Man kann sich das ja mal vorstellen oder besser noch: den Plot gleich in Hollywood und dort beim Special-Crash-Boom-Bang-Experten Roland Emmerich pitchen. Wie plötzlich die Erde bebt und bröckelt und aufreißt und sich ein gigantischer Karl Marx aus der Tiefe, nun ja, manifestiert, um Chemnitz, Sachsen, ach was, gleich die ganze Welt zu retten.
Einer durchaus filmreifen Legende zufolge soll nämlich der Nischel, der auf einem würfeligen Sockel drapierte Karl-Marx-Kopf, das Wahrzeichen der Stadt Chemnitz, nur das für alle sichtbare Körperteil sein. 13 Meter hoch, 40 Tonnen schwer, alles aus Bronze. Der Rest soll darunter verborgen sein, und das seit mehr als 50 Jahren. Doch mit jedem Tag schwindet die Hoffnung auf das große Comeback des größten Kommunisten. Wäre es nicht längst an der Zeit gewesen, dass Marx sich godzillagleich aufbäumt und den Haifischkapitalisten den Zahn zieht? Oder wenigstens ein paar Nazis durch den Kakao?
Von B nach C, Ostbesuch, 263 Kilometer
© Berliner Zeitung/Pajović/Amini
Lotta und Nina Kummer, die Chemnitzer Glamourgirls und Frontfrauen der famosen Indie-Pop-Formation Blond, kennen natürlich die Legende. In einer Doku, in der es um junge Rebellen ging, um die Kraft der Musik, sagte Lotta vor dem Nischel stehend: „Ey, da lässt du dir aber ganz schön Zeit. Es gab schon so ein, zwei Momente, wo man hätte sagen können: Jetzt kannst du echt mal raussteigen. Hat er noch nicht gemacht. Weiß nicht, worauf er noch wartet.“ Auf einen BlackRock-VorMerz im Bundeskanzleramt? Oder einen AfD-Ministerpräsidenten im Osten?
Die beiden Kummer-Schwestern - ja, Mann, die mit Felix Kummer verwandt sind - haben eh keinen Bock mehr auf einen männlichen Retter. Es gibt ohnehin zu viele Männer in ihrer Welt, in der Musikbranche, auf den Festivalbühnen, davor und dahinter. Männer, die grapschen und Dickpicks verschicken. Männer, die sich an Lottas Schlagzeug setzen, weil sie ihr keinen Soundtrack zutrauen. Männer, die nur gebucht werden, weil sie Männer sind. Männer, die alt und weiß sind. Wer braucht da noch einen toten weißen Mann, der zwar auf dem richtigen Weg war, aber dann irgendwie doch falsch abbog? Marx schrieb: „Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die Hässlichen eingeschlossen).“
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Auf dem zweiten Blond-Album „Perlen“, das gerade erschienen ist, findet sich nicht zufällig der Song „Männer“. Darin vertextet Lotta die Erfahrungen der Band: „Wir sind allein/ Wo sind all die ander’n Frauen?/ Für so ’ne Pimmelparty mit bleichen Rentern/ War’n wir nicht stundenlang im Proberaum“. Und den Festivalalltag, wo das Bier oft mehr Prozente hat als der Frauenbandanteil: „Das Line-up wird länger und länger/ Und länger/ Mehr Platz für noch mehr Männer“. Was tun?
Wem etwa Rock am Ring, wo die Frauenbandquote 2022 immerhin das Durchschnittsbier mit 5,6 Prozent übertraf, zu männlich ist, der sollte mal in den Sampler „Cock am Ring“ reinhören. Oder das sächsische Netzwerk für mehr Sichtbarkeit und Chancengleichheit Music S Women* unterstützen. Und wer sich vorstellt, wie ein gigantischer Karl Marx als Feminist aufersteht und das Musikpatriarchat aufmischt, der sollte sich an die Actionfilmregisseurin Kathryn - ja, Mann, die war mal mit James Cameron verheiratet - Bigelow wenden. Grundsätzlich gilt Lotta Kummers Satz an alle Männer: „Sich Mühe geben reicht halt nicht.“
In der Kolumne „Ostbesuch“ berichtet Paul Linke alle zwei Wochen aus seinem Zwischenleben in Chemnitz und Umgebung. Sachsen sucks? Von wegen!
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