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Ich war nie eine Ostdeutsche – bis ich in den Westen kam

Unsere Autorin ist Anfang 20 und zog vor drei Jahren nach Berlin. Aus Sachsen, wo sie wegen ihrer Eltern als Wessi galt. Nun soll sie den Osten erklären.

Leona Spindler
8 Min
Studentin Eike Stöcker arbeitet am 04.08.2016 in Dresden am Wandbild „Der Weg der roten Fahne“, das sich an der Westfassade am Kulturpalast Dresden befindet.

Studentin Eike Stöcker arbeitet am 04.08.2016 in Dresden am Wandbild „Der Weg der roten Fahne“, das sich an der Westfassade am Kulturpalast Dresden befindet.

© Jens Kalaene/dpa

Auf WG-Partys musste ich Sätze hören wie: „Alle Sachsen sind Nazis. Alle Sachsen sind prinzipiell dumm, genauso wie ihr Dialekt.“ In solchen Momenten fragte ich mich, ob die Person mich und unser Gespräch nun tatsächlich dumm fand. Ausgesprochen habe ich es aber nie.

Obwohl ich mich bemühe, ihn zu verbergen, habe ich Komplexe aufgrund meines Dialektes entwickelt. Und auch ich hatte dieses Bild von Sachsen und Ostdeutschland. Das Verrückte dabei ist: Ich bin Ostdeutsche. Nicht nur irgendeine Ostdeutsche, ich komme aus Sachsen – dem schwarzen Schaf der 16-köpfigen Familie.

Ich komme aus einer Generation, die die Mauer nie erlebt hat, aber sie noch in ihren Köpfen trägt. Ich bin Anfang 20 und komme aus einem kleinen Dorf am Rand der Sächsischen Schweiz. Meine Eltern kommen beide aus Westdeutschland: Meine Mutter stammt aus Euskirchen, mein Vater aus Oldenburg. Und ich erhoffe mir, ernst genommen zu werden.

Die Stadt, die ost- und westdeutsch zugleich ist

Die Herkunft meiner Eltern ist wichtig, um zu erklären, warum ich mich nie als Ostdeutsche begriffen habe oder von anderen aus meiner Heimat als solche gesehen wurde. Das ist nicht negativ gemeint und auch nichts, worunter ich gelitten habe. Wie auch? In meinem Kopf war das Bild des trotteligen Sachsen eingebrannt. Ich habe schnell gelernt: Wenn ich eines nicht sein will, dann ostdeutsch.

Dass Sachsen ein Problem mit Nazis und rechtem Gedankengut hat, ist kein Geheimnis, und auch ich habe das – mit meiner komplett gegensätzlichen Meinung – zu spüren bekommen. In Sachsen war ich keine Ostdeutsche. Wenn, dann war ich ein Wessi.

Ich war die ohne Dialekt, die die Großeltern ihrer Freund:innen kaum bis gar nicht verstand. Ich war die, die immer Rechenschaft für die Fehler der Wiedervereinigung ablegen musste – natürlich nur bei einigen. Aber eigentlich hat meine Herkunft nie eine Rolle gespielt. Bis ich nach Berlin zog. Die einzige Stadt in Deutschland, die west- und ostdeutsch zugleich ist. Genau wie ich.

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Wehlen in der Sächsischen Schweiz

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© Birgit Seifert/imago

Der Tag, an dem ich ostdeutsch wurde

Zur Ostdeutschen wurde ich an dem Tag, an dem ich in den Westen zog. Ich war auf einmal die mit dem Dialekt. Ich war die, die alle anguckten, wenn es um Sachsen ging – meist im negativen Kontext. Werde ich nach meiner Herkunft gefragt, sage ich: „Ich komme aus Sachsen, aber …“ Gefolgt von „meine Eltern sind aus dem Westen“, „ich bin kein Nazi“, „ich bin nicht so wie andere Sachsen“ ... oder eher wie das Bild, das die Medien und der Rest von Deutschland um Sachsen und Ostdeutschland konstruiert haben. Das teils fern von der Wirklichkeit ist.

