Neue Debatte

Warum die Automesse IAA von Frankfurt nach Berlin umziehen muss

Nicht nur die Branche würde profitieren. Berlin könnte seine Vorteile ausspielen.

4 Min
Klimaschützer demonstrieren. Die Autoindustrie, das zeigt die IAA, steht zwischen überholter Vergangenheit und unklarer Zukunft.

Klimaschützer demonstrieren. Die Autoindustrie, das zeigt die IAA, steht zwischen überholter Vergangenheit und unklarer Zukunft.

© AFP

Die Kraftfahrzeugbranche ist im Umbruch. Neue Hersteller trumpfen auf, Debatten über die Auswirkungen des Autoverkehrs setzen den etablierten Unternehmen zusätzlich zu. In Großstädten gewinnen neue Mobilitätskonzepte wie Sharingmodelle an Bedeutung, für junge Leute ist der Kauf eines privaten Autos oft kein Konzept mehr. Die Turbulenzen in der Branche betreffen auch die IAA, die lange ein Ort stolzer Repräsentation und Selbstvergewissserung war. Wir, das Autoland Deutschland!

Als Produktschau sei die Messe „langweilig“ geworden, meinte Ferdinand Dudenhöffer. „Das Thema Auto hat für viele Menschen an Emotion verloren“, so der Leiter des Center for Automotive Research. „Die IAA braucht ein neues Format“ – im Zeichen der Digitalisierung, die heute die Gefühle anspricht. Für die Neuausrichtung wäre Berlin gut geeignet. Zum einen, weil es hier mit der IFA bereits eine Messe mit vielen Digitalthemen gebe. Zum anderen, weil Berlin attraktiv sei und international eine große Ausstrahlung habe.

Besucherzahl geht zurück

„Frankfurt steht in keiner Weise für Autos – allenfalls für Banken“, sagte Dudenhöffer. Dagegen sei Berlin etabliert als Bühne für Politiker und Wirtschaftschefs, sich weltweit zu präsentieren. Er ist sich sicher, dass die besondere Attraktivität Autohersteller dazu bewegen könnte, zur IAA zurückzukehren. „So ein Auftritt kostet 50 bis 100 Millionen Euro. Da überlegt ein Unternehmen genau, in welchem Kontext es sich darstellt.“

Weniger Besucher, weniger Aussteller: Darunter leidet die IAA in Frankfurt. Experten führen den Abwärtstrend auch auf Diskussionen zurück, bei denen das Auto im Zeichen des Klimawandels in Frage gestellt wird.

„Die IAA in ihrer jetzigen Form ist ein Dinosaurier“, sagte Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. „Immer größer, schwerer und protziger – das ist die Vergangenheit. Die IAA muss sich revolutionieren, dann passt sie auch zu Berlin“, so die Grünen-Politikerin. „Sie darf die Verkehrswende nicht verschlafen, sonst ist der Automotive-Standort Deutschland in Gefahr, weiter abgehängt zu werden.“ Dagegen wäre eine moderne IAA, bei der die neuen Mobilitätserfordernisse Sauberkeit, Freiheit von fossilen Brennstoffen und Digitalisierung in den Vordergrund gestellt werden, ein Gewinn für Berlin und für die Autoindustrie.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Auch Verkehrssenatorin Regine Günther mahnte eine grundsätzliche Neuausrichtung an. „Berlins Verkehrspolitik stellt den Menschen in den Mittelpunkt – nicht die autogerechte Stadt“, sagte die Grünen-Politikerin. „Wir wollen eine Mobilität, die weniger Platz benötigt, die weniger Lärm, Kohlendioxid und Luftschadstoffe verursacht, dafür aber mehr Sicherheit und deutlich mehr Lebensqualität bringt. Jede Messe, die eine solche integrierte Mobilität thematisiert und die Zukunft lebenswerter Metropolen im Blick hat, wäre in Berlin hervorragend aufgehoben.“

Dass sich Berlins rot-rot-grüne Koalition nicht autofreundlich gibt, wäre kein Widerspruch, sagte Frank Jahnke (SPD). In Berlin arbeiten viele Firmen und Forschungsstätten an Zukunftsthemen der Branche – etwa an energieschonenden und schadstoffarmen Antrieben. Hier hätten nicht nur Daimler oder BMW Standorte: „Hier sind die bedeutendsten Zulieferer für die neue, intelligente Mobilität wie IAV, die entsprechende Sparte von Continental sowie viele Hidden Champions zu Hause.“

„Die Herausforderungen, vor denen die Branche steht, sind in der Metropole Berlin direkt erlebbar, die Testfelder für zukunftsweisende Ideen lägen im Umfeld“, sagte IHK-Chef Jan Eder. „In Berlin gibt es mit der ILA, der Innotrans und nicht zuletzt der Formula E thematische Anknüpfungspunkte. Die IAA in Berlin wäre ein Gewinn.“

Massiver Widerspruch zu erwarten

„Wir können uns die IAA als eine Art Schaufenster der Mobilität vorstellen, das über das Messegelände hinaus laufende und geplante Projekte präsentiert“, hieß es beim ADAC.

Der Branchenverband VDA brauche einen „Reset“, forderte Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. „Eine Neuausrichtung der IAA wäre eine Möglichkeit, dies zu dokumentieren.“ Statt immer größerer SUV müsse die Messe Lösungen für Mobilitätsprobleme zeigen.

Das heiße auch, dass Hersteller Motorfahrzeuge neu denken – als Teil multimodaler Mobilität, sagte Tilmann Heuser vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. „Dass dies gelingt, da habe ich so meine Zweifel. „Eine IAA in Berlin kann aber die Impulse für diese Art von Diskussion und politischem Handeln auslösen.“ Konzepte, die primär auf den Privat-Pkw setzen, selbst wenn er elektrisch angetrieben wird, lösten in dieser Stadt massiven Widerspruch aus. „Reibung setzt Energie frei“ – eine Chance für die IAA.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner