Forschung

Die Hälfte der großen Seen weltweit verliert Wasser – doch der Mensch kann was tun

53 Prozent der Seen weltweit weisen erhebliche Austrocknungstrends auf, ergab eine Studie. Der Klimawandel ist nicht allein schuld.

Torsten Harmsen
Torsten Harmsen
5 Min
Menschengemachte Katastrophe: Vom einst riesigen Aralsee ist kaum noch etwas übrig.

Menschengemachte Katastrophe: Vom einst riesigen Aralsee ist kaum noch etwas übrig.

© Ulf Mauder/dpa

Der Stausee Pantá de Sau hat nach monatelanger Dürre 90 Prozent seines Wassers verloren. Eine so ernste Situation habe es noch nie gegeben, sagte jüngst eine Expertin der katalanischen Wasserbehörde. Denn der See versorgt die Region mit Trinkwasser. Auch andere Stauseen Kataloniens sind betroffen. Sie sind im Schnitt nur noch zu 26 Prozent mit Wasser gefüllt. Dies ist nur ein Beispiel für eine Entwicklung, die eine neue Studie im Fachblatt Science konstatiert.

Mehr als die Hälfte der größten Seen weltweit verliert Wasser, schreibt ein internationales Forschungsteam nach der Auswertung von Satellitendaten. Zwar bedecken natürliche Seen und Stauseen nur drei Prozent der Landfläche, aber sie speichern 87 Prozent der Süßwassers der Erde, wie die Forscher um den Hydrologen Fangfang Yao von der University of Colorado in Boulder, USA, erklären.

Um die Veränderungen der Wasserstände in fast 2000 der größten Seen und Stauseen der Welt zu messen, analysierten die Forscher etwa 250.000 Satellitenaufnahmen aus drei Jahrzehnten – von 1992 bis 2020. Sie fanden heraus, dass etwa 53 Prozent der Seen weltweit „erhebliche Austrocknungstrends“ aufwiesen.

Eine Kombination von Ursachen lässt viele Seen schrumpfen

Der Wasserverlust betrage im Schnitt etwa 22 Gigatonnen pro Jahr, was knapp der Hälfte des Wasservolumens des Bodensees entspricht. Auch der Bodensee ist auf einer interaktiven Karte in der Studie als schrumpfendes Gewässer verzeichnet. Die Veränderungen machten sich vor allem dadurch bemerkbar, dass die Uferzone zurückging, was etwa Folgen für Badende und Wassersportler hatte, wie ein Bericht 2022 schilderte. Doch Weinbau, Landwirtschaft, Wasserversorgung und der Tourismus seien nicht gefährdet, hieß es. Ähnlich sehen es die Anrainer am Gardasee, der in den vergangenen Monaten in die Schlagzeilen geraten war.

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Panik vor Klimaveränderungen will die neue Studie nicht schüren. Sie verweist auf eine Kombination mehrerer Ursachen: menschliche Aktivitäten wie nicht nachhaltiger Wasserverbrauch, steigende Temperaturen, Veränderung von Abflüssen und Niederschläge.  Wobei vieles auch zusammenhängt. 43 Prozent der austrocknenden Seen seien „zumindest teilweise vom Klimawandel beeinflusst“, heißt es in der Studie. 

Insgesamt 457 der mehr als 1000 untersuchten natürlichen Seen verzeichneten erhebliche Wasserverluste, so die Studie. So sei das größte Binnengewässer, das Kaspische Meer, für 49 Prozent des Gesamtrückgangs des natürlichen Seevolumens verantwortlich. Als Gründe wurden in der Vergangenheit höhere Verdunstungen durch die zunehmende Erwärmung von Wasser und Luft festgestellt. Das Kaspische Meer ist abflusslos und wird von der Wolga und anderen Zuflüssen gespeist.

Einfluss von Klimaschwankungen im Detail schwer zu bestimmen

In 234 natürlichen Seen gebe es dagegen erhebliche Wasserzuwächse, konstatiert die Studie. Dazu gehört der Karte zufolge zum Beispiel die Müritz in Mecklenburg-Vorpommern. Die übrigen 360 Seen zeigten keine signifikanten Trends. „Über 80 Prozent des gesamten Rückgangs der Trockenseen sind auf die 26 größten Verluste zurückzuführen“, heißt es in der Studie.

„Nicht nachhaltiger Wasserverbrauch“ dominiere etwa die beobachtete Austrocknung des Aralsees in Zentralasien, des Mar-Chiquita-Sees in Argentinien, des Toten Meeres im Nahen Osten und des Saltonsees in Kalifornien. Aus den Zuflüssen wird übermäßig Wasser entnommen: etwa für Landwirtschaft oder Industrie. Als besonders dramatisches Beispiel wird immer wieder der Aralsee genannt. Der einst viertgrößte Binnensee der Erde zerfiel  durch extreme Wasserentnahme seit den 1960er-Jahren in mehrere Teile. Das Wasservolumen reduzierte sich um 90 Prozent.

Welchen Einfluss kurz- und langfristige Klimaschwankungen auf das in Seen gespeicherte Wasser weltweit nehmen, sei im Detail schwer zu bestimmen, sagen die Forscher, weil eben auch menschliche Aktivitäten wie die Bewirtschaftung von Stauseen, Wasserentnahmen und Landnutzungsänderungen eine Rolle spielten. Ebenso Ablagerungen. Bei vielen der untersuchten Stauseen blockierten zum Beispiel Staumauern den natürlichen Abtransport von Sedimenten in Flüssen wie etwa Sand, Kies oder Geröll. 

Durch neue Naturschutzgesetze könnten sich Seen wieder mit Wasser füllen

Die Autoren betonen, dass ihre Analyse auch Hinweise auf mögliche Lösungen enthalte. „Wenn der menschliche Verbrauch ein wichtiger Faktor für den Rückgang der Wasserspeicher in den Seen ist, können wir uns anpassen und neue Strategien erforschen, um den Rückgang in großem Maßstab zu verringern“, sagt der Mitautor Ben Livneh. Laut Studie vergrößert sich zum Beispiel das Volumen des Sewansees in Armenien stetig – „aufgrund der Durchsetzung von Naturschutzgesetzen zur Wasserentnahme seit den 2000er-Jahren“. 

Die Durchsetzung solcher Gesetze wäre weltweit sehr wichtig, erklärt die Geophysikerin Sarah Cooley von der University of Oregon in einem Kommentar zur Studie. Dieser zufolge lebe etwa ein Viertel der Weltbevölkerung in einem Einzugsgebiet mit einem großen, austrocknenden See: „In Anbetracht der Bedeutung dieser Seen für Ökosysteme, Wasserversorgung, Bewässerung und/oder Wasserkraft sind die potenziellen Folgen des Austrocknens von Seen sowohl lokal als auch global von Bedeutung.“ (mit dpa)

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