Natur

Der Wald ruft: Warum sich immer mehr junge Berliner für die Pilzsuche begeistern

Der Fotograf und Sammler Moritz Schmid bietet in Berlin und Brandenburg Waldwanderungen für gestresste Großstädter an – und begeistert sie für die Welt der Pilze.

11 Min
Den Wald mit anderen Augen sehen: Pilze sind mehr als nur ein Sammelobjekt.

Den Wald mit anderen Augen sehen: Pilze sind mehr als nur ein Sammelobjekt.

© Adrian Escu für die Berliner Zeitung am Wochenende

Wer mit Moritz Schmid in den Wald geht, der sollte einen Korb, ein Messer und festes Schuhwerk dabei haben. Und was noch viel wichtiger ist: Er sollte viel Zeit und Geduld mitbringen. Denn Pilze sind launische Wesen, ein bisschen unberechenbar, ja fast schon divenhaft. Manchmal wachsen sie, dann wieder nicht. Sie lassen sich von uns Menschen jedenfalls nicht herumkommandieren. Nur weil wir Lust auf in Butter geschwenkte Pfifferlinge haben, stehen sie noch lange nicht Gewehr bei Fuß.

Diese immer mitschwingende Unwägbarkeit ist einer von vielen Punkten, die Moritz Schmid an der Pilzsuche faszinieren. Aber der gebürtige Hamburger, der nach vielen Jahren in Berlin inzwischen in Brandenburg zu Hause ist, stürmt ohnehin nie los, mit dem Ziel, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Maronen und Steinpilze abzuschneiden.

Schmid ist Experte, genau gesagt ist er zertifizierter Pilzcoach der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM). Wie jeder passionierte Sammler hat er sich über die Jahre hinweg seine geheimen Spots erarbeitet und im Handy abgespeichert. Und doch ist ein Waldspaziergang für ihn weit mehr als nur ein Essensbeschaffungsvorgang.

Moritz Schmid und der Grünblättrige Schwefelkopf.

Moritz Schmid und der Grünblättrige Schwefelkopf.

© Adrian Escu

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Mit dem 43-Jährigen sinkt man regelrecht ein in den Wald, läuft bald links, bald rechts, entdeckt Dinge, auf die man sonst nie geachtet hätte. Schon nach wenigen Minuten, wir sind gerade in Schmöckwitz, tief im Süden Berlins, zwischen Kiefern, Eichen und Buchen abgetaucht, da hört man ihn aus dem Unterholz rufen: „Schaut mal hier, ein Samtfußkrempling!“ Schmid dreht und wendet das kleine Exemplar in seiner Hand, betrachtet den braunen Hut, die gelben Lamellen und den samtigen Stiel.

„Schön, oder?“, sagt er mehr zu sich selbst und packt ein behutsam herausgedrehtes Exemplar in sein Körbchen. Zwar eignet sich Tapinella atrotomentosa nicht als Speisepilz, aber er sieht aus wie ein kleines Kunstwerk und passt damit hervorragend zu den Naturmandalas, die Schmid zusammen mit den Teilnehmern seiner regelmäßig stattfindenden Waldwanderungen und Sammelworkshops gestaltet.

Aus Pilzen, Moosen, Blättern und Flechten komponiert der Künstler farbenfrohe Stillleben, die man später als Flatlay-Fotografien auch kaufen und sich an die Wand hängen kann. Nicht käuflich ist hingegen die Begeisterung, mit der der Sammler durch den Wald geht. Im besten Fall wird man davon angesteckt und erfährt ein bisschen mehr über die Natur, die wir Berliner glücklicherweise direkt vor der Haustür haben.

Into the woods: Auf in den Wald!
Adrian Escu

Into the woods: Auf in den Wald!

Die Pilzsammel-Workshops von Moritz Schmid finden im September und Oktober in und um Berlin herum statt – mit Einführung in Sachen Pilzkunde, Gestaltung eines Naturbildes und gemeinsamem Pilz-Lunch. Teilnahme 89 Euro, Buchung unter intothewoods-mushrooms.com

Wer eine längere Auszeit braucht, kann auf der Website auch Retreats in der Uckermark buchen. Außerdem werden Waldbade-Sessions angeboten. Schmid ist auch einer der Gastgeber der kulinarischen Eventreihe „KINK x INVITES“, die mit innovativen Genusshandwerkern aus Berlin zusammenarbeitet. Am 15. Oktober lädt der Pilzprofi zum Dinnerabend ins Restaurant Kink in der Schönhauser Allee 176. 

