Kleine Quizfrage: Wie viele Tage braucht der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, um das Ergebnis gleich zweier Volksentscheide abzulehnen? Spötter behaupten: drei Tage. Am Mittwoch hatte Wegner den Bericht der Enteignungskommission mit den Worten kommentiert: „Es ist kein Geheimnis, dass ich bei Vergesellschaftung stets skeptisch war, ich bin es immer noch. Ich halte das für den falschen Weg.“ Und stellt sich damit eindeutig gegen den Volksentscheid von 2021, bei dem rund eine Million Wähler für die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne votiert hatte.
Am Freitag sagte der CDU-Politiker beim Blick über das große, freie Tempelhofer Feld, wie es seit dem Volksentscheid vor neun Jahren bis auf Weiteres fest zementiert ist: „Wir werden einen internationalen Wettbewerb zur Bebauung der Ränder des Tempelhofer Feldes organisieren. Danach sollen die Bürger entscheiden, ob sie das wollen.“ Wenn ja, werde das Konzept umgesetzt. Wenn nicht, werde nicht gebaut, bekräftigte Wegner im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Eines sei jedenfalls schon sicher: In dieser Legislaturperiode, also bis September 2026, ändere sich auf dem Feld gar nichts.
Warum der Flughafen Tempelhof die letzte große Chance für Berlin ist
Flughafen Tempelhof: Nazis, Amerikaner und Technoraves – mehr Berlin geht nicht
Wenn es nach Kai Wegner, vielen anderen Politikern, aber auch Stadtentwicklern, Architekten und Projektmanagern geht, soll sich jedoch im alten Flughafengebäude in den nächsten Jahren noch einiges ändern. Der gewaltige Bau aus der Nazizeit ist nicht nur Europas größtes Baudenkmal, sondern sicher auch einer der größten Sanierungsfälle des Kontinents.
Das mehr als 1,2 Kilometer lange Viertelrund ist zu Teilen eine ungenutzte Ruine. Und das seit vielen Jahren. Das aus dem Weltall identifizierbare Gebäude, das spätestens seit seiner Hauptrolle bei der Luftbrücke vor 75 Jahren zumindest für West-Berlin ikonischen Charakter hat, befindet sich in einem deutlich schlechteren baulichen Zustand als lange angenommen. Bis heute spricht die landeseigene Tempelhof Projekt GmbH davon, dass eine umfassende Grundsanierung unumgänglich sei, schätzt die Kosten jedoch auf völlig utopische zwei Milliarden Euro. Allein die umfassende Modernisierung der Büroflächen wird mit abschreckenden 750 Millionen Euro beziffert.
Dennoch werden bereits viele Flächen genutzt – derzeit zum Beispiel zwei Hangars als Unterkunft für Flüchtlinge –, andere werden temporär vermietet. Am Platz der Luftbrücke sitzt seit Jahrzehnten bekanntlich die Berliner Polizei.
Container als Flüchtlingsunterkunft am Tempelhofer Feld
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Dezember 2022: Die damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey und die damalige Sozialsenatorin Katja Kipping inspizieren die neuen Flüchtlingsunterkünfte in den Hangars von Tempelhof.
© Berliner Zeitung/Markus Wächter
Flughafen Tempelhof: Die Planer sind ambitioniert und unbescheiden
Doch die Tempelhof Projekt GmbH hat ambitionierte Pläne und formuliert dabei bemerkenswert unbescheiden. So soll das Flughafengebäude „Berlins zentraler Ort für Kunst-, Kultur- und Kreativnutzungen“ werden. Darunter ist nun wirklich eine Menge (und nichts) zu verstehen. Und der Weg dahin ist weit.
Kein Wunder, dass der Fortschritt in Tempelhof eine Schnecke ist. Entsprechend häufig fiel am Freitagabend bei einer Eröffnung das Wort „endlich“. Endlich, 15 Jahren nach Einstellung des Flugbetriebs, war ein Ergebnis zu besichtigen: der alte Flughafentower im sogenannten Kopfbau West am Tempelhofer Damm inklusive schöner, 620 Quadratmeter großer Dachterrasse mit einem weiten Blick übers freie Feld und einem ausgebauten Geschoss darunter, das als Ausstellungs- und Veranstaltungsort vorgesehen ist. „Tower THF“ heißt dieses umfassend und denkmalgerecht sanierte Bauteil. Die Gesamtkosten liegen bei 39,9 Millionen Euro, getragen von Land und Bund.
Sonnenuntergang über dem Feld
© dpa
Für das Geld zeigt sich den Besuchern ein wegen großer Fenster lichtdurchfluteter, aber behutsam sanierter Bau mit viel sichtbarem Beton und Backstein, mit schönen Kontrasten. Inklusive ist natürlich ein atemberaubender Blick von der Terrasse über das Tempelhofer Feld zu Füßen des Kopfbaus am westlichen Ende. Jenes Feld, das Wegner und seine gesamte schwarz-rote Koalition an den Rändern bebaut sehen möchte. Von oben zu besichtigen für alle ab 15. Juli.
Bis zum nächsten „Endlich“ für eine weitere abgeschlossene Sanierung eines Teilbereichs des Flughafengebäudes wird wohl noch einige Zeit vergehen. Als Nächstes sollen Teile des ewig langen Dachs begehbar und nutzbar gemacht werden.
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