Speer, ein zwiespältiger Charakter. Für Peter Simonischek war es eine Paraderolle, in der er dem Zweipersonenstück von Esther Vilar an geheimnisvoll-authentischem Ort seinen Stempel aufdrückte. In dem Fernsehfilm „Speer“ spielt Klaus Maria Brandauer, der auch Regie führte, den Stasi-Mann Hans Bauer, der dem 75-jährigen Albert Speer, Hitlers Architekten, ein attraktives Angebot unterbreitet. Mit dem angsteinflößenden Organisationstalent, das Albert Speer von 1942 an als Reichsminister für Rüstung und Munition auf Hitlers Kriegsmaschinerie verwandte, soll er sich im fortgeschrittenen Alter, wir schreiben das Jahr 1980, im maroden Staatsapparat der DDR nützlich machen. Peter Simonischek verlieh Speer dabei den Ausdruck kühler Rationalität, die ihren Schauder aus den Abgründen einer bürgerlich-vornehmen Erscheinung bezog und Skrupellosigkeit als Kunst erscheinen zu lassen vermochte.
Simonischek, der Berliner
Der Film wurde 1998 am Originalschauplatz gedreht. In dem Gebäude, aus dem später die von Günter Behnisch neu errichtete Akademie der Künste am Pariser Platz hervorgehen sollte, waren die Spuren der Geschichte noch frisch: die Arrestzelle der DDR-Grenzwache, aber auch die Spezialtür, durch die Hitler immer gekommen war, um mit Albert Speers gigantischen Modellen des Welthauptstadtprojektes Germania zu spielen. In einer Szene des Films steht Peter Simonischek neben dem riesigen Kuppelmodell der „Halle des Volkes“, und es scheint, als wolle er es allein durch seine Statur mit dem monströsem Gebäude aufnehmen, das als Herrschaftsinstrument fungierte, in dem Menschen, die es belebten, als Störung aufgefasst wurden.
Tina Turner und der Triumph der Befreiung
Schönheit und Exzess – zum Tod des großen Schauspielers Helmut Berger
Im Stall mit Bob Dylan: Zum Tode des großen Songwriters Gordon Lightfoot
Für Peter Simonischek war „Speer“ eine Art Heimspiel, seit 1979 war er festes Ensemblemitglied an der Berliner Schaubühne in der Ägide von Peter Stein, die sich als Bestandteil der West-Berliner Gegenöffentlichkeit zu einem europäischen Zentrum der ästhetischen Avantgarde entwickelt hatte. In Steins legendärer Tschechow-Inszenierung „Drei Schwestern“ spielte Simonischek Andrej, den Bruder der Schwestern, der fortwährend damit beschäftigt ist, sein verhindertes Leben zu beklagen. Es war eine grandiose Besetzung, denn neben Jutta Lampe, Edith Clever und Corinna Kirchhoff, den großen Damen der zeitgenössischen Schauspielkunst, wirkte Simonischek wie eine aus dramaturgischen Gründen nicht zur Geltung kommende Nebenfigur. In weiteren Rollen waren Otto Sander und Ernst Stötzner zu sehen, die Peter Simonischek durch Statur und Schönheit überragte, während Andrej seine äußere Erscheinung doch als Makel empfand.
Seine zwei Berliner Jahrzehnte, in denen er in weiteren Bühnenklassikern wie Klaus Michael Grübers „Hamlet“ (neben Bruno Ganz und Curt Bois) zu sehen war, konnten jedoch kaum vergessen machen, dass er Steierischer Herkunft war. 1946 in Graz geboren, wuchs er in Markt Hartmannsdorf auf, und durch seine Zeit als Ministrant dürfte auch seine Darstellungskunst Anregungen erfahren haben. So gesehen war das Engagement am Wiener Burgtheater, dem er von 1999 an angehörte, eine überfällige Heimkehr, besonders nachhaltig in Yasmina Rezas Kultstück „Kunst“, in dem Simonischek die süffisante Rede, das temperierte Sprechen zwischen Tiefe und Belanglosigkeit, zur Perfektion trieb.
Äußere Eleganz und körperliche Wucht
Mit der äußeren Eleganz ging eine oft bedrohlich nah kommende Körperlichkeit einher, und bei aller Vornehmheit, die ihm in zahlreichen Fernsehserien von „Derrick“ bis „Tatort“ den Wechsel zwischen Täter- und Opferrollen ermöglichte, war er vor der Kamera nicht selten auch eine wuchtige, geradezu systemsprengende Erscheinung. Am stärksten kommt diese Eigenschaft zweifellos in dem Kritiker- und Publikumserfolg „Toni Erdmann“ von Marion Ade aus dem Jahr 2016 zum Vorschein. In dem Drama einer Vater-Tochter-Beziehung legt Simonischek sich eine skurrile Verkleidung zu und dringt so in das Leben seiner Tochter (Sandra Hüller) ein. Die Zudringlichkeit qua Verwandlung treibt das Verhältnis der beiden auf die Spitze und ordnet es zugleich neu. Feingefühl und Übertreibung prallten in „Toni Erdmann“ preisverdächtig aufeinander, dabei war es die Grundlage des Spiels von Peter Simonischek von Beginn an.
Seit den frühen 80er-Jahren besaß Simonischek einen kleinen Bauernhof in der Steiermark, auf den er sich gern zurückzog, wenn das Bühnenleben Pausen erlaubte. Hier ließ er das Leben und Sprechen der Landsleute auf sich wirken, die sich mitunter fragten, ob einer vom Theaterspielen überhaupt leben könne. Das müsse ja wohl gelingen, habe ihm anerkennend einmal ein Nachbar attestiert, schließlich fahre er ja einen VW-Golf. In der Nacht zum Dienstag ist Peter Simonischek im Alter von 76 Jahren gestorben.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]