Exkursionen und eine unentgeltliche Pilzberatung bietet in der Region zum Beispiel die Pilzkundliche Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg an (www.pabb.de). Im Botanischen Museum Berlin (Unter den Eichen 5) gibt es ebenfalls eine kundige, kostenlose Pilzberatung.

Bei Moritz Schmid, der schon als kleiner Junge von seinen Eltern in den Wald mitgenommen wurde, geht das Interesse weit über die zwei Handvoll Speisepilzarten hinaus, die der herkömmliche Sammler so kennt. „Das Spiel hatte ich irgendwann durchgespielt“, sagt der Profi und bückt sich schon wieder – diesmal zu einer Gruppe Grünblättriger Schwefelköpfe, leider giftig, aber dennoch von Bedeutung. Da sich der leuchtend gelbe Pilz von organischer Materie wie Totholz ernährt, macht er diese für andere Lebewesen verfügbar.

„Das ist das Tolle an Pilzen“, schwärmt Schmid, „man erweitert die ganze Zeit seinen Horizont.“ Er selbst geht auch abseits der jetzt beginnenden „Mainstream-Saison“ in den Wald. Im Winter zum Beispiel, wenn Austernseitlinge zu finden sind, die an Baumstämmen wachsen und viel besser schmecken als jedes Supermarktexemplar. Oder er sammelt Täublinge, die per Geschmacksprobe einfach zu bestimmen und zum Teil hervorragende Speisepilze seien. Weil sie aber Lamellen haben, trauen sich viele Leute nicht heran.

Auf der sicheren Seite: Nur die Pilze sammeln, die man kennt

Das sei auch gut, fügt der Experte schnell hinzu. Beim Sammeln solle man sich immer auf der sicheren Seite bewegen. Sich auf das zu verlassen, was man kennt, sei im Zweifelsfall besser als Risiko: „Für einen kleinen Happen sein Leben aufs Spiel zu setzen, das ist nun wirklich affig. Niemand muss sich oder anderen irgendwas beweisen und etwas probieren, das er nicht kennt oder bei dem er sich nicht sicher ist.“

Wer ob der Sorten zweifelt, der kann erst mal nur Röhrlinge mit einem Schwamm auf der Hutunterseite sammeln: „Da kann man nicht so viel falsch machen. Im schlimmsten Fall erwischt man einen Gallenröhrling, der so bitter ist, dass er die ganze Mahlzeit unbrauchbar macht. Aber man stirbt nicht davon.“

Endlich etwas Essbares: Die Espenrotkappe wird gleich im Wald geputzt.

Endlich etwas Essbares: Die Espenrotkappe wird gleich im Wald geputzt.

© Adrian Escu

Tipps für Sammler hat Schmid zuhauf auf Lager. Wenn man im Wald ankommt, empfiehlt er, sich zunächst die Schuhe zu binden. So könne man erst mal ankommen, sich umschauen, auf Höhe der Pilze verweilen. Nicht zu viel erwarten, das wäre auch so ein Tipp. Die Pilze, die in den Korb wandern, sollten jung und fest sein: „Alle haben Angst vorm Knollenblätterpilz, aber am häufigsten treten Pilzvergiftungen durch zu alte Pilze oder falsche Lagerung auf.“ Kein Wunder, dass man Experten mit einer Plastiktüte als Sammelbehältnis, in der die Pilze mangels Belüftung schnell faulen und giftige Substanzen entwickeln können, so richtig auf die Palme bringt.

Für den gelernten Fotografen sind Pilze nicht nur kleine Naturkunstwerke, sie symbolisieren für ihn den Kreislauf des Lebens: „Sie sind diejenigen, die alles am Leben erhalten. Wenn du hier den Boden aufmachst“, sagt Schmid und weist mit seinen über und über tätowierten Armen nach unten, „ist da überall Myzel, also das unterirdische Geflecht hauchdünner Pilzfäden. Die ganze Welt besteht daraus.“

Tatsächlich erfüllen Pilze wichtige Funktionen im Ökosystem Wald. Sie zersetzen totes organisches Material wie Holz, Laub oder Nadelstreu und halten so den Nährstoffkreislauf in Gang. Auf diese Funktion weist auch die Deutsche Gesellschaft für Mykologie hin, die den gleichen Trend beobachtet wie Moritz Schmid, dessen Sammelworkshops im vergangenen Jahr restlos ausgebucht und auch bei jungen Leuten sehr gefragt waren.  

