Tierfilmer

Andreas Kieling spricht über Bärenangriff – Kritik an blutiger Inszenierung

Nach der Attacke eines Bären in den Hochkarpaten will Andreas Kieling wieder drehen. Die drastischen Aufnahmen seiner Wunden werden im Netz kritisch beurteilt.

6 Min
Andreas Kieling im Januar 2020 bei einer Vernissage neben dem Präparat eines Grizzlybären. 

Andreas Kieling im Januar 2020 bei einer Vernissage neben dem Präparat eines Grizzlybären. 

© Michael Reichel/dpa

Das Bild, das der berühmte Tierfilmer und Naturfotograf Andreas Kieling vor drei Tagen auf Facebook geteilt hat, ist verstörend. Es zeigt den 63-Jährigen schwer verletzt nach einem Bärenangriff auf der Erde sitzend. Das Blut rinnt ihm über den Kopf ins Gesicht, die Haare sind verkrustet und verklebt, auch die linke Hand ist blutüberströmt. Kieling schreibt, der Vorfall habe sich vor einer Woche bei Dreharbeiten in den Hochkarpaten ereignet. Dort habe er eigentlich Wasseramseln und den Dreizehenspecht filmen wollen, als es zu der Attacke kam.

„Dem Bären geht es gut, er ist nur seinem Instinkt gefolgt“, lässt Kieling seine Fans wissen. Ihm gehe es auch wieder okay, obwohl ihn das Tier „skalpiert“ habe. Auch die linke Hand sei ziemlich im Eimer. „Ich werde das nie vergessen“, sagt er im Video, „es war extrem schmerzhaft, der Bär war auf mir drauf und hat mir die ganze Kopfhaut runtergezogen“.

Am Mittwoch nun erklärte Kieling, der im thüringischen Gotha geboren wurde und inzwischen mit seiner Familie auf einem Bauernhof in der Eifel lebt, dass die Attacke noch schlimmer hätte ausgehen können: „Ich habe ein Riesenglück gehabt. Und all das, was da passierte in diesem Moment, da handelt man einfach intuitiv“, sagte er gegenüber Focus Online und verriet weitere Details zum Vorfall.

Kieling nach dem Bärenangriff: „Eigentlich glimpflich abgelaufen“

„Der Bär hat mich ganz schnell umgerissen. Ich lag unter ihm, der biss mir in den Kopf, der biss mir in die Schulter. Ich hatte das Gefühl, der rechte Oberarm hat eine Fraktur, ist gebrochen. Ich habe dann mit den Armen meinen Nacken geschützt, damit er mir nicht die Wirbelsäule durchbeißt, also das Genick praktisch bricht. Und dadurch sind eben beide Arme ziemlich stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Aber wenn ich das noch mal Revue passieren lasse, lief es eigentlich ausgesprochen glimpflich ab.“

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Inzwischen gehe es ihm „ausgesprochen gut“, obwohl sein linker Arm noch mal operiert werden müsse. Dass er keine schlimmeren gesundheitlichen Probleme davongetragen habe, liege auch an der medizinischen Versorgung. In den Hochkarpaten, wo solche Angriffe immer mal wieder vorkommen, seien die Krankenhäuser auf derartige Vorfälle vorbereitet.

Von seiner Arbeit lässt Kieling sich nach dem Angriff jedenfalls nicht abhalten. Bereits zu Himmelfahrt stehen die nächsten Dreharbeiten für ihn an, berichtet Focus Online.

Kritik an Blutaufnahme: „Ein heftig schockierendes Bild“

Indes mischen sich unter die Genesungswünsche seiner besorgten Anhänger auch kritische Stimmen, besonders zu der blutigen Aufnahme, die Kieling im Netz geteilt hat. „Ohne Vorwarnung und Erklärung ein heftig schockierendes Bild“, schreibt eine Facebook-Userin. Eine Hundebesitzerin aus dem Hunsrück kommentiert: „Tja, so ist das mit dem ‚Die tun nix‘. Sie wollen doch, dass Bären wieder überall in Deutschland angesiedelt werden, und in anderen Ländern klappt das auch so toll. Ich bin gerade mit meinen Hunden im Wald unterwegs. So will ich nicht aussehen, und die Freiheit, in den Wald zu gehen, will ich mir von den Bär- und Wolfskuschlern nicht nehmen lassen.“

