Hose und Sakko schmiegen sich eng an Joe Chialos Körper. Kein textiler Zentimeter zu viel verwischt die Konturen des neuen Berliner Kultursenators. Die körpernahe Kleidung betont seine Muskeln und kommuniziert sein offensichtlich kämpferisches Wesen. Doch es nimmt seiner Erscheinung auch ein wenig die Lässigkeit.
Chialo könnte seinem Körper durchaus etwas mehr Raum geben. Aber das ist selbstverständlich Jammern auf hohem Niveau, gerade in der deutschen Politik.
Stilkritik der Woche: Marie-Agnes Strack-Zimmermann – ein Herz für Panzer
Bei Chialo schaut man nämlich trotzdem gerne hin. Der „deutsche Afropäer mit Wurzeln in Tansania“, wie es auf dem Klappentext seines Buches „Der Kampf geht weiter“ heißt, wurde im Zuge der Neuaufstellung des Berliner Senats unter Kai Wegner am 27. April zum Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt ernannt. In dieser Funktion ist Chialo auch für die Berliner Clubs zuständig. Eine große Aufgabe – wenn man bedenkt, dass der Stern Berlins als internationale Clubhauptstadt seit Corona unaufhörlich sinkt und selbst das Berghain nicht mehr angesagt ist. Chialo – bitte kommen!
Bilderstrecke
Und er kam. Und zwar zunächst zur Ernennungszeremonie im Roten Rathaus. Dort erschien der CDU-Politiker in einem engen europablauen Anzug mit weißen Knöpfen. Passend zum weißen Hemd blitzte ein weißes Einstecktuch aus der Brusttasche des Blazers. Dazu trug Chialo weiße Adidas „Stan Smith“ mit blauem Kontrastabschluss an der Ferse, was wiederum farblich auf den Anzug referenzierte. Chialo hatte sich wirklich Gedanken gemacht. Doch das Outfit wirkte ein wenig unlocker. Warum? Nicht nur war der Anzug wieder ein Mü zu eng, auch war Chialo an diesem Tag in die Falle des „Overmatchings“ getappt.
Stilkritik: Die Letzte Generation ist modisch desolat – so zettelt man keine Revolution an
Der perfekte Look ist nämlich paradoxerweise jener, der unperfekt ist und einen kleinen Stilbruch in sich trägt. Die reine Blau-weiß-Optik hätte in diesem Fall durch eine dritte Farbe oder ein kleines, scheinbar unpassendes Element unterbrochen werden müssen. Turnschuhe zum Zweiteiler zählen spätestens seit Cherno Jobatey übrigens nicht mehr dazu, sondern vermitteln eher den Vibe eines Berufsjugendlichen Ende 60er-Baujahr.
Schade, dass Chialo so ein Sneakerhead ist. Auch wenn seine Gucci Ace mit Mikey-Mouse-Motiv auf dem Secondary Market der heiße Shit sind und eins seiner Lieblingsmodelle, der Adidas Samba, gerade ein Riesen-Comeback in der Fashionbubble feiert. Einfach beim Landesparteitag nicht zum Anzug kombinieren, und alles ist gut.
Joe Chialo mit den Gucci-Ace-Sneakern. Auf dem Seconday Market sind die Schuhe circa 600 Euro wert.
© Benjamin Pritzkuleit
Aber Chialos Kleiderordnung scheint den Anzug sowieso nur im Notfall vorzusehen. Denn wo er im Formellen übers Ziel hinausschießt, schafft er mit sportlich-elegantem Look stets eine Punktlandung. Absolute Treffer sind beispielsweise sein dunkelblaues Wollblouson, das er bei wechselhaftem Wetter trägt, sowie die lässig sitzenden Polopullover, die er gerne in Talkshows anhat. Dazu trägt Chialo wahlweise eine Daytona oder Submariner am Handgelenk – das ist klassisch, zeitlos, gut. Für diese armanihaften Looks hat der neue Berliner Kultursenator lang anhaltende Standing Ovations von uns Bürgern verdient. Hoffentlich gibt es bald Zugaben auf dem gleichen Level.
Aktuell möchte Joe Chialo übrigens den Karneval der Kulturen retten. Dafür sei ihm Glück gewünscht. Sneaker sind auf dem mehrtägigen Fest schon mal das passende Schuhwerk.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]