Reportage

Reisetipp für Polen: In Grünberg (Zielona Góra) werden Sie glücklich

In den vergangenen Jahren ist polnischer Wein zum Kultgetränk geworden. Das kann man vor allem in Grünberg erleben. Dort wird eine alte Tradition neu gelebt. Der Reisetipp.

Tomasz Kurianowicz
8 Min
Besuch bei Winnica Miłosz und dem Winzer Krzysztof Fedorowicz (im Dorf Laz in der Nähe von Zielona Góra, Polen).

Besuch bei Winnica Miłosz und dem Winzer Krzysztof Fedorowicz (im Dorf Laz in der Nähe von Zielona Góra, Polen).

© Berliner Zeitung

Wer verbindet Polen eigentlich mit Wein? Eine Assoziation, die sich ja nicht unbedingt sofort aufdrängt. Selbst die Polen wussten lange nichts mit Wein aus eigenem Anbau anzufangen. Das ändert sich derzeit. Bei unseren osteuropäischen Nachbarn ist Wein aus Polen plötzlich „en vogue“.

In den Weinbars und Restaurants von Danzig über Warschau bis Krakaus ist ein regelrechter Weinboom ausgebrochen, der auf lokale, biologisch angebaute Rebsorten setzt. Die Pandemie hat den Trend weiter vorangetrieben, weil die Menschen sich den Frust während der Lockdowns aus dem Bewusstsein trinken wollten und dafür auf lokale Winzer und experimentierfreudige Marken zurückgriffen. Auf die halbtrockene Rebsorte „Solaris“ aus Szczecin der „Winnica Turnau“ etwa (von Berlin zwei Stunden entfernt) oder einen guten Pinot Noir des Winzers Kamil Barczentewicz (acht Stunden entfernt): Weine, die edel gestaltete Etiketten tragen und Instagram verrückt spielen ließen.

Der Winzer Krzysztof Fedorowicz auf seinem Anwesen in Laz

Der Winzer Krzysztof Fedorowicz auf seinem Anwesen in Laz

© Foto: Berliner Zeitung

Die Renaissance der deutschen Weintradition

Das Zentrum des polnischen Weins ist ohne Zweifel Zielona Góra (Grünberg), eine 140.000 Einwohner zählende Stadt, die sich im Herzen der Woiwodschaft Lebus befindet, nur 2,5 Autostunden von Berlin entfernt. Einer der Pioniere des polnischen Weinanbaus und Lokalpatriot heißt Krzysztof Fedorowicz, ein Winzer, der in der Nähe von Zielona Góra auf 5,5 Hektar Land Weintrauben anbaut. Er hat nicht nur die Polen von ihrem eigenen Wein überzeugt, er ist auch zugleich Hobby-Historiker, Schriftsteller und Tausendsassa, der insbesondere mit der reichen und wechselseitigen Geschichte des Weins in seiner Region vertraut ist und gern darüber schreibt. 

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Wir treffen den 53-Jährigen an einem Samstagnachmittag in seiner Weinkellerei „Winnica Milosz“ in Łaz in der Nähe von Zielona Góra, jener Stadt, die bis 1945 Grünberg hieß und zu Niederschlesien gehörte. In Fedorowiczs Weinkeller stapeln sich die Flaschen, hier produziert er in großen Weinbottichen seinen eigenen Biowein. „Selbst die Menschen in Zielona Góra konnten mit Wein lange nichts anfangen“, erklärt er, während er einen vollmundigen Pinot Noir zur Verkostung öffnet. „Die Wahrheit ist: Die Kommunisten nach dem Krieg haben das Weinwissen ausradiert. Nach 1945 galt der Weinbau als deutsch, als elitär, als unpolnisch“, sagt Fedorowicz, der in Zielona Góra geboren wurde und aufgewachsen ist. „Nach dem Krieg hat man die meisten deutschen Winzer vertrieben und später süße Obstweine hergestellt. Eine echte Weinkultur existierte nicht mehr.“

