierung hat er nicht erfahren. Dennoch hat er Vorschläge, wie West und Ost besser zueinanderfinden.

Karsten Zeidler
5 Min
In der DDR gab es nicht nur Stasi und Opposition, sondern auch Alltag. Ein Bild von 1985.

In der DDR gab es nicht nur Stasi und Opposition, sondern auch Alltag. Ein Bild von 1985.

© imago

Das Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann, einem Literaturprofessor aus Leipzig, ist sofort nach seinem Erscheinen zum Bestseller geworden. Und eröffnet eine neue Debatte über ostdeutsche Identität. Gibt es sie überhaupt? Was macht sie aus? Verbergen Menschen, dass sie aus dem Osten kommen? Sind sie stolz drauf? Die Berliner Zeitung lässt Menschen mit Ost-Biografie zu Wort kommen. Wollen auch Sie von Ihrer Erfahrung berichten? Wir freuen uns über Zuschriften an [email protected]. Dieser Text stammt von unserem Leser Karsten Zeidler und ist ein Beitrag zur Debatte.

Ich bin in Frankfurt (Oder) geboren. Die Wende erlebte ich in Berlin und stand dieser aufregenden Zeit positiv gegenüber. Ich hatte das Gefühl, dass die DDR so, wie sie damals war, keine Zukunft haben würde. Im Frühjahr 1990 wurde mir immer klarer, dass die angelaufene Entwicklung zu hastig, ja unkontrollierbar geworden war.

Schon bald kamen aus der Altbundesrepublik diejenigen, die es in ihrer Heimat nicht ganz nach oben geschafft hatten. Die vielleicht sogar gut, aber im Westen eben nur zweite Wahl waren: Politiker, Geschäftsleute, Sportfunktionäre. Und es kamen die, die die Leichtgläubigkeit der Noch-DDR-Bürger ausnutzten.

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Foto: privat

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Ich bin 1967 in Frankfurt (Oder) geboren und aufgewachsen. Meine Eltern und meine Schwester waren bzw. sind Lehrer. Nach meinem Dienst in der NVA studierte ich bis 1993 Geografie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im selben Jahr habe ich geheiratet und wohne seit Ende der 90er-Jahre mit meiner Frau im Bezirk Lichtenberg. Seit dem Ende meines Studiums arbeite ich als Landschaftsplaner. Im Jahr 2005 habe ich mich zusammen mit zwei Gesellschaftern mit einem eigenen Planungsbüro selbstständig gemacht. Wir sind in zahlreichen Bundesländern tätig und betreuen vor allem Vorhaben in den Bereichen Infrastruktur und Wohnungsbau. 2008 habe ich an der Technischen Universität München über Prognosen in der Landschaftsplanung promoviert. In meiner Freizeit fotografiere ich sehr gerne Landschaften und Naturmotive, wie zum Beispiel im Wuhletal. Gelegentlich schreibe ich für Tageszeitungen und Fachzeitschriften Artikel zu den Themenbereichen Naturschutz und Nordeuropa.
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Keine Vorbehalte wegen meiner Ost-Herkunft

In den 90ern hatte ich keinen nennenswerten Kontakt mit Menschen aus den alten Bundesländern. Das änderte sich um das Jahr 2000. Ich trat eine neue Arbeitsstelle in einem Planungsbüro an. Lage: nähe Kurfürstendamm. Chef: auffallend gut gekleidet, jovial, etwas großspurig – mehr West-Klischee ging nicht. Von seiner Ost-Biografie habe ich erst ein paar Wochen später erfahren. Zu spüren bekam ich auch seinen distanzierten Führungsstil und seine ausgeprägte „Hire-and-Fire-Mentalität“.

