Man riecht ihn fast, den Gestank nach abgestandenem Bier und verschwitzten Körpern. Durch das restlos gefüllte Zelt peitschen die dumpfesten Beats, die das deutsche Schlagerwesen jemals hervorgebracht hat, „Atemlos durch die Nacht...“. Es ist Oktoberfest, und dieses Mal wirken die Bilder nicht nur auf Menschen bedrohlich, die um alkoholbefeuerte Massen-Vergnügungen einen großen Bogen machen. Die Schnittfolge, die Kameraschwenks, die Komposition der Bilder – alles weist darauf hin, dass schon bald etwas passieren wird, das nicht nur auf ästhetischer Ebene Angst und Schrecken verbreitet, sondern richtig schlimm ist: lebensbedrohlich.
Die lieben Verwandten
„Die letzte Wiesn“ heißt der neue „Tatort“ aus München, und er beginnt mit den Oktoberfest-Vorbereitungen der beiden Hauptkommissare. Batic rüstet seine Wohnung für den Besuch seiner Tanten aus Kroatien auf (das heißt, er holt ihre alten Mitbringsel hervor und verteilt sie an strategisch wichtigen Punkten), derweil Leitmayr sein Zuhause für einen zahlungswilligen Touristen aus Italien räumt (der sich allerdings als Schwedin entpuppt, in Begleitung mindestens einer weiteren Schwedin).
Das Münchener Kommissarduo Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ist bereits zum 70. Mal im Einsatz, doch erstmals ermitteln die beiden auf dem Oktoberfest.
Die Episode „A gmahde Wiesn“ von 2007 spielte zwar während der Wiesn-Vorbereitungen, doch diese Folge geht wirklich rein ins größte Volksfest der Welt. Gedreht wurde im September 2014.
Batic und Leitmayr sind seit 1991 im Einsatz, ihr Assistent Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) ist erst seit 2014 dabei.
Des Polizisten Flucht vor den volksfestlichen Umtrieben endet jedoch jäh: In der Münchener U-Bahn – auch die wirkt bedrohlich in Wiesn-Zeiten und diesem Krimi – hat er sich auf dem Weg ins Exil vergeblich und in allergrößter Eile um einen vermeintlich hackedichten Oktoberfestbesucher gekümmert. Der stirbt wenig später unter mysteriösen Umständen. Leitmayr muss nach München zurück.
Bald stellt sich heraus, dass der junge Mann keinesfalls deshalb tot ist, weil er a) das ein oder andere Bier getrunken hat und b) beraubt und geschlagen wurde, sondern weil ihm GHB verabreicht wurde, Liquid Ecstasy – eine Droge, die insbesondere in Verbindung mit Alkohol hochgefährlich ist, unter Umständen sogar tödlich. Es dauert nicht lange, da kollabieren die Gäste des Amperbräu-Zeltes dutzendfach. Jeden aus der Masse kann es treffen, und könnte nicht auch jeder der Täter sein?
Recht schnell legt sich die Kamera auf einen jungen Mann fest, der einen wahrhaft merkwürdigen Eindruck macht (wobei man seine Entscheidung, keine Tracht zu tragen und sein Hirn mit Kopfhörern vor Helene Fischer zu schützen, durchaus nachvollziehen kann). Aber wäre das nicht ein wenig platt, einfach mal so den Täter zu verraten, dazu auch noch einen seelisch leicht desorientiert wirkenden Kerl, dessen einziges Tatmotiv wäre, dass er recht ordentlich die Kappe am Brennen hat? Jawohl, wäre es. Und eine schlechte „Tatort“-Folge ist „Die letzte Wiesn“ ganz gewiss nicht.
Der Kater gehört dazu
Es werden also weitere Tatverdächtige vorgeführt, aktuelle und ehemalige Mitarbeiter von Amperbräu, die angesichts der neuen Unternehmensführung ordentlich frustriert bis mordsmäßig sauer sein dürften. Für eine Kellnerin interessiert sich Leitmayr nicht nur aus beruflichen Gründen, und auch Batic wird in den Fall kurzzeitig persönlich hineingezogen, als eine seiner Tanten zusammenbricht; dafür braucht es bei 1,9 Promille dann aber doch kein GHB.
Es ist ganz und gar wohltuend, dass die Exkursionen ins Privatleben, die bei vielen TV-Ermittlern zur Pflicht gehören, bei diesem „Tatort“ nicht auf Kosten des Kriminalfalls gehen. Der fordert noch einen weiteren Toten, und die Ereignisse, die daraus resultieren, tragen ganz wesentlich dazu bei, dass die Episode „Die letzte Wiesn“ so melancholisch endet, wie es der Titel erahnen lässt: kein Oktoberfest ohne Kater.
Tatort: Die letzte Wiesn, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
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