Sam Smith ist begeistert von der Energie in der Berliner Benz-Arena. „Wo ich herkomme“, sagt Smith mit britischem Understatement, „da geht montagabends nicht sehr viel. Aber hier in Berlin! Was für ein toller Vibe!“ Das gut mit Glitzerketten ausgerüstete Publikum goutiert das Smith’sche Lob mit noch mehr Jubel. Die Show läuft kaum seit einer Viertelstunde, aber die Stimmung ist schon Drama-Disco.
Nun hat sich Oscar- und Grammy-Preisträger Sam Smith freilich mit dem Maifeiertag einen ganz besonderen Montag ausgesucht, um in Berlin zu performen im Rahmen seiner „Gloria“-Tour. Viele sind wahrscheinlich froh, dass sie trotz Polizeieinsatz rund um den Kotti eine nicht gänzlich überfüllte U1 zur Warschauer Straße bekommen haben, um dann zur Mercedes-Benz-Arena zu flanieren, die am ziemlich seelenlosen Mercedes-Platz liegt. Aber von Smith darf man sich natürlich jede Menge Soul erwarten. Was, wenn nicht das?
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Drinnen in der Arena erwarten einen Merchandise-T-Shirts für 40 Euro mit der nicht auf den ersten Blick sympathischen Aufschrift „I’m Not Here To Make Friends“. Sind Sam-Smith-Fans eigenbrötlerische Solitäre, die bei einer Party an der Wand lehnen und niemanden kennenlernen wollen? Nicht zwangsläufig. Wer Smiths gleichnamigen Song kennt, weiß um die charmante Pointe: Auf „I’m not here to make friends“ folgt im Liedtext nämlich „I need a lover, I need a lover (I need a lover, I need a lover)“. Ganz schön flirty! Man darf sich dabei auch an den „Bad Romance“-Song Lady Gagas erinnert fühlen – einer anderen großen Queer-Ikone. Auch dort der Hinweis, man sei gerade auf was anderes aus als bloß Freundschaft.
Vor den Damen- und Herrentoiletten im Erdgeschoss kleben Hinweisschilder: Genderneutrale Toiletten befänden sich „bei Block 210“. Keine Kleinigkeit, zumal bei diesem Konzert: denn Sam Smith selbst definiert sich seit 2017 als genderqueer und nicht-binär.
Das Bühnenbild der Arena wirkt vor Show-Beginn noch wie ein Zuckerwatte-Schneegebirge. Sam Smith erklimmt den weißen Hügel während des Openers „Stay With Me“, der damit einsetzt, dass Smith schmachtend bekennt, in Sachen One-Night-Stands nicht gut zu sein. Dann aber nackte Tatsachen! Das weiße Mega-Bettlaken wird gelüftet, nun wirkt die Bühne nicht mehr wie ein Eispalast: Unter dem weißen Stoff verborgen lag die ganze Zeit schon eine gigantomanische Goldfigur. Liegend füllt sie fast die ganze Bühne – von links nach rechts. Smith ist auch eine Ikone für Body-Positivity: der Haltung, sich für den eigenen Körper nicht zu schämen.
Die Figur dürfte mutmaßlich Sam Smith selbst darstellen. Original-Sam-Smith indes stöckelt auf Plateau-High-Heels über die XXL-Version in Gold. Über den Hintern bis hin zu den Füßen. Unterwegs trifft er die Leute seiner Band: Schlagzeug, Bass, Gitarre und, besonders wichtig: das Pianoforte. „Won’t you stay with me?!“, fleht Smith in seiner Hitballade, sodass kaum jemand, der noch Herz hat, ernsthaft mit Nein antworten könnte. Gekleidet ist Smith dabei in eine Art Wespentaillen-Mieder. Smith trägt Zweitagebart und Glamour-Ohrringe.