Was nicht fern von der Wirklichkeit ist, sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die mir vorher nie aufgefallen sind. Je länger ich in Berlin lebe, desto mehr bemerke ich, dass meine „ostdeutsche Normalität“ eben nicht normal ist, sondern ihr strukturelle Probleme zugrunde liegen: Der Großteil meiner Klassenkamerad:innen haben nicht studiert. Der Großteil meiner Klassenkamerad:innen wohnen noch in ihrem Heimatdorf oder in der Umgebung. Der Großteil meiner Klassenkamerad:innen waren nie längere Zeit im Ausland – vor allem nicht außerhalb der EU (mich eingeschlossen).

Der Großteil meiner Klassenkamerad:innen haben mehr als eine Stunde zur Schule gebraucht, weil es in der unmittelbaren Umgebung keine Schulen gab und die Situation des öffentlichen Personennahverkehrs desaströs ist. Nur um einige Bespiele zu nennen, die ich in meiner Jugend in Sachsen erlebt habe. Es sei angemerkt, dass diese strukturellen Probleme viel tiefer reichen als Bildung und noch mehr Auswirkungen haben als oben beschrieben.

Und ich möchte nicht sagen, dass irgendetwas davon verwerflich ist. Im Gegenteil: Nicht jede:r muss studieren, nicht jede:r muss sein Heimatdorf verlassen, nicht jede:r muss ins Ausland gehen. Aber jede:r sollte die Chance dazu haben, die in Ostdeutschland aber strukturell nicht gegeben ist.

Offizielle Übergabe des Neubaus der 3. Schule in der Leipziger Südvorstadt. Ein hochmoderner Schulcampus mit Dreifeldsporthalle.

Offizielle Übergabe des Neubaus der 3. Schule in der Leipziger Südvorstadt. Ein hochmoderner Schulcampus mit Dreifeldsporthalle.

© Stefan Noebel-Heise/imago

Gute Bildung bedingt finanzielle Mittel

Gute Bildung und finanzielle Ressourcen gehen in Ostdeutschland Hand in Hand: Meine Schwester und ich waren am Anfang auf einer Oberschule in unserer Nähe. Meine Schwester hat Dyskalkulie – die viel zu spät entdeckt wurde. Stattdessen wurde ihr gesagt, sie würde, wenn überhaupt, nur einen Hauptschulabschluss schaffen. Meine Eltern nahmen uns von der Schule und wir besuchten fortan eine Privatschule.

Fünf Jahre später hielt meine Schwester ihr Abiturzeugnis in der Hand. Sie war nicht dumm – genauso wie viele andere Kinder, die von den Lehrer:innen als solche abgestempelt wurden. Meine Eltern hatten die finanziellen Ressourcen und nahmen sich die Zeit, uns jeden Tag zur Privatschule zu fahren und abzuholen. Hätten sie das nicht getan, weiß ich nicht, ob ich heute hier sitzen würde. Ich hatte diese Privilegien. Viele andere nicht.

Aber da hört es nicht auf: Auch ein Studium muss man sich leisten können. Vor allem in einer anderen Stadt. Das können nur Kinder, deren Eltern genug finanzielle Ressourcen haben oder Unterstützung bieten, wenn es um Förderungen geht. Auch hier gibt es Ausnahmen – aber es sind Ausnahmen und nicht die Regel.

Der größte Teil der Ostdeutschen ist dabei laut bpb in den unteren sozialen Lagen vertreten und viele von ihnen sind keine Akademiker:innen. Außerdem interessant: Von 100 Akademiker:innenkindern studieren 71. Bei Nichtakademiker:innenkindern sind es nur 24.

Nicht vorhandene finanzielle Ressourcen?