Meine Kollegen kamen sowohl aus dem Osten als auch aus dem Westen Deutschlands. Nie hatte ich das Gefühl, dass bei unserer Zusammenarbeit die Herkunft eine Rolle spielte. In dieser Zeit begann ich, parallel zu meinem Bürojob an einer Dissertation zu arbeiten. Ich promovierte 2008 an der TU München. Meine Doktormutter und die anderen Gutachter kamen aus den alten Ländern. Immer wieder reiste ich nach München, hielt zum Beispiel einen Vortrag vor Studierenden – mehrheitlich aus Oberbayern. Auch bei diesen Begegnungen sind mir keine Vorbehalte wegen meiner Ost-Herkunft aufgefallen.

Ein friedlicher und respektvoller Umgang ist wichtig

Vor bald zwanzig Jahren habe ich mich mit zwei Kollegen selbstständig gemacht. Beide kommen aus den alten Bundesländern. Wir haben etwa 20 Angestellte. Mindestens doppelt so viele Angestellte sah ich kommen und das Büro wieder verlassen. Im Büro hatte ich noch nie das Gefühl, dass es zwischen Kollegen aus Ost und West Vorbehalte gibt.

Grenzen zwischen Kategorien beginnen zu verschwimmen. Im Büro haben wir zwei Kollegen, die seit langen Jahren in Ost-West-Beziehungen stehen und Eltern geworden sind. Eine andere Kollegin ist im Vorschulalter mit ihren Eltern von West nach Ost gezogen und weitgehend im Osten aufgewachsen. Ist sie jetzt Wessi oder Ossi (ich mag diese Begriffe nicht besonders)?

Im teils stressigen Büroalltag haben wir anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen. Das Wichtigste ist für mich, dass wir dabei freundlich und respektvoll miteinander umgehen. Ich habe kaum das Bedürfnis, meine Kollegen mit West-Biografie zu fragen, wie sie über meine Ost-Biografie denken oder über Geschehnisse, die mehr als 30 Jahre zurückliegen.

Menschen aus den alten Ländern sollten mehr Fragen stellen

Grob geschätzt habe ich an 100 Vorstellungsgesprächen teilgenommen. Neue Mitarbeiter wurden und werden immer nach Eignung eingestellt. Meine beiden Gesellschafter haben nie angeregt, jemanden wegen seiner West-Herkunft einzustellen – auch nicht bei gleicher Eignung zweier Bewerber.

Schließlich wären da noch unsere Auftraggeber: Auch bei denen ist mir nie aufgefallen, dass sie meine beiden Chef-Kollegen für kompetenter halten würden.

Meine Biografie eignet sich also nicht, Differenzen zwischen Alt- und Neubundesbürgern zu belegen. Natürlich nehme ich über Medien und durch Berichte von Menschen in meinem Umfeld wahr, dass es diese Differenzen durchaus gibt. Daher habe ich einige Wünsche an die Art und Weise, wie Menschen aus Ost und West miteinander umgehen.

Ich denke, Menschen aus den alten Ländern sollten mehr Fragen stellen, sich weniger sicher sein, schon alles über die DDR zu wissen. Allen im Osten Geborenen sollte dabei bewusst sein, dass schon in der Altbundesrepublik über viele Jahre ein mediales Bild von der DDR gezeichnet wurde. Nach der Wende war und ist es immer noch schwierig, dieses Bild bei den Westgeborenen zu relativieren.

Dass es eine Ostidentität gibt, steht für mich außer Frage

So scheint es für viele Menschen in den alten Ländern unvorstellbar, dass es im Osten auch einen Alltag jenseits des Politischen gab. In dieser Sichtweise werden sie nach meinem Eindruck in gesellschaftlichen Diskursen sowie in Kultur und Kunst mit DDR-Bezug eher noch bestärkt.

Menschen mit Ostherkunft sollten versuchen, offen und selbstbewusst mit ihrer Biografie umzugehen, auch wenn das je nach persönlichem Umfeld schwerfällt. Einen Grund für Zurückhaltung, für Verunsicherung oder gar Scham gibt es keineswegs.

Dass es eine Ostidentität gibt, steht für mich außer Frage. Diese ergibt sich aus der Sozialisierung in der DDR und dem Erleben zweier unterschiedlicher Gesellschaftssysteme. Letzteres sehe ich als Privileg und wertvolle Erfahrung.

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