Zwar werden in Deutschland keine genauen Zahlen zu Pilzsammlern erfasst, bei der DGfM schätzt man aber, dass es hierzulande jedes Jahr etwa ein bis zwei Millionen Menschen in die Wälder zieht. Dabei gehen die Experten von einem stärkeren Trend hin zur Beschäftigung mit der Natur aus – belegen lässt sich das zum Beispiel anhand steigender Teilnehmerzahlen bei naturkundlichen Führungen und Veranstaltungen. In Kitas und Schulen sind waldpädagogische Angebote speziell für Kinder sehr gefragt.

Die von der DGfM initiierten Ausbildungen zum Pilzcoach oder Sachverständigen seien trotz wachsender Angebote ausgebucht – „und sie werden sehr oft auch von jungen Menschen in Anspruch genommen“, sagt Stefan Fischer vom Präsidium der Gesellschaft. „Wir haben steigende Mitgliederzahlen in den letzten Jahren. Das Interesse an gesunder Ernährung aus der Natur hat zugenommen.“

Dieses spezielle Pilzmesser mit Bürste hat sich Moritz Schmid extra anfertigen lassen.

Dieses spezielle Pilzmesser mit Bürste hat sich Moritz Schmid extra anfertigen lassen.

© Adrian Escu

Zwar treffe man im Wald und bei Beratungen immer noch eher ältere Pilzsammler, aber: „Bei den Jüngeren steht der Pilz nicht nur als leckere Speise im Blickfeld, sondern seine große Vielfalt, sein Anwendungspotenzial und die Wichtigkeit für den Naturhaushalt“, so Fischer. Dass Pilzesammeln wieder gefragt ist, passt in eine ganze Reihe von Bewegungen, die in den letzten Jahren wieder zum Vorschein kamen und die an Instinkte appellieren, die mehr oder weniger gut versteckt ohnehin in uns schlummern.

Ob Brotbacken, Gemüsegärtnern, Holzhacken oder Grillen: Die Sehnsucht nach einer einfachen, naturverbundenen Lebensweise ist da, vielleicht in einer hochtechnisierten Welt noch viel stärker geworden. Sich selbst zu versorgen, regional, saisonal, zu diesem Wunsch passt es eben auch, jetzt im September und Oktober die Stiefel zu schnüren, das Klappmesser zu zücken und wie einst die Jäger und Sammler in der Steinzeit auf die Suche nach Pilzen zu gehen.

Facebook, TikTok, Instagram: Pilzcontent trendet auf Social Media

Auf Social Media zeigt sich, dass man mit dem Thema eine Menge Likes generieren kann. Die größte Pilzgruppe auf Facebook hat mehr als 120.000 Mitglieder, es gibt zahlreiche Themen- und Regionalgruppen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Auf TikTok trenden Hashtags wie #Pilztok oder #Pilzesammeln; der 18-jährige Tristan Jurisch aus Sachsen etwa erzielt auf der Videoplattform mit seinem Waldcontent große Reichweiten.

Auch Moritz Schmid ist eifriger Social-Media-Nutzer. Bei Instagram folgen ihm und seiner Pilzkunst mehr als 30.000 Menschen. Der Rostocker Rapper Marteria ist Fan von ihm. Vielleicht kann man Schmid als Pilz-Influencer bezeichnen. Immerhin trägt der Wahl-Brandenburger mit dem, was er tut, dazu bei, eine lange als Rentnerhobby belächelte Beschäftigung an die nächsten Generationen zu vermitteln. Sie vielleicht auch etwas achtsamer und bewusster zu gestalten.

Für die Workshops in diesem Herbst gibt es jedenfalls schon zahlreiche Interessenten, darunter etliche stadtmüde Kreative, die sich in Brandenburgs Wäldern den Blick weiten lassen, die gute Luft um die Nase wehen lassen wollen.

Auch bei Moritz Schmid waren es anstrengende Jahre in der Werbefotografie, die ihn irgendwann wieder zurück in den Wald führten. Eine etwas aus dem Blick geratene Leidenschaft packte ihn erneut. Nun schreibt er Bücher über Pilze, verkauft seine Fotokunst – und führt gestresste Großstädter in Waldbadeseminaren oder bei Retreats in der Uckermark weg von Hauptverkehrsstraßen, Hipster-Cafés und hauptstadttypischer Ruppigkeit dorthin, wo Vögel zwitschern und die Blätter der Espe leise vor sich hin rascheln.

