Stadtgeschichte

Bilder aus sechs Jahrzehnten: Die Metamorphosen vom Alexanderplatz

Grob, groß, von Menschenmassen durchströmt: Fotos von Thomas Billhardt erzählen die jüngere Geschichte eines urbanen Transit-Raumes.

Maritta Adam-Tkalec Maritta Tkalec
6 Min
1960 auf dem Alexanderplatz: zwei Wiener mit Mostrich. Da ist es nicht weit zum Glück, die harten Jahre sind vorbei, die Lebensmittelmarken seit 1958 abgeschafft. Und nicht nur die Brille ist cool – man beachte die schick-praktische Brosche. Frauen waren im Stadtbild sehr präsent, was auch am Frauenüberschuss der Nachkriegszeit lag. Im Jahr vor dem Mauerbau lebten 1.392.000 Männer in Berlin, aber 1.882.000 Frauen – fast eine halbe Million mehr als Männer.

1960 auf dem Alexanderplatz: zwei Wiener mit Mostrich. Da ist es nicht weit zum Glück, die harten Jahre sind vorbei, die Lebensmittelmarken seit 1958 abgeschafft. Und nicht nur die Brille ist cool – man beachte die schick-praktische Brosche. Frauen waren im Stadtbild sehr präsent, was auch am Frauenüberschuss der Nachkriegszeit lag. Im Jahr vor dem Mauerbau lebten 1.392.000 Männer in Berlin, aber 1.882.000 Frauen – fast eine halbe Million mehr als Männer.

© Thomas Billhardt/Courtesy of CAMERA WORK Gallery

Schön war er ja nie, der Alexanderplatz. Nie war er für in Behaglichkeit verweilende Menschen eingerichtet: zu groß, zu zugig, zu wenig Anwohner. Aber tagsüber war und ist er immer voller Menschen. Die meisten durcheilen routiniert ihre Strecken – von der S- zur U-Bahn, von der Straßenbahn zum Kaufhaus. Mögliche Haltepunkte wie der Brunnen der Völkerfreundschaft oder die Weltzeituhr dienen als Rastplatz oder Treffpunkt und betonen eher den Charakter des Transit-Raumes.

Thomas Billhardt, der in der DDR vor allem mit seinen Fotografien aus befreundeten Staaten wie Kuba, Mosambik oder Vietnam Anerkennung erlangte, hat den Platz 60 Jahre lang beobachtet. Er hat von ungewöhnlichen Plätzen in höchster Höhe fotografiert, ist über die Fernsehturmkugel hinaus gestiegen und in ein Kleinflugzeug. Vor allem aber bewegt er sich auf Augenhöhe. Wer den Alex immer wieder nutzte, der findet sich selbst und die eigenen Zeitgenossen in Billhardts Fotos wieder – „all die Menschentypen und Sonderlinge und Modenarren“, wie er in seinem Begleittext schreibt.

Alexanderplatz-Panorama mit dem Alexanderhaus und dem Berolinahaus im Jahr 1960

Alexanderplatz-Panorama mit dem Alexanderhaus und dem Berolinahaus im Jahr 1960

© Thomas Billhardt/Courtesy of CAMERA WORK Gallery

Eine gigantische Baustelle: der Alexanderplatz, vom Fernsehturm aus gesehen im Jahr 1967

Eine gigantische Baustelle: der Alexanderplatz, vom Fernsehturm aus gesehen im Jahr 1967

© Thomas Billhardt/Courtesy of CAMERA WORK Gallery

Viel Platz für Autos, der Platz selbst eine große steinerne Fläche: der Alexanderplatz 1987. Zwei Jahre später, am 4. November 1989,  war dort genug Raum für Hunderttausende Demonstranten.

Viel Platz für Autos, der Platz selbst eine große steinerne Fläche: der Alexanderplatz 1987. Zwei Jahre später, am 4. November 1989, war dort genug Raum für Hunderttausende Demonstranten.

© Thomas Billhardt/Courtesy of CAMERA WORK Gallery

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Diese beiden Perspektiven, aus der Vogelschau und geerdet, hielt der Fotograf über die Jahrzehnte immer wieder neu fest. Sie machen eine Besonderheit des Bildbands aus. Von oben erfassen große Panoramaaufnahmen die Metamorphose des urbanen Gebildes. Unten sehen wir das eilende, über Pfützen springende, küssende, feiernde, guckende Volk. Es gibt großartige Kinderporträts und Frauentypen, die ­– mit Verlaub die Herren ­– einfach interessanter sind, egal ob junge oder alte, in Petticoat oder Schürze, als Volkspolizistin oder FDJlerin.

In etlichen Fotos blitzt subtile Kritik an politischen Instrumentalisierungen auf. So im Fall eines Wagens vom Festumzug zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987. Auf dem von einem knallroten Traktor gezogenen Podest rollte das Brandenburger Tor umgeben von winkenden Kampfgruppenmitgliedern durch die Karl-Liebknecht-Straße. Irritierend an nordkoreanische Massenakte erinnern die 1979 in militärischen Formationen aufgereihten FDJler zum Pfingsttreffen. Die unsäglichen Fackelzüge waren bei den in den 1920er-und 1930-Jahren politisch gestählten Mitgliedern der Parteiführung sehr beliebt.

Billhardt hat die von der Staatspartei SED und ihrer Jugendorganisation FDJ organisierten Großereignisse zwischen Inszenierung und Individualvergnügen in Bilder gegossen. Die machten den Alex immer mal wieder zum Nabel der DDR – die Weltfestspiele der Jugend und Studenten im Jahr 1973, Volksfeste, Sport- und Solidaritätsveranstaltungen, rituelle Demonstrationen und dann der Wendepunkt der DDR-Geschichte: die Kundgebung der Hunderttausende am 4. November 1989.

