Das Buch „Rote Sirenen – Geschichte meiner ukrainischen Familie“ schrieb Victoria Belim vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine (Aufbau-Verlag). Die Autorin lebt in Belgien und kommt am Mittwoch zu einer Lesung nach Berlin. Wir wollen von Sieglinde Geisel, die mit ihr im Georg-Büchner-Buchladen sprechen wird, wissen: Was erfährt man in diesem Roman über die Ukraine, und kann das Buch helfen zu verstehen, was heute geschieht?
Sieglinde Geisel: Victoria Belim war 15 Jahre alt, als sie 1994 die Ukraine verließ und mit ihrer Familie in die USA auswanderte. Als Putin 2014 die Krim annektiert und den Krieg im Donbass beginnt, kommt ihr die alte Heimat auf einmal wieder nahe: Sie besucht ihre Großmutter Valentina, die in der Nähe von Poltawa auf dem Land wohnt und sich vor allem ihrem Garten widmet. Sie macht sich auf eine doppelte Spurensuche: Einerseits geht es um das Schicksal ihres Urgroßonkels Nikodim, der in den Dreißigerjahren verschwunden war und über den in der Familie nicht gesprochen wurde, andererseits erforscht sie ihr eigenes Verhältnis zu dem Land ihrer Herkunft. Daraus ergibt sich ganz von selbst, dass sie anhand ihrer eigenen Familie ein ganzes Jahrhundert der ukrainischen Geschichte erzählt, von der Revolution von 1917 bis zur ukrainischen Unabhängigkeit 1991 und den Jahren danach.
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Das eine, was mir über die Ukraine klar wurde: Welche Belastung das Erbe der Sowjetunion darstellt, die alles durchdringende Angst vor der Gewalt des Geheimdiensts ebenso wie das Schweigen über die Vergangenheit, letztlich die Unfähigkeit zu trauern. Das andere, was ich bereichernd finde, ist ein Einblick in die Zeit nach der Unabhängigkeit: In der Ukraine werde sich nie etwas ändern, davon sind die Verwandten und Nachbarn sich einig – weder die Orange Revolution noch die blutigen Proteste des Euromaidan hätten das Land weitergebracht.
Das war mir neu, und angesichts dieser ursprünglichen Resignation habe ich noch mehr Respekt für den militärischen Widerstand und die Entschlossenheit der Ukrainerinnen und Ukrainer in diesem entsetzlichen Krieg. Ich freue mich, mit ihr über das Buch reden zu können und darüber, wie sie diese Zeit jetzt durchlebt. Victoria Belim spricht auch Deutsch, das Gespräch werden wir allerdings auf Englisch führen.
Lesung und Gespräch am 26.4., 20 Uhr, Georg-Büchner-Buchladen, Wörther Str. 16
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