Sekt und Wein der Winnica Milosz

Sekt und Wein der Winnica Milosz

© Berliner Zeitung

Fedorowicz befasste sich in den Nullerjahren mit der langen Wein-Tradition von Zielona Góra und wunderte sich, dass sie niemand aufgreifen wollte. Dabei hatte er selbst einen Bezug zur Geschichte. Denn Fedorowoiczs Mutter hatte nach dem Krieg in einer der Süßweinfabriken gearbeitet. Später wurde sie gefragt, ob sie einen Acker übernehmen wolle. Sie fasste all ihren Mut zusammen und entschloss sich dazu, Kirschbäume zu pflanzen. Die Früchte wurden zum großen Teil an die Obstweinfabrik im Ort verkauft. Als Fedorowiczs Mutter in Rente ging, übertrug sie dem Sohn die Plantage, der sich nach längerem Überlegen dazu entschied, keine Kirschbäume, sondern Weinreben zu pflanzen – und die prächtige deutsche Weintradition wieder aufleben zu lassen. Nun kann man seine Bioweine direkt auf dem Weingut oder in seinem Online-Shop erwerben: https://winnicamilosz.pl/sklep/

„Überall gibt es hier Geschichte, man muss sich nur bücken“

Krzysztof Fedorowicz ist Autodidakt: Unzählige Bücher verschlang der Mann, reiste nach Österreich, Deutschland und Frankreich und lernte von erfolgreichen Winzern im Selbstlernverfahren den Weinanbau. Im Jahr 2008 gelang ihm die erste Weinlese, die ihn nach der Verkostung lehrte, dass Spät- und Weißburgunder im Grünberger Land besonders gut gedeihen. In den nächsten Jahren perfektionierte er den Anbau rund um sein kleines Holzhäuschen der „Winnica Milosz“ in Łaz und seine regionale Weinproduktion in der Umgebung. Während der Pandemie gelang ihm der Durchbruch.

Der Winzer kennt sich mit der Geschichte von Zielona Góra wie kein Zweiter aus. Die lange Weintradition hat er in seinem Prosawerk „Jenseits des Vergänglichen“ verarbeitet, das für den wichtigen polnischen Literaturpreis Nike nominiert wurde. Für Fedorowicz ist es selbstverständlich, hier in Zielona Góra an die deutsche Vergangenheit anzuknüpfen. „Machen wir uns nichts vor“, sagt er. „Die Deutschen haben den Weinbau kultiviert. Aus Franken kamen im 12. Jahrhundert die ersten Winzer nach Zielona Góra und bauten hier Wein an. Überall gibt es hier Geschichte. Man muss sich nur bücken.“

„Weinanbau braucht Geschichte“

Der 53-Jährige studierte alte Landkarten, erforschte, wo einst fruchtbare Weinberge lagen, sammelte wilde Weintrauben, die den Krieg überlebt hatten, und analysierte sie. So entstand ein immer professionelleres Bild des richtigen Weinbaus in der Region, während die Stadt Zielona Góra allmählich den Wein als wichtigstes Lokalprodukt einstufte (so wie die Polen insgesamt den polnischen Wein zu schätzen lernten) und in die damit verbundene Infrastruktur investierte. Es entstanden eine Abteilung über Wein im regionalen Museum des Lebuser Landes, viele Events, ein Weinfest („Winobranie“, September 2023), das mit großem Pomp die Weinlese im Herbst zelebriert. Wer nach Zielona Góra kommt, kann Dutzende Winzer besuchen und den köstlichen lokalen Wein probieren (empfohlen sind die Weinkeller „Winnica Pod Winna Gora“, „Winny Dworek“, „Winnica Pod Lipa“ oder „Winnogora“).

Der ganze Stolz des Winzers ist aber die Produktion des Grempler-Sekts. Benannt ist dieser Schaumwein nach Friedrich August Grempler (1793–1869), der hier mit seinen Partnern Gottlob Förster und Carl Samuel Häusler eine der größten Sektmanufakturen Deutschlands betrieb. Fedorowicz hat sich den Namen patentieren lassen und in die Tradition gestellt. Er reiste in die Champagne, um die Sektproduktion von der Pike auf zu lernen. 

Übrigens gehörte die Süßweinmanufaktur in Zielona Góra bis zu ihrem Verkauf dem Sektmagnaten Grempler, wo auch später Fedorowiczs Mutter arbeiten sollte. Eine Ironie der Geschichte und ein Grund, warum Fedorowicz sich dazu entschloss, die Sekttradition wieder aufleben zu lassen. „Weinanbau braucht Geschichte“, sagt er. „Und diese Geschichte haben wir hier.“ Ein Kuriosum, das zu den historischen Tatsachen gehört: Bis 1945 war einer der größten Abnehmer des Grempler-Sekts die Stadt Berlin, vor allem in den Goldenen Zwanzigerjahren. Ob es wieder einmal dazu kommen wird? Fedorowicz hofft es.