Unternehmungslustig sind diese jungen Frauen bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 unterwegs. Die ihnen nachträglich angehängte „Diktatursozialisierung“ hinderte sie offensichtlich nicht, ihr Leben selbstbewusst in Angriff zu nehmen. 25.600 Teilnehmer aus 140 Ländern waren dabei. Die allgegenwärtige Staatssicherheit sorgte sich um die Übersicht. Während des Ereignisses sollen präventiv mehr als 2000 „Asoziale“ verhaftet worden sein.

Unternehmungslustig sind diese jungen Frauen bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 unterwegs. Die ihnen nachträglich angehängte „Diktatursozialisierung“ hinderte sie offensichtlich nicht, ihr Leben selbstbewusst in Angriff zu nehmen. 25.600 Teilnehmer aus 140 Ländern waren dabei. Die allgegenwärtige Staatssicherheit sorgte sich um die Übersicht. Während des Ereignisses sollen präventiv mehr als 2000 „Asoziale“ verhaftet worden sein.

© Thomas Billhardt/Courtesy of CAMERA WORK Gallery

Das Foto mit dem Titel „Alexanderplatz 2020“ mit der coolen Blonden zeigt die Meisterschaft Thomas Billhardts im Formalen: die Farben, die Spiegelungen, die Linien, die dadurch erzeugte Bewegung geben der „Flachware“ mehrere Dimensionen. Menschen, auch wenn sie wie diese junge Frau ganz in sich ruhen, werden in Beziehung zu ihrer Umgebung, zu anderen Passanten gesetzt. Überhaupt die Spiegelungen: Der Fotograf liebt sie, siehe auch das Coverfoto.

Das Foto mit dem Titel „Alexanderplatz 2020“ mit der coolen Blonden zeigt die Meisterschaft Thomas Billhardts im Formalen: die Farben, die Spiegelungen, die Linien, die dadurch erzeugte Bewegung geben der „Flachware“ mehrere Dimensionen. Menschen, auch wenn sie wie diese junge Frau ganz in sich ruhen, werden in Beziehung zu ihrer Umgebung, zu anderen Passanten gesetzt. Überhaupt die Spiegelungen: Der Fotograf liebt sie, siehe auch das Coverfoto.

© Thomas Billhardt/Courtesy of CAMERA WORK Gallery

Aber wo sind die Punks vom Alex? Die Bunten, die sich schon zu DDR-Zeiten am Brunnen der Völkerfreundschaft trafen, vom Volk irritiert betrachtet, von den allgegenwärtigen Sicherheitsorganen beargwöhnt und nach Möglichkeit drangsaliert. Dascha Dauenhauer, die sich als Komponistin der Musik für die Neuverfilmung des Döblin’schen Klassikers „Berlin Alexanderplatz“ gemacht hat und den kurzen Einführungstext zum Bildband beisteuert, gehörte später, in den Nullerjahren, zu den jungen Nonkonformisten. Im Foto kommt diese wichtige Population des Alex-Biotops gar nicht vor.

Dascha Dauenhauer fängt die Atmosphäre im Transit-Gebiet ein, aber alle, die in den fast 140 Fotos die Alexanderplatz-Architektur erfassen wollen – die Zwanziger, die Ost-Moderne, die Banalitäten der Nachwende-Ergänzungen –, bleiben unorientiert zurück. Alles ist irgendwie drauf auf den Bildern, sogar das wunderbare, 1968 abgerissene Minolhaus, ein dem Berolinahaus verwandtes Juwel der Neuen Sachlichkeit aus den 20ern, das dem Straßenbau im Wege gestanden hatte. Man sieht Fassaden – aber welche Bezüge gibt es? Das könnten Fotos besser zeigen.

Der abschließende Text von Thomas Billhardt mit einem Gang durch sein, immer wieder zum Alex zurückkehrendes Fotografenleben fällt streckenweise in die in den 1990ern verbreitete Tonlage, die immer dann anklingt, wenn Ostdeutsche, die einst loyale DDR-Bürger waren, halb entschuldigend und mit leichter Ironie ihre Distanz zur DDR beschreiben wollten. Inzwischen reden die Ostdeutschen mehrheitlich in selbstbewussterem Ton – im Kritischen wie im Freundlichen.

Der Bildband

Der Bildband

Autor: Thomas Billhardt

Titel: Berlin Alexanderplatz 1958–2022

Texte: Bildband mit einem Vorwort von Dascha Dauenhauer

Erschienen in: Mitteldeutscher Verlag, Halle, 2023

Umfang: 160 Seiten

Preis: 30 Euro

Und dann gibt es auch einen Schenkelklopfer. Da steht allen Ernstes, während der Weltfestspiele 1973 habe in den Versorgungsbeuteln für die FDJ-Mädels und -Jungs jeden Tag folgende Überraschung gesteckt: eine Banane und eine Apfelsine. „Solche exotischen Früchte hatten die FDJler aus der Provinz noch nie gesehen.“ Wie bitte? Das ist Quatsch mit Apfelsinensoße. Ja, Südfrüchte waren Mangelware. Aber Zonen-Maritta aus Gräfenhainichen kannte Bananen!

Aber geschenkt: Thomas Billhardt, inzwischen 86 Jahre alt, ist ein großer Fotograf und seine Alex-Fotos erinnern an Momente des eigenen Lebens.

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