Eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat sich die AfD-Nachwuchsorganisation Generation Deutschland am Samstag in Magdeburg zu ihrem zweiten Bundeskongress getroffen. Gewählt wird am 6. September.
Der brandenburgische AfD-Landtagsabgeordnete Dennis Hohloch sagte dort laut der Nachrichtenagentur AFP: „Deutschland braucht keine 80 Millionen Einwohner, es kann auch mit 60 Millionen leben.“ Wir haben nachgerechnet.
Die Behauptung: 60 Millionen reichen auch
Ende 2024 lebten in Deutschland 83,6 Millionen Menschen. Die 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes rechnet in 27 Varianten bis zum Jahr 2070.
Bei moderater Entwicklung von Geburtenrate, Lebenserwartung und Zuwanderung wären es 2070 noch 74,7 Millionen Menschen. Die Spannweite über alle Varianten reicht von 63,9 bis 86,5 Millionen.
Die 60-Millionen-Marke wird also in keiner Variante erreicht – auch nicht im rechnerischen Minimum.
Was die Zahl verschweigt: Wer dann fehlen würde
Entscheidend ist ohnehin nicht die Gesamtzahl, sondern die Altersstruktur. Eine schrumpfende Bevölkerung schrumpft nicht gleichmäßig.
Die Zahl der Menschen ab 67 Jahren steigt in allen Varianten, von 16,7 Millionen (2024) auf 20,5 bis 21,3 Millionen im Jahr 2038. Ihr Anteil wächst von 20 auf bis zu 27 Prozent.
Der Altenquotient, also die Zahl der Menschen im Rentenalter je 100 Personen im Erwerbsalter, liegt heute bei 33. Bis 2070 steigt er im günstigsten Fall auf 43, im ungünstigsten auf 61. Dann kämen auf eine Leistungsempfängerin oder einen Leistungsempfänger weniger als zwei Einzahlende.
Die Zahl der Hochaltrigen ab 80 Jahren wächst von 6,1 Millionen auf 8,5 bis 9,8 Millionen im Jahr 2050. Die Hälfte der ab 80-Jährigen war 2023 pflegebedürftig.
Umgekehrt sinkt die Bevölkerung im Erwerbsalter zwischen 20 und 66 Jahren bei moderater Zuwanderung von 51,2 Millionen auf 41,2 Millionen im Jahr 2070.
„Wir brauchen die Zuwanderung nicht“: das Gegenmodell der Statistiker
Den Fall „keine Außenwanderung“ hat das Statistische Bundesamt eigens durchgerechnet. Das Erwerbspersonenpotenzial würde allein bis 2035 um rund 6,2 Millionen Menschen schrumpfen.
Um das aufzufangen, müssten zwischen 2025 und 2035 jährlich etwa 570.000 Menschen im Alter zwischen 20 und 66 Jahren zuwandern.
Zugleich stiege das Geburtendefizit ohne Zuwanderung von 331.000 im Jahr 2024 auf 614.000 Mitte der 2050er-Jahre.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit kommt zu ähnlichen Größenordnungen: Ohne Zuwanderung sänke das Arbeitskräfteangebot bis 2060 um 16 Millionen Personen. Nötig sei langfristig eine Nettozuwanderung von bis zu 400.000 Menschen pro Jahr.
Wie stark der Arbeitsmarkt schon heute daran hängt, zeigt eine IAB-Auswertung vom Mai 2025: Auf Fachkraftniveau sank die Zahl der deutschen Beschäftigten zwischen 2015 und 2024. Der Zuwachs von gut 600.000 Beschäftigten ging allein auf Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit zurück.
Dass die Bevölkerung ohne Zuwanderung schrumpfen würde, bestreitet niemand. Strittig ist die Behauptung, das sei folgenlos.
Sachsen-Anhalt: Wo die Rechnung zuerst aufgeht
Für das Bundesland, in dem der Kongress der Jugenorganisation stattfand, sind die Zahlen besonders deutlich. Nach der Prognose des Statistischen Landesamtes leben 2040 noch 1.828.000 Menschen in Sachsen-Anhalt.
Das Arbeitskräftepotenzial sinkt bis dahin um 21 Prozent. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt von 204.200 auf 220.200 – zwölf Prozent der Landesbevölkerung.
Bundesweit trifft der Rückgang den Osten am härtesten: Die ostdeutschen Flächenländer werden 2070 nach allen Annahmen zwischen 14 und 30 Prozent kleiner sein als 2024.
Bemerkenswert ist das Gefälle bei der Zuwanderung selbst. In Ostdeutschland hatte 2025 rund jede achte Person einen Migrationshintergrund, in Westdeutschland gut jede dritte.
Der ostdeutsche Arbeitsmarkt hängt trotzdem schon jetzt daran: Der Beschäftigungsanstieg im Osten zwischen 2015 und 2024 geht nach IAB-Daten fast ausschließlich auf Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit zurück.
Der Kontext: 40 Prozent in den Umfragen
Im ZDF-Politbarometer vom 28. August kommt die AfD in Sachsen-Anhalt auf 40 Prozent, die CDU auf 23, die Linke auf 13, die SPD auf neun, die Grünen auf sechs, FDP und BSW auf je drei Prozent.
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