Sekt der Winnica Milosz

Sekt der Winnica Milosz

© Berliner Zeitung

Zielona Góra ist ein Muss

Wer die Weine aus Zielona Góra probieren will, sollte die Stadt zwischen dem 8. und 11. Juni 2023 besuchen. Dann finden die „Tage des offenen Weinkellers“ statt. Es beteiligen sich 23 Weinkeller. Man bekommt für 139 PLN (etwa 30 Euro) ein Weinglas in die Hand gereicht und kann insgesamt 16 Weine probieren (oder für etwa 60 Euro insgesamt 32 Weine). Tickets und Infos über die beteiligten Winzer und Weinkeller gibt es vor Ort oder im Internet.

Den Trip kann man wunderbar mit einem Besuch von Zielona Góra verbinden, fantastisches Essen probieren und einen Besuch der Umgebung wagen. Besonders empfehlenswert ist ein Ausflug an die Oder. Der Gastronom Tomasz Włoch hat an hier eine kleine Oase geschaffen: Sein Freilichtrestaurant „Przystań Tu“ (Portowa 1, 66-131 Cigacice) liegt direkt am Fluss. Man kann dort Boote mieten und von Winzer zu Winzer flussaufwärts und -abwärts fahren, Stopps machen und Wein probieren. Am Fluss selbst hat der Gastronom aus einfachen Holzelementen einen kleinen Ruheort geschaffen. Man kann dort wunderbar frischen Fisch, Pizza, Pasta und lokale Gerichte genießen und die wunderbare Natur bestaunen. Es gibt großartigen Wein und tollen, selbstgemachten Cidre.

Zielona Góra selbst ist ebenso ein Highlight auf der touristischen Landkarte Polens. Die Stadt wurde im Krieg kaum zerstört, man kann im Zentrum beeindruckende preußische Architektur erleben und in einer der längsten Fußgängerzonen Polens die umwerfende polnische (oder internationale) Küche probieren. Besonders zu empfehlen ist das Restaurant „il Vicolo“ (Kupiecka 70B), das sehr gute lokale Weine und Spitzenküche zu einem geringen Preis anbietet. Auch sehr gut ist das Restaurant „Ohy-Ahy“ (Kościelna 2), das Fusion-Gerichte kocht und Flaschenweine von Krzysztof Fedorowicz auf der Karte hat. Wer nur einen Drink nehmen will, sollte die Künstleroase Café Noir besuchen (al. Niepodległości 22) und auch die gegenüberliegende staatliche Kunstgalerie BWA besichtigen.

Ebenso empfehlenswert ist das historische Museum des Lebuser Landes (al. Niepodległości 15) und die „Palmiarnia“ (Wrocławska 12A). Dabei handelt es sich um Gewächshaus, das zwischen Palmen und exotischen Pflanzen ein solides Restaurant beherbergt. Eingebaut in die architektonische Infrastruktur ist das alte Weinhaus des Winzers und Sektherstellers Friedrich August Grempler. Wer sich für schlesische Schlösser interessiert, der sollte außerdem noch das Schloss Bojadla besuchen (Kościelna 1, 66-130 Bojadła). Dort gibt es ein sehr gutes Restaurant mit polnischer Küche. Unbedingt hinfahren!

Infos zum Trip: Zielona Góra ist bestens mit dem Zug zu erreichen, eine direkte Zugfahrt vom Berliner Hauptbahnhof dauert etwa zwei Stunden. Mit dem Auto dauert die Reise etwa 2,5 Stunden. Zu empfehlen ist das Hotel Retro direkt gegenüber vom Bahnhof (Dworcowa 41), es hat auch ein sehr gutes Restaurant (am besten vorher reservieren) und kostet etwa 80 Euro pro Nacht. Die „Tage des offenen Weinkellers“ in Grünberg gehen vom 8. bis 11. Juni 2023. Wer es dorthin nicht schafft, kann Grünberger Weine auch beim deutsch-polnischen Weinfest in Görlitz genießen (24. Juni, ab 14 Uhr). 

Restaurants, die Sie probieren müssen: Ohy-Ahy (Kościelna 2, Zielona Góra), Restauracja il Vicolo (Kupiecka 70B), Restaurant Palmenhaus (Wrocławska 12A).

Winzer:Winnica Miłosz“, Łaz 65, 66-003 Zabór (montags bis freitags 16-18 Uhr, Online-Shop: https://winnicamilosz.pl/). Außerdem: „Winnica Pod Winna Gora“, „Winny Dworek“, „Winnica Pod Lipa“ oder „Winnogora“.

Weitere Informationen unter: https://visitzielonagora.pl/de/

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