„Beim Pilzesammeln geht es auch darum, in die Ruhe zu kommen, im Moment zu sein.“ Und wer könnte diese Ruhe besser gebrauchen als die Bewohner der Hauptstadt? „Ich habe zwölf Jahre in Neukölln gewohnt und weiß, wovon ich rede. Die Stadt ist dreckig, laut und aggressiv. Das konnte ich irgendwann einfach nicht mehr ertragen“, erzählt der 43-Jährige. Vor vier Jahren zog er mit seiner Frau von Neukölln nach Zeuthen. Heute lebt er mit Wasser und Wald direkt vor der Haustür, die nächste Pilzstelle in fußläufiger Entfernung.

Seine Workshop-Teilnehmer nimmt er mit in die Wälder im Südosten der Stadt, Plänter- oder Grunewald tun es aber auch, sagt Schmid. Manchmal buchen Firmen seine Seminare für ihre Mitarbeiter. Nächste Woche veranstaltet er für die schwedische Kultmarke Happy Socks ein Influencer-Event. Thematisch passt das, steht doch die neue Kollektion der Fashion Brand unter dem Motto „Happiness In Nature“.

Was genau macht uns hier draußen so happy, fragen wir uns nach einer Stunde im Schmöckwitzer Forst, wo doch der Pilzkorb immer noch nichts Essbares bereithält. Schmid stemmt die Hände in die Hüften und sagt: „Der Wald bewertet dich nicht, er ist einfach da und empfängt dich immer mit offenen Armen.“

Der Gang in den Wald: Kontrast zur „inhaltslosen Bullshit-Welt“

In den 20 Jahren als Werbefotograf, in denen er zwischen Hamburg, New York, London und Kapstadt hin und her jettete, Kampagnen für BMW und Mercedes schoss, die Klitschkos und Kate Hudson vor der Kamera hatte, da war der Gang in den Wald für ihn der größtmögliche Kontrast zu dieser „aufgeblasenen, artifiziellen und inhaltslosen Bullshit-Welt“, wie Schmid sie heute nennt.

Im vergangenen Jahr brach er endgültig mit diesem Leben, löschte seine Website und wandte sich ab vom Alten. „Irgendwie haben die Pilze mich gerufen“, sagt er. Dass er nun weniger Geld habe, nehme er gern in Kauf. Dafür könne er immer draußen sein und frische Waldluft atmen.

Fotograf Moritz Schmid ließ die Werbebranche hinter sich und bietet jetzt Pilz-Sammelworkshops an.

Fotograf Moritz Schmid ließ die Werbebranche hinter sich und bietet jetzt Pilz-Sammelworkshops an.

© Adrian Escu

Bei unserem Spaziergang allerdings macht die gute Luft langsam Hunger, und ein Pilzmahl ist noch immer nicht in Sicht. Schon reift der Gedanke, den Supermarkt anzusteuern und ein paar Champignons fürs Abendessen zu kaufen. Moritz Schmid aber entscheidet: Wir fahren noch ein Stück weiter raus, Richtung Königs Wusterhausen. Dort gibt es eine baumbestandene Heidelandschaft, wo Rotkappen, Reizker und Steinpilze wachsen.

Leider ist auch hier draußen der Boden trocken, die Fingerprobe zeigt es. Schon nach einem guten Zentimeter ist die Erde regelrecht ausgedörrt. Wenn es nicht regnet, wird es wohl kein guter Pilzherbst werden, trotz der Güsse im Sommer.

Und dann plötzlich, nach zwei Stunden Suche, ertönt er doch noch, der Jubelschrei. Jeder Sammler kennt dieses Glücksgefühl, wenn er endlich einen Pilz entdeckt. Moritz Schmid hat unter einem Baum fünf wunderschöne Espenrotkappen gefunden, mit schuppigen weißen Stielen und halbkugeligen Hüten, deren orangerote Farbe sie weithin leuchten lässt. Und so zahlt sich die Geduld am Ende doch noch aus – ein toller Speisepilz landet im Körbchen, eine kleine Mahlzeit ist gesichert.

Moritz Schmid bereitet die Waldpilze im Anschluss an seine Wanderungen mit seinen Gästen bei sich zu Hause zu. „Ich esse sie am liebsten vom Grill. Steinpilze zum Beispiel, die schneidet man in einen Zentimeter dicke Scheiben, ritzt sie ein wenig an, mariniert sie mit Öl und packt sie dann auf den Rost.“ Auch in der Pfanne bräuchten Pilze sehr viel Hitze, damit sie Röstaromen entwickeln können. 

Der Hobbykoch muss nun los, Pilze bereitet man am besten frisch zu. Er packt sein Messer ein, stellt den Korb ins Auto. Zum Abschied sagt er noch: „Das Schöne ist – man geht immer glücklicher aus dem Wald raus, als man hineingegangen ist.“

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