BERLIN. Der langjährige Trend hin zur Privatisierung der deutschen Strom- und Gasversorgung hat sich umgekehrt. Ein Zusammenschluss regionaler Stadtwerke, die sich in der Hand von Kommunen befinden, will den Großversorger Thüga kaufen und schmiedet damit einen neuen deutschen Energieriesen. Die Thüga, derzeit noch eine Tochtergesellschaft des größten deutschen Energiekonzerns Eon, ist an knapp 90 regionalen Energieversorgern beteiligt, darunter ist auch die Berliner Gasag.Senat begrüßt neuen KonzernDie Gespräche über den Verkauf schreiten gut voran. Wie die Berliner Zeitung aus informierten Kreisen erfuhr, sind die beiden kommunalen Konsortien Integra und Kom9 die einzigen Interessenten für die Thüga und überzeugt, zum Erfolg zu kommen. Hinter den Zusammenschlüssen stehen 60 Stadtwerke und kommunale Versorger, unter anderem die badische Badenova, die Nürnberger N-Ergie und die Frankfurter Mainova. Die Thüga hat an diesen und anderen Stadtwerken Anteile von unter zehn bis knapp 50 Prozent. Die Kommunen wollen diese Anteile zurückkaufen und damit die Stadtwerke wieder in Bürgerhand bringen. Laut Financial Times Deutschland soll der Kaufpreis bei bis zu 3,8 Milliarden Euro liegen.Wann die Gespräche zum Abschluss kommen könnten, ist aber noch unklar. Ein Eon-Sprecher betonte, es sei bisher noch nicht einmal der offizielle Verkaufsprozess eingeleitet worden. Sobald dies der Fall ist, rechnen Beobachter mit einer schnellen Einigung, eventuell noch in diesem Jahr. Der neue Kommunalkonzern würde die Gewichte in der deutschen Energiebranche erheblich verschieben. Eon ist in Deutschland stark auf dem Rückzug und konzentriert sich auf seine internationale Expansionsstrategie, der heimische Markt wird kaum noch als interessantes Wachstumsfeld gesehen. Das liegt auch daran, dass das Bundeskartellamt Eon faktisch weitere Zukäufe oder gar Komplettübernahmen verboten hat. Damit verloren auch die Thüga-Minderheitsbeteiligungen ihren strategischen Wert.Den Kommunen gelingt dagegen ein furioses Comeback, nachdem viele Städte und Gemeinden in den 90er-Jahren ihre Anteile an den regionalen Versorgern stark reduziert hatten. Auf die neue Bürger-Thüga entfallen 20 Prozent des deutschen Endkunden-Gasmarkts, beim Strom sind es sechs Prozent. Die Kommunen würden damit die klare Nummer fünf hinter den Energieriesen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW stellen und über erhebliche Einkaufsmacht verfügen.Eine der attraktivsten Beteiligungen der Thüga mit Sitz in München ist der Anteil von 36,85 Prozent am größten Berliner Gasversorger Gasag, der hohe Gewinne erzielt und 1998 vollständig privatisiert wurde. "Da das Land Berlin kein Gesellschafter mehr ist, besteht in keinerlei Hinsicht eine Beteiligung an dem Verfahren", sagte Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf der Berliner Zeitung. Er begrüßte aber ein mögliches Zustandekommen des Geschäfts, da die Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger mit Strom und Gas dadurch stärker in die Hand von Städten und Gemeinden übergehe. Die kommunale Seite zeige mit diesem Schritt ihre Fähigkeit zur Kooperation und Finanzierung auch größerer Projekte.Der Verbraucherschutz hätte sich allerdings einen Wiedereinstieg Berlins bei der Gasag gewünscht. "Es wäre der richtige Schritt, in Berlin die Privatisierungen rückgängig zu machen, sie waren ein Riesenfehler. Damit ließe sich viel mehr tun für bürgernahe Dienstleistungen, faire Preise und den Erhalt von Arbeitsplätzen", sagte Holger Krawinkel, Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV). Als Beispiel nannte er, dass in Berlin keine schlüssige Wärmeversorgungsstrategie möglich sei, weil Gasag mit Gas und Vattenfall mit Fernwärme als Konkurrenten ihre Vorgehensweise nicht aufeinander abstimmen könnten.Geld bleibt in der KommuneDie Entstehung eines großen kommunalen Energiekonzerns sei aber eine "sehr gute Nachricht für die Verbraucher". Sie werde den Wettbewerb unter den Energiekonzernen anheizen und damit prinzipiell preissenkend wirken. Zudem sei es begrüßenswert, wenn die Gewinne aus dem Energiegeschäft an die Bürger zurückflössen.------------------------------Der unbekannte GroßversorgerDie Thüga, eine Tochter des Energieriesen Eon, ist den meisten unbekannt - aber einer der großen Energie- und Wasserversorger in Deutschland. Denn sie ist an knapp 90 Stadtwerken beteiligt, rund 20 000 Beschäftigte beliefern 3,5 Millionen Strom- und 2,9 Millionen Erdgaskunden. Die Kommunen würden also den fünftgrößten Energiekonzern in ihre Hand bekommen.Die Geschichte der Thüga beginnt bereits 1867 in Gotha als Thüringer Gasgesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie im Osten verstaatlicht, führt die Geschäfte aber im Westen fort. Ab 1963 bündeln die Vorgänger von Eon dort ihre Stadtwerksgeschäfte.------------------------------Foto : Die meisten Berliner Kochgasherde beliefert die Gasag. Ihr größter Anteilseigner sind wohl bald Kommunen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]