Es ist ein bisschen verdächtig, wenn der neue Intendant der Berliner Festspiele der Jury derart kniend dankt, wie es Matthias Pees bei der Eröffnung des Theatertreffens am Freitagnachmittag unter den blühenden Kastanien vor dem Haus der Berliner Festspiele tat. Nicht nur dafür, dass die sieben Kollegen ein Jahr lang unverdrossen durch die deutschsprachigen Lande gereist sind, um die ihrer Ansicht nach bemerkenswertesten zehn Inszenierungen für das Berliner Gastspielfestival auszuwählen, sondern auch für die Offenheit, mit der sie die Perspektiven der neuen TT-Leitung aufgenommen und produktiv diskutiert hätten. Es muss ganz schön gekracht haben und soll jetzt alles wieder gut sein, so kann man das verstehen.
Das ursprünglich vierköpfige weibliche und junge Leitungsteam hatte bei seiner Vorstellung im Juli 2022 mit viel revolutionärem und umgestaltungsfreudigem Schwung das Zehnertableau infrage gestellt – und sich auf die Fahnen geschrieben, dieses als Schaufenster des deutschsprachigen Theaters für das eingemauerte West-Berliner Publikum gegründete Leuchtturmprojekt des Bundes zu internationalisieren, und insbesondere das osteuropäische Theater einzubeziehen. Nach kurzer und heißer Diskussion stellte sich heraus, dass dieses an sich schöne Ziel die Jury entweder haltlos überfordert oder überflüssig gemacht hätte. Denn wie sollen die sieben das Sichtungsgebiet überblicken, zumal sie die Sprachen nicht beherrschen, was mitunter doch noch Einfluss auf das Qualitätsurteil haben könnte?
Zum unglücklich verstolperten Einstand der neuen Leitung kam, dass eine der vier, Marta Hewelt, bald darauf „wegen unterschiedlicher Herangehensweisen“ zurücktrat. Auch die drei verbliebenen Kuratorinnen und Kulturmanagerinnen Olena Apchel, Carolin Hochleichter und Joanna Nuckowska stehen nun sicher nicht gern als die Zurückgepfiffenen da und haben ein Rahmenprogramm aufgetürmt, das das eigentliche Theatertreffen mit zehn weiteren Theatertreffen umspielen soll, in dem viele traditionelle Theatertreffen-Programmbeiboote und ein paar neue, diskursive und aktivistische Außenborder untergekommen sind. Na, mal sehen.
Die Leiterinnen des Berliner Theatertreffens 2023 Olena Apchel (v.l.n.r.), Carolin Hochleichter und Joanna Nuckowska stehen vor dem Haus der Berliner Festspiele.
© dpa
Noch mehr als der Pees’sche Dank erschien dann die Eröffnungsinszenierung vom Münchner Residenztheater selbst als ein Bekenntnis zu Traditionen. Gezeigt wurde die mit drei Pausen sechseinhalbstündige Inszenierung der Schwulensaga „Das Vermächtnis“ von Matthew Lopez. Das Stück geht auf E.M. Forsters Roman „Howards End“ zurück und scheut sich nicht vor den Mitteln des Boulevards und der Schmonzette und setzt ungehemmt auf die Kraft von Handlung und Figuren. Mit dem Clou, dass sich das Stück selbst anschiebt, sich bei der Entstehung zusieht und dabei, wie es ein Eigenleben gewinnt und immer wieder, auch gegen den Widerstand der Figuren, seiner epischen und dramatischen Kraft erliegt. Ein blitzwaches, aufgeklärtes Well-made-Wunder.
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Der Regisseur Philipp Stölzl, der seine Karriere als Regisseur von Musikvideos unter anderem für Rammstein, Madonna und Michael Jackson begann, sich inzwischen auch als Theater-, Opern- und Spielfilmregisseur bewährt hat, beherrscht sein Handwerk und vertraut auf bewährte Konzepte und Effekte – was auch mal, wie zuletzt bei der Verfilmung von Stefan Zweigs „Schachnovelle“, für zu viel, also für ermüdende Sicherheit beim Publikum sorgen kann.