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Mit seinem androgynen Outfit unterstreicht Smith natürlich auch seinen Status als Super-Queero in der Popmusik der Gegenwart: Einige junge, queere Acts konnten in den letzten Jahren größere Erfolge verbuchen. Man denke nur an Lil Nas X, Jahrgang 1999, der mit dem Song „Old Town Road“ 2019 gar den Charts-Rekord von Mariah Carey knackte. Aber bei kaum einer jungen queeren Ikone ist der Erfolg so nachhaltig wie bei Smith: Oscar für den James-Bond-Titeltrack „Writing’s on the Wall“. Fünf Grammys, zuletzt 2023 für das „Unholy“-Duett mit Kim Petras, der Kölner Kalifornierin, die selbst trans ist. Mehrfachplatin-Status in den USA und im Vereinigten Königreich. Auch Smiths „Gloria“-Platte sprang dieses Jahr wieder auf die 1 der Album-Charts.
Sam Smith beim Berlin-Konzert: Kopfstimme ist Herzenssache
Hauptverantwortlich für diesen atemberaubenden Erfolg ist natürlich die Smith’sche Premium-Soul-Schmelzstimme. Dieses Falsetto eines gebrochenen Engels führt Sam Smith auch in Berlin am Ersten-Mai-Montag eindrucksvoll vor. Die Smith’sche Kopfstimme ist ganz klar eine Herzensangelegenheit. Und wie die Hebebühne, die Smith in Sekunden auf den gigantomanischen Gold-Popo hievt, kann auch Smith selbst sein Publikum mit seiner Stimme in Sekunden vom Low zum High zum nächsten Drama-Low geleiten. Besonders drastisch gelingt Smith das in der Power-Ballade „Too Good At Goodbyes“, die davon handelt, dass sich das lyrische Song-Ich eine härtere Emo-Schale zulegt, da Beziehungsenden für es gleichsam zur Routine werden. Was in sich schon wieder traurig ist. Aber Smith nickt seinem Publikum aufmunternd zu. Und dann gibt es eh den typischen Smith-Effekt: Alle, die bei seinen Liedern weinen, wissen, dass sie noch ein Herz haben und nicht zu sehr abgestumpft sind in dieser aufs Abstumpfen ausgelegten Welt.
Verstärkt wird Smith auf der Bühne von einem kleinen, aber fulminanten Gospel-Soul-Chor; und von einem Dutzend genderfluider tanzender Menschen, die Smith in Glitzer umgarnen. Um Freiheit geht es heute Nacht, verkündet Smith. Das Outfit erinnert mittlerweile an eine Mixtur aus Messdiener-Gewand und runtergerocktem Brautkleid. Das Bühnenlicht bestrahlt es purpur. Wer weiter hinten steht oder im Oberrang sitzt, kann Smiths mutspendende Mimik wohl immer noch auf den in Sepia getünchten Videos genießen. Ein besonders stimmiges Detail: Auf der Haut, die Smiths Kehlkopf überspannt, trägt er ein Anker-Tattoo. Die Smith’sche Stimme schenkt Halt.
Smith gibt vor seinem Handy-Lichtmeer-Publikum Hits wie „How Do You Sleep“ und „Diamonds“ zum Besten. Die Xylophon-Tupfer funkeln wie Diamanten auf den Disco-Beats. Smith hat sich schon wieder in neue Glamour-Schale geworfen! Diesmal ist es ein violettes Kleid, wie ein Cocktail aus Kimono und Boxer-Morgenmantel. Smith verkündigt freudig, dass er es gerade hier zum ersten Mal trage. „Queer“ steht auf einem Schild über seinem Haupt, fast wie ein Heiligenschein. Das Schmähwort von einst wertet Smith kronenhaft in eine Pride-Botschaft um.
