Literatur

Dorota Maslowska fantasiert über David Bowie in Warschau – doch es geht um Gewalt

Dorota Maslowskas neues Buch „Bowie in Warschau“ ist eine Parabel auf das heutige Polen. Es reist in die Vergangenheit, will aber die Gegenwart zeigen. Ein Interview.

Arkadiusz Łuba
9 Min
Die polnische Schriftstellerin Dorota Maslowskas

Die polnische Schriftstellerin Dorota Maslowskas

© Arkadiusz Luba

Wie einst in den Siebzigern, im Zug von Moskau Richtung Westen mit einem zweistündigen Zwischenhalt in Warschau, bräuchte der britische Sänger David Bowie heute wieder seinen Reisepass, um – nach dem Brexit – nach Polen reisen zu können. Die polnische Schriftstellerin Dorota Maslowska wurde Mitte Januar mit dem „Pass der Wochenzeitung Polityka“, einem wichtigen Preis für Kunst- und Kulturschaffende, ausgezeichnet. Ihr bis dato letztes Buch „Bowie w Warszawie“ („Bowie in Warschau“), das in der Hauptstadt der Volksrepublik Polen spielt, ist beim Rowohlt-Verlag auf Deutsch erschienen. Arkadiusz Luba sprach mit der Autorin während der Buchpremiere im Literaturhaus Berlin.

In jenem Mai 1973 oder April 1976 hatte der Musiker David Bowie zig Minuten, um im Warschauer Stadtteil Zoliboz die Befindlichkeiten eines Volkes und eines Landes zu studieren und sie festzuhalten. Er ging durch die grauen Straßen und befand sich auf einmal in einem Laden, in dem er sich eine Schallplatte eines polnischen Volksgesangsensembles kaufte, die ihn zu dem Lied ‚Warsaw‘ aus dem Album ‚Low‘ (1977) inspirierte.


Dorota Maslowska, diese Geschichte inspirierte Sie wiederum, Ihr Buch zu schreiben. Warum Bowie?

Ich wollte gerne spekulieren, eine Fantasie schaffen: Wie hätte er sich in der Stadt gefühlt? Wen hätte er auf der Straße treffen können? Wie hätte er die Stadt gesehen? Ich wollte in das damalige Warschau und in das damalige Polen in seinem Kopf eintauchen, das sehen und begreifen. Da ich viel später geboren wurde, ist das kein dokumentarisches Buch. Ich konnte nämlich nicht aus eigener Erfahrung schreiben. Das war aber auch nicht mein Ziel. Ich könnte von bloßen Fakten nicht entzückt werden. Ich hatte Angst vor Bowies fanatischen Fans; vor „Radikalen“, die mir von Anfang an auf die Füße getreten sind. Denn als es bekannt wurde, dass ich an so einem Text arbeite, wartete man auf meine Fehler, wann nenne ich eine falsche Zeit oder einen falschen Bahnhof, an dem er ausgestiegen ist, oder dass er andere Wege genommen hat, als es in der Realität der Fall war usw. Ich wollte also diese Falle umgehen. Nach der Veröffentlichung des Textes griffen mich nicht nur die sogenannten Bowielogen an, sondern auch eine Sektion der Frauen, die der Meinung waren, dass Bowie ein sexueller Übeltäter gewesen sei und dass man keine Theaterstücke über ihn schreiben dürfe.

Sie sind 1983 geboren, haben also das kommunistische Land nicht wirklich erlebt. Was half Ihnen, die damalige Realität zu beschreiben? Waren das Bücher, Filme, Liedtexte? 

Ich hatte die Idee, in die gefälschte, didaktische Sprache der polnischen Popkultur der 70er-Jahre einzutauchen. Ich schaute sozialrealistische Filme und Serien. Ich las populäre Bücher, Krimis und Jugendliteratur, die damals massenhaft aufgelegt wurden. All diese Werke setzten Propagandaziele der kommunistischen Partei um. Sie wurden in einer steifen, verstellten, übertriebenen Umgangssprache geschrieben. Ich finde sie aber aufregend. Und genau diesen Ton versuchte ich aufzufangen und in mein Werk einfließen zu lassen.