Da trifft es sich gut, dass Lopez seinem Stück diese Reflexionsebene eingezogen hat: Die Erzählung kommt in einem Creative-Writing-Workshop für homosexuelle Männer auf die Welt, die dunkel kostümierten Teilnehmer denken über den ersten Satz nach – dann tritt der Schriftsteller Forster (1879–1970) höchstselbst auf, der seine Homosexualität zeitlebens verheimlicht hat, und inspiriert die Männer dazu, ihre eigene Geschichte zu erzählen.
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Zum Beispiel die von dem nur halb begabten, aber ganz und gar narzisstischen Autor Toby Darling (Moritz Treuenfels) und dem sanftmütigen, kulturinteressierten, beruflich unausgefüllten Mittelschichtler Eric Glass (Thiemo Strutzenberger). Die beiden sind ein in New York lebendes, von einem bis zur Wahl von Trump gut gelaunten, rein schwulen Freundeskreis umgebenes Mittdreißiger-Paar, dessen Beziehung in die Brüche geht, nachdem die beiden einen jungen, schüchternen, aber sehr reichen Schauspieler (Vincent zur Linden) unter ihre Fittiche nehmen, der dann auch noch Erfolg hat – mit der Hauptrolle in Tobys Stück.
Oder die Geschichte von dem altruistischen Schöngeist Walter Poole (Michael Goldberg) und dem reichen Immobilienentwickler Henry Wilcox (Oliver Stokowski), die bis zum Tod von Walter 36 Jahre lang zusammen sind und die Aids-Krise miterlebt haben. Die Erzählstränge und Lebenswege verknoten sich nach einer zufälligen Begegnung im Lift des Hauses, in dem alle Beteiligten wohnen. Was für ein dramatischer Zufall!
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Die Wege der Figuren kreuzen sich, Kreise schließen sich, Motive spiegeln sich, angekündigte Untergänge und überraschende Zwischen-Happyends ergeben sich im wohlgesetzten Rhythmus des Erzählflusses. Das Zurechtgebastelte macht einerseits misstrauisch, lässt sich aber andererseits genießen, denn das Publikum weiß ja, dass es sich um ein kollektives Produkt des Schreibkurses handelt – mit hemmungslos eingespeister, biografischer Authentizität. Die Reflexionsebene wird so zum doppelten Boden, auf dem das zarteste, fetteste, wütendste und pathetischste Einfühlungsspiel spontan gebrochen werden und auch sonst nichts passieren kann, wenn man ein hervorragendes Ensemble hat.
Die Überlänge des Abends lässt genug Raum für eine sich sanft und nachhaltig entwickelnde Figurenidentifikation, wie man sie von Streaming-Serien kennt. Auch inhaltlich will sich das Stück nichts vorwerfen lassen, und es bearbeitet ja auch ein nach wie vor relevantes und zeitkritisches Thema – die Akzeptanz schwulen Lebens, die spezifischen Klassenfragen, die Gentrifizierung, der drohende Rollback.
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Dieser Abend, der nachmittags um 16 Uhr begann und eine halbe Stunde vor Mitternacht mit stehenden Ovationen endete, funktioniert hervorragend als Rückbesinnung auf die packende Kraft des Dramas und der Erzählkunst. Er beantwortet allerdings nicht so recht die Frage, ob diese Kunst nun tatsächlich das Theater braucht – die geteilte Gegenwart, den Moment des gemeinsamen Lebens zwischen Ensemble und Publikum –oder ob das Ganze nicht ebenso gut als TV-Serie funktionieren würde. Eine überflüssige Frage. So selig blickend, wie viele Theatertreffen-Besucher aus dem Festspielhaus strömten, hätten sie sicher nichts gegen eine weitere Staffel.
Das Vermächtnis läuft noch einmal am heutigen Sonnabend, 15 Uhr im Haus der Berliner Festspiele. Das Theatertreffen geht noch bis 29. Mai. Karten und Programm unter www.berlinerfestspiele.de
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