Verkehrsgeschichte

Marx, Engels, Otto: 65 Jahre Ampelmännchen – wie ein Ost-Symbol Kult wurde

Am 13. Oktober 1961 stellte ein Verkehrspsychologe in der DDR den Entwurf des ersten Ampelmännchens vor. Seitdem bekam es viele Verwandte: Wikinger, Hexen und selbst Marx & Engels.

5 Min
Das Ampelmännchen ist längst zum Designsymbol geworden.

Das Ampelmännchen ist längst zum Designsymbol geworden.

© Rainer Jensen/dpa

Es ist einer der beliebtesten Kulturexporte der untergegangenen DDR – und wird heute 65 Jahre alt: das Ost-Ampelmännchen. Der kleine, etwas rundliche Herr mit Hut regelt seit Jahrzehnten den Fußgängerverkehr.

In Rente geht das knuffige Männlein noch lange nicht, ganz im Gegenteil: Es bekommt immer mehr wunderliche Verwandte an Fußgängerampeln in ganz Deutschland.

Vom DDR-Piktogramm zur Kultfigur

Am 13. Oktober 1961 stellte der Verkehrspsychologe Karl Peglau seine Entwürfe für neue Leitsymbole dem Verkehrsministerium der DDR vor. Damit war das Ost-Ampelmännchen geboren. Bis es jedoch an der ersten Ampel zu sehen war, dauerte es noch ein paar Jahre: Nach dem präsentierten Entwurf 1961 folgt eine mehrjährige Prüfung des selbigen. Erstmals umgesetzt wurde das Ampelmännchen-Projekt 1969 in Berlin an der Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße.

Verkehrspsychologe Karl Peglau 2007 mit seinem berühmten Ampelmännchen (Archivfoto).

Verkehrspsychologe Karl Peglau 2007 mit seinem berühmten Ampelmännchen (Archivfoto).

© Stephanie Pilick/dpa

Anlass der Überlegungen für ein Ampelmännchen war damals die Zunahme des Autoverkehrs in der DDR und damit der Anstieg von Unfällen mit Fußgängern. Peglau schlug daraufhin vor, dass jeder Verkehrsteilnehmer eine eigene Ampel bekommen sollte. Er war auch überzeugt, dass eine Figur eher beachtet wird als ein abstraktes Farbsignal.

Seine Witwe Hildegard Peglau erinnerte sich einmal, dass ihr Mann sicher war, dass Fußgänger dem Verkehrssymbol nur folgen, wenn sie es mögen und verstehen. Deshalb sollte die Figur bewusst freundlich wirken. Den Körperbau beschrieb Peglau selbst als „mollig-gemütlich mit Knollennase und Hut“.

Nach der Wende hätte die Figur beinahe das gleiche Schicksal erlitten wie viele DDR-Produkte: Sie sollte verschwinden und durch das westdeutsche Pendant ersetzt werden.  Gerettet hat es ausgerechnet ein Westdeutscher, indem er es zum Kultsymbol weiter entwickelte.

Der in Tübingen geborene Produktdesigner Markus Heckhausen stellte im Juli 1996 in Berlin sein Ampelmann-Projekt vor und machte den Hutträger zur Marke.

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Das westdeutsche Ampelmännchen - 1957 zuerst in Bayern ausprobiert - war schlanker und sachlicher als sein Ost-Pendant.

Das westdeutsche Ampelmännchen - 1957 zuerst in Bayern ausprobiert - war schlanker und sachlicher als sein Ost-Pendant.

© picture alliance/dpa

Heckhausen beteiligte dabei bewusst die Urheber: Peglau und seine Mitarbeiterin Anneliese Wegner. Aus der Zusammenarbeit wurde eine Freundschaft. Peglau, der 2009 im Alter von 82 Jahren starb, erlebte noch, wie seine Idee weiterlebte und als Symbol für das Zusammenwachsen von Ost und West gefeiert wurde.

Kuriose Verwandtschaft: Marx, Otto, Wikinger...

In Emden gibt es eine Otto-Ampel zu Ehren des gleichnamige Komikers. Ob man dann über die Straße hüpfen soll, ist jedem selbst überlassen.