Viele User denken bei den Bildern auch an den Bärenangriff im Trentino, bei dem im April ein 26 Jahre alter Jogger tödlich verletzt wurde. Kieling indes spricht ganz sachlich und mit der Erfahrung aus mehr als 30 Jahren als Dokumentarfilmer über sein Erlebnis. Es gebe zig Gründe, warum das Tier ihn angegriffen haben könnte, erklärt er bei Facebook. „Den Bären trifft keine Schuld. Vielleicht war es eine Bärin mit Jungen, vielleicht lag ein Kadaver in den Büschen, den das Tier verteidigen wollte.“

Für ihn sei es bereits der fünfte schwere Unfall in seinen 32 Jahren als Tierfilmer gewesen. Erst vor wenigen Wochen berichtete Kieling davon, wie er bei einer seiner Expeditionen von einer Schwarzen Mamba gebissen wurde. In seiner Zeit in Alaska habe er zwei Bärenangriffe erlebt, diese seien allerdings nicht so schlimm gewesen wie der aktuelle in den Hochkarpaten, sagt er.

Nah dran: 1991 sah Kieling in Nordkanada den ersten Grizzly in freier Wildbahn. Auch auf seinen zahlreichen Alaska-Expeditionen beobachtete er die Tiere immer wieder.

Nah dran: 1991 sah Kieling in Nordkanada den ersten Grizzly in freier Wildbahn. Auch auf seinen zahlreichen Alaska-Expeditionen beobachtete er die Tiere immer wieder.

© Andreas Kieling/ZDF

Seit 1992 bereist Kieling Alaska, bei jeder Reise stellte er sich einer besonderen Herausforderung. Seine Erlebnisse beschrieb der Bundesverdienstkreuzträger in mehreren Büchern. Aus der Erkundung des Flusses Yukon entstand eine dreiteilige TV-Dokumentation. Auf einem Teil dieser Reise wurde der Tierfilmer auch von seiner Frau Birgit und seinen beiden Söhnen Erik und Thore begleitet.

Der Berliner Zeitung verriet Kieling 2015 in einem Interview, woher seine Faszination für Bären rührt: „Meinen allerersten Bären habe ich als Kind im Zoo von Leipzig gesehen. Das Tier tat mir leid, wie es da so hospitalistisch herumlief und die Gitterstäbe ableckte. Seitdem habe ich mir gewünscht, solch ein riesiges Tier mal in freier Wildbahn zu sehen.“ 1991 sah er in Nordkanada den ersten Grizzly in der Natur.

„Ich habe genauso reagiert, wie jeder von uns reagieren würde. Ich erstarrte zur Salzsäule und traute mich nicht, auch nur ein einziges Foto zu machen. Seitdem habe ich viele Bären gesehen und meine Wahrnehmung gegenüber diesen großen Beutegreifern hat sich verändert. Bis heute ist es nicht so, dass ich einfach nah rangehe und auf den Auslöser drücke, sondern dass ich respektvoll bin und mich an Regeln halten muss.“

Fast erfroren: Auch Kielings Sohn Erik geriet auf den Expeditionen in Gefahr

Dass bei seinen Expeditionen auch seine Familie in Gefahr geriet, beschrieb Kieling im Buch „Im Bann der Bären. Mein Leben in Alaska“. Beim Einsteigen ins Kanu am Yukon sei eine Eisscholle unter seinem älteren Sohn Erik weggebrochen, der damals elf Jahre alt war. „Er fiel ins eiskalte Wasser und wurde sofort abgetrieben. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich ihn trocken und warm im Zelt liegen hatte. Es fehlte nicht viel, und mein Sohn wäre erfroren“, schreibt Kieling im Buch.

Sein Sohn habe die Tour damals unbedingt fortsetzen wollen, auf ihm als Vater hätte eine schwere Verantwortung gelegen: „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Erik damals gestorben wäre – in gewisser Weise durch meine Schuld.“ Erik Kieling begleitet seinen Vater auch heute noch auf Expeditionen. Gemeinsam berichten beide immer wieder von ihren Abenteuern.

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