Sam Smith auf der „Gloria“-Tour am 1. Mai 2023 in der Berliner Mercedes-Benz-Arena
© PIC ONE/Markus Werner
Heute Abend bekommen wir in Berlin weniger Reggaeton- und Disclosure-House-Sam-Smith. Eher den Schmuseballaden-Sam-Smith. Die junge Whitney Houston trifft Adele. Smith präsentiert sich in Berlin als Klangschmied des Seelenschmerzes und Seelenheils. Und er gibt Tipps für Singles: „Geht aus und tanzt mit jemand Neuem!“ Na, wenn es so leicht wäre! Aber warum nicht gleich hier, beim Sam-Smith-Konzert. Vielleicht findet sich ja noch jemand?
Hohepriesterin der Selbstliebe: Lizzo auf Tour in der Mercedes-Benz-Arena
Viele Menschen hassen Gendersternchen. Aber Sam Smith, dieser genderfluide Star, wird abgöttisch geliebt. Smith hat die Chance, sehr viel Hass wegzuschmelzen. Sowieso ist Smith herzensgut, bedankt sich bei all den Menschen auf der Bühne, „ohne sie wäre ich ein Niemand“. Wer’s glaubt! Aber trotzdem lieb.
Gerade noch ging es so romantisch zu, schon schrubben die Tanzenden über die Goldfigur und steigern sich in penetrationsähnliche Bewegungen hinein. Die Akte 1 und 2 der Show waren mit „Love“ und „Beauty“ überschrieben, wie auf der Videowand hervorging. Der dritte Akt heißt nun schlicht „Sex“. Oha! Dazu: Bläserfanfaren. „He’s The Greatest Dancer“ klingt kurz an, der Sister-Sledge-Hit von 1979. Smiths Stimme selbst erinnert heute Abend oft an eine andere Disco-Queen: die queere Ikone Sylvester („You Make Me Feel [Mighty Real]“). Auch Donna Summer huldigt das Bühnen-Team, „I Feel Love“. Der Track selbst kommt vom Band, während die Tanzenden wie eine Love-Lokomotive in Fahrt kommen. Dazu Regenbogen-Laserlicht quer durch die Arena.
Placebo-Sänger Brian Molko vor Berlin-Konzert: „Wir waren high oder hungover“
Smith hat das Party-Plüsch-Himbeeren-Outfit für den Sex-Akt gegen ein Fetisch-Kostüm eingetauscht: trägt teuflisch rote Handschuhe bis an die Ellenbogen. Das Wespenkorsett fällt bald. Die Nippel sind mit Gaffa-Tape bekreuzt. Untenrum trägt Smith einen Lack-Tanga. Dass er ein paar Kilo mehr auf der Hüfte hat, als Heidi Klum erlauben würde, scheint Smith so was von egal zu sein. Wie kürzlich schon Lizzo in der Benz-Arena zelebriert auch Smith ein Hochamt der Selbstachtung und Selbstliebe.
Zum Finale gibt Smith noch das Grammy-gekrönte „Unholy“. Elegant mastert Smith die Showtreppe so easy wie die herzensbrechenden Melodielinien, während links und rechts wortwörtlich die Hütte brennt, Pyrotechnik sei Dank. Smith streckt einen Teufels-Dreizack empor. Ein schönes Spiel damit, dass einige Hater diese queeren Hymnen wohl für Teufelszeug halten. Die daraus resultierenden Schuld- und Selbsthasskomplexe verhandelt der einst christlich erzogene Smith auch auf seiner jüngsten Platte „Gloria“. Man darf dabei auch denken an die „blasphemischen“ Songs „Like A Prayer“ von Madonna und „Judas“ von Lady Gaga. Bei Smith ist Queerness ein Persönlichkeitsmerkmal, aber zugleich auch Sujet in seinen Songs.
Aus Smiths Zylinder wachsen Teufelshörner gen Himmel. Die Hütte brennt – an diesem 1. Mai sogar in der Arena. Smith hat aus dieser Multifunktionsturnhalle wahrlich eine Abriss-Disco gezaubert und einen berlinoiden Darkroom. Betriebstemperatur: Fegefeuer. Stimmung: bisschen mehr als Freundschaft. Was an einem Montagabend alles geht! Glanz und Gloria in sehr, sehr gay und queer.
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