50 000 JAHRE

Arno Widmann
2 Min

KEO heißt das Weltraumprojekt eines französischen Künstlers. Jean-Marc Philippe möchte im nächsten Jahr eine Kapsel ins Weltall schicken. Sie soll Botschaften aus aller Welt enthalten. Im Internet bietet er jedem an, auf höchstens vier Din-A-4-Seiten ganz gleich in welcher Sprache mitzuteilen, was er mitzuteilen hat. Es findet keine Zensur statt. Die Nachrichten wenden sich allerdings nicht an Außerirdische, sondern sollen unseren Nachkommen überliefern, was uns bewegt. In 50 000 Jahren nämlich wird die Kapsel wieder auf die Erde kommen und möglicherweise von Nachfahren des Homo sapiens oder anderen intelligenten Spezies gefunden, geöffnet, entziffert und gelesen werden. Eine erste Hilfe bietet eine einfache Bastelanleitung für einen CD-Player, der dem Finder ermöglichen soll, die CD-ROM auch abspielen zu können.Eine Schnapsidee? Sicher. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kapsel die 50 000 Jahre im Weltall heil übersteht, ist schon einigermaßen gering, dass der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre sie nicht vollends zerstört, ist ganz und gar unwahrscheinlich. Aber selbst wenn all das glücklich umschifft würde, so ist doch völlig auszuschließen, dass unsere Nachfahren mit der Kapsel mehr werden anfangen können als wir mit den Höhlenmalereien von Lascaux. Dennoch ist die Idee wunderbar. Man fängt an zu überlegen: Was lohnt sich mitzuteilen? Dass man nicht recht weiß, ob es schöner ist zu lieben oder geliebt zu werden? Dass man verzweifelt, weil man die Miete nicht zahlen kann? Dass man zu dick ist? Zu dumm? Dass die Menschen die Erde ruinieren? Dass man vor Scham nicht weiß, wo man hinsehen soll, wenn eine dunkelhäutige Kollegin einem erklärt, sie traue sie nicht mehr übers Wochenende nach Brandenburg? Dass man Wicken liebt und Lindgrün einem eine sinnlos übermäßige Zärtlichkeit einflößt? Wen soll das interessieren in 50 000 Jahren. Man merkt schnell, dass - in einer solchen Perspektive betrachtet - nichts wirklich von Interesse ist. Aber wen interessiert es heute? Eines aber ist sicher: niemand käme auf die Idee, der Kapsel seine Ideen von einer Steuer- oder Rentenreform anzuvertrauen. Der Zukunft mag das Projekt von Jean-Marc Philippe nichts bringen, unser Nachdenken über die Gegenwart aber wird von ihm ziemlich energisch bewegt.www.keo.org/keo2>Das A und O im Christogramm ersetzt das Divus Iulius in Caesars Komet

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