An einer Schule in Oder-Neiße wurde vor ein paar Tagen ein Brandbrief öffentlich, in dem sich Lehrer dagegen wehren, täglich mit „Rechtsextremismus, Sexismus und Homophobie“ konfrontiert zu werden. Hakenkreuze auf den Bänken und rechte Musik in den Pausen – die Polizei hat jetzt Ermittlungen aufgenommen. Ebenfalls in Brandenburg musste am vergangenen Wochenende eine Berliner Schulklasse ihren Aufenthalt im Landschulheim abbrechen. Sie wurden von einer Gruppe einheimischer Jugendlicher derart rassistisch beleidigt und angegriffen, dass einige noch nachts den Heimweg antraten.
Das sind nur zwei Ereignisse der vergangenen Wochen, die zeigen, dass das Problem des Rechtsextremismus außer Kontrolle geraten ist. Je eher wir alle uns dieser Tatsache stellen, um so besser: Rassismus und rechtsextreme Taten sind in Berlin und Brandenburg längst keine Ausnahme, sie gehören zum Alltag. Der Angriff auf Dilan S. in der Nähe vom Alexanderplatz zeigt, dass diese Taten auch mitten in Berlin stattfinden können: Anfang Februar 2022 wurde sie von einer Gruppe von drei Männern und drei Frauen beleidigt und geschlagen.
Hitlergruß in der Schule, und fast alle schauen weg
Rassistische Beleidigung im Ferienlager: Berliner Schüler sollen diese Woche befragt werden
Erst am Dienstagmorgen lieferte der Verband der Beratungsstellen für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) aktuelle Zahlen über Rassismus in Deutschland – und sie sind nicht ermutigend. Im Durchschnitt werden jeden Tag fünf Menschen Opfer von rechter Gewalt, meist sind Migranten oder schwarze Menschen betroffen. Wer die Landkarte der gemeldeten Taten sieht, muss auch feststellen: Rechte Gewalt ist ein Problem von Ostdeutschland.
Und richtig, in Ostdeutschland sind ganze Landstriche der AfD quasi schlüsselfertig übergeben worden. Wer auf Reisen in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg fragt, welche Parteien sich auf dem Land blicken lassen, dann sind es oft AfD-Politiker, die einen Raum gemietet haben und die Menschen dort mit Reden und Versprechungen auf ihre Seite ziehen. Es heißt, die AfD habe bisher nur deshalb in Ostdeutschland nicht haushoch gewonnen, weil die meisten potenziellen Wähler noch nicht wählen durften. Doch jetzt sind sie 18 Jahre alt. Wenn Politiker jetzt noch etwas unternehmen wollen gegen den Anstieg rechter Gewalt und die Verbreitung von Rassismus, sollten sie sich besser beeilen.
Neuer Höchststand: Rechte Gewalttaten nehmen zu – vor allem in Ostdeutschland
Zumindest in der Fiktion ist das Thema angekommen
Was sich da seit Jahren zusammenbraut unter jungen Ostdeutschen, ist eine Wut, die nur noch schwer einzufangen sein wird. Und sie haben Fragen: Warum verdient ein Ostdeutscher rund 12.000 Euro weniger im Jahr als sein West-Kollege, und warum wächst diese Zahl sogar aktuell? Warum haben Ostdeutsche es nach wie vor schwerer, in eine Führungsposition zu kommen? Warum wird in den drei Ost-Bezirken Pankow, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf annähernd die Hälfte aller Geflüchteten in Berlin einquartiert?
Immerhin gibt es eine Serie, die sich ernsthaft mit Brandenburg auseinandersetzt und die deutschlandweit viel zu wenig Beachtung gefunden hat: „Warten auf’n Bus“ (RBB). Die beiden Ostberliner Schauspieler Roland Zehrfeld und Felix Kramer spielen zwei abgehängte Brandenburger mit starkem Dialekt, die an der Endhaltestelle auf die schöne Busfahrerin warten. Nazis kommen gleich in Folge 3 der ersten Staffel vor und danach immer wieder. In der zweiten Staffel überlegt sogar einer der beiden Hauptdarsteller, ob er nicht auch ... Natürlich gewinnen in der RBB-Serie nicht die Glatzen. Aber es ist eben nur Fiktion.
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