Wahnsinnsrekord

55 Stunden ohne Schlaf: Erster Mensch durchschwimmt die Ostsee

Ostsee-Rekord: Der Pole Bartłomiej Kubkowski schwamm 160 Kilometer von Kåseberga nach Dziwnów – im fünften Anlauf, nach 55 Stunden im Wasser.

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Kraulen im offenen Wasser: Auf Ultradistanzen zählt nicht Tempo, sondern ein Rhythmus, den man zwei Tage durchhält. (Symbolbild)

Kraulen im offenen Wasser: Auf Ultradistanzen zählt nicht Tempo, sondern ein Rhythmus, den man zwei Tage durchhält. (Symbolbild)

© IMAGO/Frank Roeder

Um 19.59 Uhr am Sonntagabend taumelt am Strand von Dziwnów ein Mann aus der Ostsee. Er steht, er schwankt, er sackt in den Sand. Hinter ihm liegen 160 Kilometer Meer und zwei Nächte, in denen er kein Auge zugemacht hat.

Bartłomiej Kubkowski hat damit geschafft, woran er sich viermal die Zähne ausgebissen hatte. Wie der Nachrichtensender Euronews berichtet, ist er der erste Mensch, der die Ostsee zwischen Schweden und Polen am Stück durchschwommen hat.

Von Kåseberga nach Dziwnów: 160 Kilometer Ostsee

Losgeschwommen ist er am Freitagmittag in Kåseberga, einem schwedischen Fischerdorf, in das Touristen sonst wegen einer Steinsetzung aus der Bronzezeit fahren. Der polnische Strand kam nach rund 55 bis 56 Stunden.

Bei der Distanz gehen die Angaben auseinander. Die meisten Berichte nennen gut 160 Kilometer, wer die Abdrift durch die Strömung mitrechnet, kommt auf 170.

Der Ärmelkanal, seit Jahrzehnten die Königsdisziplin des Freiwasserschwimmens, misst an der schmalsten Stelle 34 Kilometer. Kubkowski hat ihn also fast fünfmal hintereinander absolviert.

Kein Schlaf, kein Boot, Essen am Stock

Das selbst auferlegte Reglement ist von einer fast beleidigenden Härte. Raus aus dem Wasser durfte er nicht, das Begleitboot nicht berühren, geschlafen wurde ohnehin nicht.

Nahrung und Getränke bekam er an einer langen Stange gereicht wie ein Zootier bei der Fütterung.

Und damit die Sache überhaupt zählt, musste er am Ziel aus eigener Kraft an Land gehen und dort ohne Hilfe stehen bleiben. Auf dem Video aus Dziwnów sieht man, wie knapp das war.

Halluzinationen in der zweiten Nacht

Am schlimmsten wurde es nach mehr als 30 Stunden Wachsein. Sein Team meldete Krämpfe und Halluzinationen, sprach von Bewusstseinsstörungen durch den Schlafentzug und betonte zugleich, der Schwimmer sei ansprechbar geblieben und habe Witze gemacht.

Das polnische National Geographic hat die Tortur in Zahlen übersetzt: rund 200.000 Armzüge, etwa 55.000 verbrannte Kilokalorien, im Schnitt drei Stundenkilometer.

55.000 Kilokalorien, das sind zweieinhalb Wochen Normalverpflegung eines erwachsenen Mannes. Verbraucht in zweieinhalb Tagen, gedeckt aus Bechern an einem Stock.

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18 Grad klingen harmlos – sind sie nicht

Anfang August liegt die Oberfläche der Ostsee bei etwa 18 bis 20 Grad. Nach zwei Tagen im Wasser ist das kein Badespaß mehr, sondern ein Auskühlungsproblem.

Dazu kommt der Auftriebseffekt: Schiebt ablandiger Wind das warme Oberflächenwasser hinaus, strömt kaltes Tiefenwasser nach, und die Temperatur fällt binnen Stunden um mehrere Grad.

Kälte schreckt ihn allerdings wenig. Kubkowski startet regelmäßig bei „Ice Kilometer“-Wettbewerben, geschwommen wird dort bei zwei bis drei Grad.

Auf der Ostsee-Strecke trug er einen Neoprenanzug. Gegen das Auskühlen über zweieinhalb Tage hinweg hilft der nur begrenzt, gegen Quallen und Scheuerstellen dafür ziemlich gut.

Vier Versuche, elf Kilometer Drama

Das Projekt Ultra Baltic Swim läuft seit 2022. Der erste Anlauf endete nach 115 Kilometern, der zweite nach 116,8, der dritte schon nach 71,6, weil das Wetter kippte.

Am bittersten war der vierte. Im vergangenen August zogen ihn seine Leute nach 159 Kilometern aus dem Wasser, elf Kilometer vor dem Strand. Er kam ins Krankenhaus.

Danach schien das Kapitel zu. Im März kündigte er die fünfte Runde an und nannte sie seinen „last dance".

Wer ist „Foka“? Ein Weltrekord über 4143 Bahnen

In Polen kennen ihn viele als „Foka“, die Robbe. Der Koszaliner hat 15 Jahre Wettkampfschwimmen hinter sich und hält den Weltrekord im 24-Stunden-Schwimmen.

Aufgestellt hat er ihn im Spaßbad seiner Heimatstadt: 4143 Bahnen à 25 Meter, macht 103,58 Kilometer an einem Tag.

Karolina Szczepaniak gibt nach 58 Stunden auf

Fast zeitgleich stieg in Kåseberga eine zweite Schwimmerin ins Wasser. Karolina Szczepaniak, Olympiateilnehmerin von Peking und London, wollte Pobierowo erreichen.

Nach 58 Stunden brach ihr Team in der Nacht zum Montag ab, rund 40 Kilometer vor der Küste. Sie konnte die Nahrung nicht mehr bei sich behalten. Ihr Zustand ist stabil.

Beide schwammen für Spendenzähler. Bei Kubkowski kamen für die Stiftung Cancer Fighters, die krebskranke Kinder unterstützt, bis Montag zwischen 715.000 und knapp 800.000 Zloty zusammen, mehr als 165.000 Euro.

Bislang war die größte Ostsee-Geschichte dieser Art Sebastian Karaś zugefallen, der 2017 über 100 Kilometer von Kołobrzeg nach Bornholm schwamm. Seit Sonntagabend hat die Strecke, die als unschwimmbar galt, einen neuen Namen.

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