Über Bowie und über seine Musik ist in dem Buch nicht viel zu lesen. Er taucht am Anfang und am Ende kurz auf. Dafür liest sich der Text wie eine Partitur. Da er im polnischen Original (im Gegenteil zum Fließtext der deutschen Übersetzung) in reimlosen Versen wie bei Shakespeare geschrieben ist, ist er sehr rhythmisch, musikalisch. Es gibt auch Liedtexte darin. Woher kommt das?   

Das kommt aus meiner Liebe zum Musical. Ich mag es tatsächlich, meine Theaterstücke musikalisch zu machen. Fanatisch bin ich in die Musik der 60er- und 70er-Jahre verliebt und ich höre sie auch oft. Ich träumte davon, dass ich mich in diese Zeit einschleichen und irgendetwas aus ihr konstruieren könnte. Die Lieder waren mir auch wichtig, da sie einen gewissen Zeitgeist transportieren; etwas, was ich als ein „nationales Unterbewusstsein“ bezeichnen würde. Oft haben Lieder eine volkstümliche Seele. Vor allem Lieder aus der Zeit der Volksrepublik Polen, die ausschließlich von Männern geschrieben wurden, sind auf eine besondere Art und Weise falsch und unecht; es gibt viele Lügen in ihnen. Mich hat also darin der unehrliche Ton interessiert und den habe ich versucht zu rekonstruieren. Er zeigt nämlich die Ungleichheit und die Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau.

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Das ist auch der zentrale Punkt in Ihrem Buch. Dieses Hybride aus einem Krimi und einem Sittendrama erzählt eine bewegende Geschichte. Sie ist voller mentaler und häuslicher Gewalt, Misogynie und Unterdrückung der Frauen. Die Frauen stecken in verschiedenen Korsetten. Die eine heiratete einen Alkoholiker, der sie schlägt; die andere wird von ihrem Mann vor allem als ein Gegenstand behandelt, beinahe entmenschlicht; zwei weitere kämpfen darum, sie selber sein zu dürfen und unterlegen dem allgegenwärtigen, mobbenden Patriarchat. In den Straßen treibt ein Damenwürger sein Unwesen. Aus welchem Grund haben Sie sich für diesen Plot entschieden?  

Nachdem ich die Literatur und die Filme der 70er-Jahre studierte, konnte ich diese Entdeckung nicht loswerden. Mein spektakulärster Fund war eine latente, aber doch massive Gewalt gegenüber Frauen, ihre niedrige Position in der Gesellschaft. Die Figur Bowies nutze ich als eine Sonde, die mir ermöglicht, all das, was ich gut kenne, nochmals scharf zu sehen. Und deshalb ist das Buch ein Almanach der polnischen Gewalt gegenüber Frauen.

Dorota Maslowska
Arkadiusz Łuba

Dorota Maslowska

Maslowska wuchs in Wejherowo (Neustadt in Westpreußen) auf und begann nach dem Abitur ein Psychologie-Studium an der Universität Danzig, wechselte aber bald nach Warschau, um Kulturwissenschaft zu studieren. Ihren Debütroman „Wojna polsko-ruska pod flagą biało-czerwoną“ (2002) schrieb sie im Alter von 18 Jahren während des Abschlussjahres am Liceum. Der Roman (wörtlich: „Polnisch-russischer Krieg unter weiß-rotem Banner“) wurde in die wichtigsten europäischen Sprachen übersetzt.

MeToo ist ein beschämendes Phänomen, das überall passiert, auch in der Verlagsbranche. So kann auch eine Autorin in ein Korsett eingeengt werden. Inwieweit hat das Ganze also auch mit der Schriftstellerin Dorota Maslowska zu tun? 

Lange bemerkte ich nicht, dass auch ich in meiner künstlerischen Arbeit durch verschiedene Männer in Besitz genommen und von ihnen verwaltet wurde. Das war mir nicht einmal bewusst. Das war eine Art transparentes Geschehen, das ich erst zu begreifen anfing, als ich eine reife Person wurde. Als ich debütierte, gab es in Führungspositionen nur Männer. Und das machte mich wahnsinnig, dass Literaturwissenschaftler oder Schriftsteller, die viel weniger geschrieben haben als ich, plötzlich sehr viel über mich zu sagen hatten; darüber, was ich mache. Sie rieten mir, was ich machen sollte; oder sie spekulierten, was an meiner Karriere falsch war oder warum sie zu Ende gegangen sei; oder wann ende ich endlich. Das war absurd. Und all das räche ich mit den versagerartigen Männerfiguren in meinem jetzigen Buch. Ja, es ist ein Buch auch über mich.