Was meine ich mit finanzielle Ressourcen? Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2021 belegen, dass Ostdeutsche im Jahr circa 12.000 Euro weniger verdienen als Westdeutsche. Vor diesem Hintergrund lässt sich also auch auf eine Chancenungleichheit für ostdeutsche Kinder im Vergleich zu westdeutschen schließen.

Auch ein Stipendium ist keine Lösung: Laut Erhebungen der Hans-Böckler-Stiftung werden überwiegend Kinder gefördert, deren soziale Herkunft hoch oder gehoben ist. Obwohl der Pay Gap zwischen Ost und West zur Ungleichheit beiträgt, ist das nicht die Hauptursache: In der DDR war es aufgrund der Staatsideologie nicht möglich, persönliches Vermögen anzuhäufen, geschweige denn etwas zu vererben. Auch nach der Wiedervereinigung stellte das für Bürger:innen eine Herausforderung dar. Auch, weil sie nicht in Elitepositionen kamen – diese belegten überwiegend von Westdeutsche.

Diese historische Ungleichheit ist noch heute ein bestimmender Faktor, wenn es um finanzielle Ressourcen geht, betont auch Dirk Oschmann in seinem Buch „Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“.

Was auch gesagt sei: Die Lebenshaltungskosten sind in Ostdeutschland geringer, falls man aber in Westdeutschland studieren will, fällt das nicht ins Gewicht. Eher trägt es dazu bei, dass Ostdeutsche genötigt sind, im Osten zu bleiben und keine Vermischung stattfindet.

Nach der Wende kamen Ostdeutsche nicht in Führungspositionen und auch heute bleibt es ihnen verwehrt – unter anderem wegen den oben genannten Faktoren. Das Fatale dabei: Nur in Führungspositionen kann man etwas bewegen und das System verbessern. Eine Datenerhebung des MDR in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig kommt zu dem Ergebnis: 2022 waren nur etwa dreieinhalb Prozent der Elitepositionen mit Ostdeutschen besetzt. Dabei stellen Ostdeutsche etwa 17 Prozent der Gesamtgesellschaft.

Pegida-und-AfD-Demonstration am Theaterplatz in Dresden, 24.02.2023

Pegida-und-AfD-Demonstration am Theaterplatz in Dresden, 24.02.2023

© Sven Ellger/imago

Vorurteile und Klischees gegen Ostdeutschland

Das negative Bild, das die Medien vom Osten konstruieren, festigt sich zwangsläufig auch in den Köpfen der Menschen – ich habe es oft deutlich zu spüren bekommen.

Lange habe ich nichts gesagt, bis wir in der Uni ein Essay lasen. In dem Essay beschrieb die Autorin ihre Reise nach Sachsen. Die Gefühle, die sie schildert, wollte ich ihr keinesfalls absprechen: Es ging um Unbehagen, Angst und Wut. Doch ihr Text malt ein Bild vom Osten, das so klischeebehaftet und eindimensional ist, dass ich es kaum fassen konnte. In diesem Moment wollte ich nicht mehr leise sein und die Bilder und Klischees von Ostdeutschland akzeptieren.

Die Probleme des Ostens sind struktureller Natur und vielseitig. Um sie zu lösen, müssen wir aktiv an einem Wandel arbeiten. Es muss weniger über, sondern mehr mit Ostdeutschland gesprochen werden.

Wir als Gesellschaft müssen aktiv zum Strukturwandel beitragen. Denn ein Deutschland, in dem die Herkunft nicht negativ behaftet ist, ist ein Land, in dem sich jede:r gehört und gesehen fühlt. Nur dann können wir Probleme nachhaltig lösen. Ich weiß, dass wir das müssen. Und ich weiß, dass wir das können.

Leona Spindler ist 22 Jahre alt. Sie wurde in Ostdeutschland geboren und ist dort auch aufgewachsen. Nach ihrem Abitur zog sie nach Berlin und studiert Journalismus und Unternehmenskommunikation an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft.

Die Autorin legt Wert auf die Verwendung von Sonderzeichen zur Sichtbarmachung aller Geschlechter.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.


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