Valencia, Peking, Helsinki, Rom: Vom Flughafen BER geht es an diesem Montag wie gewohnt hinaus in die Welt – theoretisch jedenfalls. Denn bevor die Passagiere abheben können, müssen sie vor den Abfertigungsschaltern und Sicherheitskontrollen vor allem eines: warten. Lange.
Die Schlangen ziehen sich durch die Terminals, aus Minuten werden Stunden, die Geduld schwindet. Auffällig ist dabei, dass gefühlt jeder Dritte eine Medaille um den Hals und jene violette BMW-Jacke trägt, die es als Erinnerung an den diesjährigen Berlin-Marathon zu kaufen gab. Das sportliche Großereignis mit seinen 56.000 Startern ist vorbei – doch die Heimreise wird für viele zum letzten Ausdauerlauf.
„Heute Morgen war hier richtig Chaos“, berichtet eine Mitarbeiterin des Flughafens, die anonym bleiben möchte. Sowohl Passagiere als auch Kollegen hätten von langen Schlangen und überfüllten Bereichen erzählt. Vor allem zwischen 10 und 11 Uhr sei eine Welle von Fluggästen auf den BER zugerollt, die nach dem Marathon-Wochenende Berlin verlassen wollten – und auf die der Flughafen offenbar nicht ausreichend vorbereitet war. Dabei stand der Termin wochenlang fest. „Die fliegen jetzt alle wieder nach Hause“, sagt die Mitarbeiterin. Nur ging es für viele zunächst nirgendwohin.
Im Hintergrund werden hastig Koffer aufgerissen und umgepackt, Familien irren auf der Suche nach dem richtigen Check-in durch das Terminal. Vor der Anzeigetafel drängen sich Reisende, die mit angespanntem Blick nach ihrem Flug suchen. Die Nervosität ist mit Händen zu greifen. Viele versuchen, gelassen zu bleiben.
Wer an diesem Montag Berlin verlässt, ist in der großen Abflughalle kaum zu übersehen: Ein beträchtlicher Teil der Reisenden trägt „2026 Finisher“-Shirts. Läuferinnen und Läufer aus aller Welt präsentieren stolz ihre Medaillen – letzte sichtbare Erinnerungen an den Marathon, bevor es zurück in die Heimat geht. Eigentlich könnte die Heimreise kaum schöner beginnen. Wenn da nicht das Chaos am BER wäre.
Suchen muss man sie nicht: Die erfolgreichen Finisher des diesjährigen Berlin-Marathons.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Der Stolz überwiegt
„Wir freuen uns, die Teilnehmenden des diesjährigen Berlin-Marathons begrüßen zu dürfen“, tönt es durch die Lautsprecher. Dann folgt die ungewöhnliche Ansage, die sich direkt an Tausende Medaillenträger richtet: Vor der Sicherheitskontrolle müssen die hart erkämpften Auszeichnungen noch einmal vom Hals genommen werden. Die Schlangen werden länger, die Menschen stehen dicht an dicht. Noch ist die Stimmung erstaunlich gelassen – zu frisch sind die Glücksmomente vom Sonntag. Doch auch die größte Marathon-Euphorie hat eine Belastungsgrenze.
„Wirklich, es war wunderschön“, schwärmt Alyssa P. von ihrem Wochenende in Berlin. Die 36-jährige New Yorkerin ist hier ihren zweiten Marathon gelaufen. Nach den 42 Kilometern geht es für sie nun zum „wohlverdienten Urlaub“ nach Mailand, bevor sie in die USA zurückkehrt. „Durch das Brandenburger Tor zu laufen, war der coolste Teil“, sagt sie. Besonders beeindruckt habe sie, wie viele Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke lagen – Orte, die sie zuvor bereits bei einer Bustour kennengelernt hatte und nun laufend noch einmal ganz neu erleben konnte.
Während sich im Terminal die Schlangen ziehen und Tausende Reisende gleichzeitig nach Hause drängen, sprechen auch die Zahlen für einen gewaltigen Ansturm. Der Flughafensprecher aber sieht darin keinen Ausnahmezustand – offiziell ist der BER vorbereitet: „Von Freitag bis Montag werden es insgesamt rund 360.000 Passagiere sein, davon am Freitag fast 100.000 und allein heute etwa 94.000 (…). Solche Zahlen sind in der traditionell starken Herbstreisezeit aber nicht außergewöhnlich. Wir und all unsere Flughafenpartner sind darauf eingestellt und vorbereitet.“ Zwischen dieser Einschätzung und den Erlebnissen vieler Passagiere im Terminal liegt an diesem Montag allerdings eine ziemlich lange Warteschlange.
Für die New Yorkerin Alyssa P. geht es erst einmal in den Urlaub nach Mailand.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Vier Stunden anstehen für einen Stempel
Ganz reibungslos lief der Abreisetag allerdings auch nach Darstellung des Flughafens nicht. „An so einem verkehrsreichen Wochenende kann es zu Stoßzeiten an der Sicherheitskontrolle auch mal etwas länger als gewöhnlich dauern, so wie heute Vormittag“, räumt der Pressesprecher des Flughafens auf Nachfrage der Berliner Zeitung ein. Der BER versucht, den Andrang zumindest zu lenken: „Wir unterstützen die Gäste mit Ansagen im Terminal und einem Team von freiwilligen Mitarbeitenden, die Orientierung geben und Fragen beantworten.“ Doch auch sie können die Schlangen erklären – verschwinden lassen können sie diese nicht.
Nach dem Marathon: Lange Schlangen am BER gefährden Berlins Ruf
Ein Orden für die ehemalige Dramaqueen der ARD: Annette Dittert bekommt das Bundesverdienstkreuz
Wie viel schlimmer es am Freitag war, erzählt Danielle D. Die Schottin wartet gemeinsam mit zahlreichen Medaillenträgern am Zollschalter, um sich die Steuer für ihre Marathon-Andenken erstatten zu lassen. Die Schlange ist lang – doch Danielle D. kann darüber nur müde lächeln. „Das ist schnell“, meint sie. Bei ihrer Ankunft am Freitag habe sie vier Stunden und 15 Minuten gewartet, nur damit ihr Reisepass kontrolliert wurde. Dann beginnt sie zu lachen: Genau vier Stunden und 15 Minuten brauchte sie zwei Tage später für den gesamten Marathon. Die Einreise nach Berlin dauerte damit genauso lange wie 42 Kilometer durch die Stadt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]