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© Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Mittlerweile ist das Ampelmännchen deutschlandweit zum Marketingsymbol für Städte geworden und wird gern und oft „umgemünzt“: So steht in Emden, der Geburtsstadt des Komikers Otto, eine Ampel mit Otto-Ampelmännchen. 

In Mainz regeln seit 2016 die Mainzelmännchen den Verkehr rund um das ZDF. Im norddeutschen Haddeby schwingt seit 2025 ein Wikinger die Axt – als Hommage an das nahe Wikingermuseum Haithabu.

Die Mainzelmännchen regeln in Mainz den Verkehr.

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© Andreas Arnold/dpa

In Trier weist ausgerechnet Karl Marx mit wallendem Bart seit 2018 den Fußgängern ihren Takt. Sein Weggefährte Friedrich Engels hingegen leuchtet in Wuppertal nur bei Grün – auf das Rot muss er verzichten.

Im sächsischen Radebeul wurde erst Ende August diesen Jahres an der Kreuzung Schildenstraße/Ecke Meißner Straße eine Ampel mit der Wildwest-Figur Old Shatterhand eingeweiht. Sie steht 200 Meter vom Karl-May-Museum entfernt und ist ein Geschenk der saarländischen Partnerstadt St. Ingbert zum 35. Jahrestages der Städtepartnerschaft.

Die Liste lässt sich beliebig verlängern: Dürers Hase in Nürnberg, der Rattenfänger in Hameln oder die Bremer Stadtmusikanten. Doch das bekannteste Männchen bleibt der Jubilar mit Hut.

Fußgänger aller Länder vereinigt Euch - könnte es in der Geburtsstadt von Karl Marx in Trier heißen.

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© Ralph Peters

Der Osten lebt seine Ampelmännchen-Geschichte

In Dessau tanzt seit Juni der Verkehr: Eine Breakdance-Ampel regelt dort auf zwei Überwegen die Fußgänger. Mitinitiator Joerg Schnurre erinnert damit an eine oft übersehene Tatsache. „Die Ampel erinnert an Musikgeschichte, die in der gesamtdeutschen Erzählung oft untergeht", sagt er. Denn schon in den frühen 1980er-Jahren habe es in der DDR eine eigene Breakdance-Szene gegeben.

In Wernigerode wird es unheimlich: Seit 2023 stoppt dort ein roter Teufel die Fußgänger, bevor eine grüne Hexe zum Überqueren einlädt – passend zur Nähe des Harzstädtchens zum sagenumwobenen Brocken.

Im Bergbauort Zielitz weist ein grüner Bergmann mit leuchtender Grubenlampe den Weg zum Kaliwerk. Und in Magdeburg leuchten seit Juni 2025 zwei Wahrzeichen: der Magdeburger Reiter bei Grün, die Magdeburger Jungfrau bei Rot.

Ampelmännchen-Läden bieten umfangreiche Produkte rund um den knuffigen Mann an.

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© Rainer Jensen/dpa

Ampelmännchen als Arbeitgeber

Die erfolgreiche Etablierung des Ampelmännchen als Design-Objekt beschäftigt mittlerweile 70 Mitarbeiter bei AMPELMANN in Berlin. Die Kultmarke umfasst aktuell über 600 Produkte.

Das allererste Produkt von Gründer Markus Heckhausen waren übrigens Ampellampen aus original rotem und grünem Ampelglas. Mittlerweile gibt es von Anhängern bis Taschen und Regenschirme sogar Ampelmann-Nudeln, Tee, Eiswürfelformen oder Küchenschwämme.

Kunden aus aller Welt nehmen Souvenire der ostdeutschen Kultfigur aus den sieben Ampelmann-Shops in Berlin - Hackesche Höfe, Berliner Dom, Gendarmenmarkt, Unter den Linden, im Tacheles, Berliner Hauptbahnhof und am BER Flughafen - mit nach Hause.

Der kleine rot-grüne Mann kann stolz von sich behaupten, Deutschland vereint zu haben - weil er nicht platt gemacht wurde, sondern sich etablieren durfte.

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