Beim Lesen Ihres Buches habe ich einige Symbole des kommunistischen Polens gesehen, darunter die überbackene Champignons-Baguettehälfte, die Rotorwaschmaschine „Frania“, der Nutriapelz, leere Regale in Lebensmittelläden, Lebensmittelmarken, Schrankbetten und Schrankwände, die nach Chemie schmeckende Orangeade, unendliche Warteschlangen, die Propaganda und vor allem die fehlende Freiheit. Der bunte Vogel Bowie steht als Symbol für die Freiheit und für den Westen, zu dem Polen damals keinen Zugang hatte. Was wollten Sie durch diese Opposition zeigen?

Ich wollte die Falle dieser Realität zeigen, die ihre Bewohner auf verschiedenen Ebenen würgt. Ich wollte einen engen Raum darstellen, in dem sie sich an einer falschen Sprache, an Armut, an Grau, an Wertlosigkeit und an Unwahrheit festklemmen. Ich sah in dem bunten Vogel und umstürzlerischen Künstler David Bowie, der jegliche Grenzen überschritt und eigene ästhetische und ethische Kanons schuf, einen interessanten Kontrast dazu, was in Polen damals passierte oder eher nicht passierte. Denn Polen zeichneten damals Paralyse und Halbtod aus.

„Bowie in Warschau“ von Dorota Maslowska

„Bowie in Warschau“ von Dorota Maslowska

© Rowohlt Verlag

Seitdem hat sich in dem Land jedoch viel verändert: Vor allem das politische und wirtschaftliche System; auch in religiöser Hinsicht hat sich herausgestellt, dass Polen nicht nur katholisch ist, dass es auch andere Religionen gibt. Das Land ist Mitglied der Europäischen Union geworden und seine Bürger können sich frei in Europa und der Welt bewegen. Läden sind voll, eine Flut bunter Werbung animiert zum unbegrenzten Konsum. Sie haben Ihr Buch aber hier und jetzt geschrieben. Sind also die heutigen Polen von dem damaligen Grau, von dem damaligen Halbtod gekennzeichnet?

Wenn es nicht der Fall wäre, hätte ich diese Themen nicht berührt. Ich schrieb das Buch nicht, um zu zeigen, wie es damals in Polen war, aber wie sehr wir von dort, aus der grauen Realität und der politischen und mentalen Unterdrückung entspringen.

Wie manifestiert sich also dieses Erbe heute? Was von der damaligen Realität ist im heutigen Polen vorhanden? Und ist die Unterdrückung durch die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei von damals heute in der PiS-Politik präsent?

Die Volksrepublik Polen ist Teil unserer Geschichte, Kultur, aber einfach auch der Biologie, der DNA geworden. Die damaligen Hierarchien und die damalige Sittlichkeit, die flexible, schlaue und lavierende Menschen, die solche Ideale wie „Auftreiben“ und „Geschicklichkeit“ kreiert hatten, haben tief die Mentalität nachfolgender Generationen von Polen geprägt. Was mir als das schlimmste Erbe der Volksrepublik erscheint und worüber ich auch in „Bowie“ schreibe, ist, dass die Menschen sich an die von vornherein gewaltsam aufgezwungene Ordnung und daran, dass man sie kurz an der Kette hält, gewöhnt haben. Das ist meiner Meinung nach einer der Gründe, warum die Polen in der PiS-Regierung etwas Vertrautes und Verständliches fanden.

Viele freie Geister haben Polen wegen des Klimas in Polen bereits verlassen. Könnten Sie sich das auch vorstellen und woanders leben?

Wie jede sensible Person fantasiere ich manchmal, dass ich woanders wohne und all das hier mich nicht mehr betrifft. Doch als Schriftstellerin bin ich von der polnischen Sprache abhängig, denn nur sie fühle ich und nur ihre Mechanismen verstehe ich so tief wie keine andere. Wenn ich also wegziehen würde, wäre ich zwar glücklicher, würde mich aber etwas berauben, was ich sonst zu meiner Vollständigkeit brauche. Mein Leben wäre leichter, aber auch unerträglich leichter.

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