Rock

Abgeklärter Aufrührer: André Herzberg und sein starkes Alterswerk „Von woanders her“

In den 1980ern war der Sänger der Band Pankow ein Rockstar in der DDR. Auf seinem neuen Album arbeitet er sich an seiner Biografie ab. Will er nun abtreten?

4 Min
Rocksänger und Schriftsteller André Herzberg

Rocksänger und Schriftsteller André Herzberg

© Ullstein/picture alliance/dpa

„Vorn bin ich lustig, hinten traurig. Traurig ist peinlich, lustig ist leicht.“ Im Titelsong seines neuen Soloalbums „Von woanders her“ blickt André Herzberg auf sein Schaffen zurück und er resümiert: „Ich mach’s so lange schon, da gibt’s kein Zweifel mehr. Die paar Jahre noch, ich pfeif auf große Ehr“. Sein Label Reptiphon hat das Album als „Ouvertüre zum letzten Akt“ angekündigt. Will Herzberg, der in den 1980er-Jahren der schmissigste Rocksänger im Osten war, etwa schon abtreten – dabei ist er doch erst 67!

Wer sich noch mal vor Augen führen will, wie agil André Herzberg und die Band Pankow seinerzeit agierten, der kann in der ZDF-Mediathek in die aktuelle Doku über die Neue Deutsche Welle reinschauen, in die die Rockband musikalisch gar nicht reingehörte. Hier kommt auch zur Sprache, warum es vom provokantesten Auftritt André Herzbergs kein Video gibt: Denn der Sänger marschierte 1983 zum Stück „Ich bin lieb“ in der Figur des ewigen Mitläufers in einer Wehrmachtsuniform auf die große Bühne im Palast der Republik – und das zur TV-Show „Rock für den Frieden“. Doch das DDR-Fernsehen schnitt den Auftritt der Band Pankow aus der Sendefassung heraus. Ärger gab es auch 1989, als sie das Stück „Langeweile“, in dem Herzberg davon sang, dass er die alten Männer zu lange verehrt hätte, im Westfernsehen aufführten.

Wer André Herzbergs spannende Biografie kennt, dessen Eltern zu DDR-Zeiten den SED-Kurs mittrugen und der sich später intensiv mit seiner jüdischen Herkunft auseinandersetzte, und wer Pankow seit 40 Jahren auf der Bühne erlebt, der wird im Album „Von woanders her“ viele Anspielungen entdecken. Herzberg kreist wie gewohnt um sich selbst und reibt sich als politischer Mensch an der Welt, inzwischen aber abgeklärter als früher.

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Seit 1990 veröffentlicht der Sänger und Texter, der sich zwischendurch für ein paar Jahre von der Band verabschiedet hatte, eigene Solo-Alben. Die Pankow-Alben (das letzte mit neuen Songs erschien 2011) entstanden ja stets im Zusammenspiel mit dem Gitarristen Jürgen Ehle. Seit einigen Jahren sind die Gitarristen Karl Neukauf und Hans Rohe, die unter anderem mit Danny Dziuk kooperierten, André Herzbergs Begleiter. „Von woanders her“ klingt aber mitunter so fett und mächtig, als wäre eine große Band am Start. Das Stück „Dem Tod von der Schippe gesprungen“ kommt als treibende Blues-Rocknummer daher, als wollte er dem Tod entfliehen.

Die Ballade „Ich schreib ein Lied“, das mit der Einsamkeit zu Corona-Zeiten spielt, wird zum Gospel-Choral. Mit Reggae unterlegt ist die spielerische Nummer „Du musst dumm sein“, in der Herzberg über den Dauerzirkus der Medien spottet – und die live zum Hit werden könnte. Finster dröhnt seine Abrechnung mit dem „Diktator“ aus dem Kreml, dem „Teufel mit Menschengesicht“. André Herzberg singt hier davon, dass er sich schon als Kind mit allgegenwärtigen Autoritäten auseinandersetzen musste, die über sein Leben bestimmen: „Ich war einer, du warst alle. Ich war Kind, du die Partei“ und resümiert bitter: „Wird einem denn in meinem Alter gar nichts mehr geschenkt!“

Tief im Blues steckt auch die Nummer „Viel zu tun und hänge rum“. Die schleppende Gitarre spielt mit der Zerrissenheit und dem quälenden Gefühl, von den Herausforderungen ausgebremst, ja gelähmt zu werden. „Ich fang an zu rennen, wird nicht besser von, bleib einfach stehen, viel zu tun und hänge rum“. Das Stück erinnert an Pankows legendäre Vorwende-Nummer „Langeweile“. Damals begleitete das holpernde Banjo von Jürgen Ehle den Refrain von André Herzberg: „Ich bin rumgerannt. Zu viel rumgerannt. Ist doch nichts passiert.“ Das Album hieß „Aufruhr in den Augen“ – und der Titel passt auch heute noch.

André Herzberg: Von woanders her. Reptiphon/Broken Silence 2023

Konzert: Freitag, 28. April, 20 Uhr, Wabe, Danziger Straße 105, VVK 22 Euro

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