Ich weiß nicht mehr genau, wie es anfing, aber ich weiß noch genau, dass ich mitten im Sommer vor der Kaufhalle in Dresden-Niedersedlitz stand und aus meinem Anorak sieben Cornetto-Eis-Hörnchen zog: ziemlich sicher drei Erdnuss, zwei Erdbeer, zwei Buttermilch-Zitrone. Wir waren zu zweit und meine Begleitung hatte so etwas wie Überraschungseier und Haribo unter der Jacke. Und da standen wir, und ich versuchte, sieben Cornetto gerecht unter zwei Kindern aufzuteilen. Ich glaube, ich habe eins weggeworfen.
Es war der Sommer 1990, die Währungsunion stand kurz bevor oder war gerade passiert. Meine Eltern hatten beide ihren Job verloren. Süßigkeiten waren im Supermarkt so wahnsinnig präsent, und überall gab es Werbung dafür, aber für uns Kinder mit unserem Taschengeld war alles unerreichbar. Eine Büchse Fanta für umgerechnet drei Ostmark? Ein Cornetto für vier Ostmark? Eine Bravo für sechs Ostmark? Nö. Meine Freundin und ich waren beide zehn Jahre alt und hatten uns gerade vorgenommen, wir sagen nicht mehr „klauen“, wir sagen: „lachen“. Und ich kann es nicht anders sagen: Was haben wir gelacht damals!
DDR-Ferienlager, in denen die Utopie der Liebe Wirklichkeit wurde
Ferienerinnerung: Die rote Wolke – als die Ostsee von einer Käferplage heimgesucht wurde
Für ein paar Wochen bin ich in Supermärkte gegangen und habe einfach alles einmal ausprobiert: Snickers und Bounty, Mamba und Maoam, Smarties und M&Ms. Meine ersten Tictac habe ich noch im Intershop gekauft, und plötzlich, ein Jahr später, lagen sie im Regal und waren superteuer. Alles weg-„gelacht“ in den Ferien. Manchmal sind wir zu viert in den Supermarkt und haben den Rest des Tages die Süßigkeiten aufgegessen.
Genau, es blieb ja nicht bei Süßigkeiten. Wir gingen in die Innenstadt von Dresden, und ich probierte meine Lach-Skills bei Kassetten-Hörspielen. Jan Tenner, Drei ??? und so Sachen. Alles so viel cooler als Moosmutzel und Waldwuffel. Und plötzlich hörten wir von Freunden das Gerücht, dass es Detektive gibt in den großen Geschäften, die Kinder wie uns jagen. Und dann wurde einer gefasst und dann noch jemand. Und dann haben wir alle aufgehört, mit einem Tag war der Spaß vorbei. Oder: Das „Lachen“ war uns vergangen.
Nie wieder Tictac
Das stimmt natürlich nicht ganz, ein paar aus meiner Klasse haben weitergemacht. Sie haben drei Pullis übereinander gezogen und sich gebrüstet, was alles noch geht. Und ich habe es dann doch meinen Eltern erzählt. Sie meinten, sie hätten es geahnt und seien froh, dass es vorbei ist. Die Folge: Bis heute hab ich seitdem kein Tictac mehr gegessen, weder Orange noch Minze. Cornetto manchmal schon, aber nur noch mit sehr schlechtem Gewissen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]