Gegen 6.30 Uhr bis 7.00 Uhr: Der Durchbruch
Der 7. Oktober 2023 war ein Sabbat und der Feiertag Simchat Tora. Nahe dem Kibbuz Re'im feierten rund 3.000 meist junge Menschen auf dem Nova-Festival. Um 6.22 Uhr heulten dort die Sirenen, die Polizei löste das Festival auf.
Gegen 6.30 Uhr setzte aus Gaza massiver Raketenbeschuss ein: 3000 bis 5000 Geschosse an diesem Tag, rund 2200 davon in den ersten vier Stunden. Unter diesem Feuerschutz sprengten Kämpfer den Grenzzaun an mindestens 29 Stellen.
Gedenken am Ort des Nova-Musikfestivals, bei dem Hunderte getötet und von der islamistischen Hamas entführt und in den Gazastreifen verschleppt wurden.
© Ariel Schalit
Laut Amnesty drangen mehr als 3000 von ihnen ein: auf Pick-ups und Motorrädern, mit Gleitschirmen oder Booten. Die Raketen töteten auch sechs Kinder in Beduinengemeinden, die weder Sirenen noch Schutzräume hatten.
Um 6.49 Uhr fuhren Angreifer in den Kibbuz Nir Oz, fast zugleich in den Kibbuz Kfar Aza, um 6.55 Uhr standen sie vor dem Tor von Be'eri. Dort erschossen sie drei junge Männer, die vom Festival geflohen waren. In Sderot töteten sie an einer Bushaltestelle 13 Menschen, die meisten davon Rentner auf dem Weg ans Tote Meer.
Der Schutzraum neben der Haltestelle war verschlossen. Am Strand von Zikim starben sechs Menschen in einem Toilettenhaus, darunter der 17-jährige Or Taasa. Minuten zuvor hatte er seiner Mutter gesagt: „Mama, mach dir keine Sorgen.“
Die Straße 232 und das Festival
Die Kontrolle über die Straße 232 war laut UN-Kommission offenbar von vornherein geplant. Sie versperrte Flüchtenden den Weg und hielt die israelische Verstärkung auf. Fliehende Festivalbesucher suchten Schutz in Betonhäuschen am Straßenrand.
Die UN-Kommission dokumentiert vier Massaker in solchen Schutzräumen, alle nach demselben Muster: umstellen, Granaten werfen, hineinschießen. In einem davon warf der Soldat Aner Shapira sieben Granaten zurück, die achte tötete ihn wohl. In Re‘im überlebten nur etwa sieben Menschen, versteckt unter Toten.
Gegen 8.00 Uhr erreichten die Angreifer das Festivalgelände und hielten es bis etwa 12.30 Uhr unter Kontrolle. Sie suchten gezielt nach Versteckten unter der Bühne, in Containern und Toilettenkabinen. Nach israelischen Angaben starben 364 Festivalbesucher, Amnesty zählt 378 Tote auf dem Gelände und dem angrenzenden Straßenabschnitt.
Überlebende und Angehörige der Opfer kehren auf das Gelände des Supernova-Festivals zurück.
© Ilia Yefimovich/dpa
Rund 40 Menschen wurden verschleppt. Nach breitem Konsens der Untersuchungen wussten die Angreifer vorher nichts von dem Festival. Unter den Toten war die 22-jährige Deutsch-Israelin Shani Louk, die späteren Erkenntnissen zufolge rund 15 Kilometer nördlich des Festivalgeländes angegriffen wurde.
Vormittag: die Kibbuzim
Um 7.47 Uhr verkündete Hamas-Militärchef Mohammed Deif die „Operation Al-Aqsa-Flut“. Laut UN-Kommission waren sieben bewaffnete Gruppen beteiligt. Hinter ihnen drangen mindestens 1000 Menschen in Zivilkleidung ein, die plünderten und sich teilweise an Entführungen und Tötungen beteiligten.
In Be'eri zogen die Angreifer ab 8.30 Uhr von Haus zu Haus. Die Schutzräume ließen sich nicht abschließen; die Angreifer schossen auf die Türen und legten Feuer.
Die neun Monate alte Mila Cohen wurde in den Armen ihrer Mutter erschossen. 105 Bewohner starben, fast zehn Prozent des Kibbuz, 30 wurden entführt.
Schäden an einem Wohnhaus in Tel Aviv, das von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde.
© Ilia Yefimovich/dpa
In Nir Oz zogen rund 100 Angreifer praktisch ohne Gegenwehr durch den Ort. 46 Menschen starben, 72 wurden verschleppt, mehr als aus jedem anderen Ort. Unter ihnen waren Shiri Bibas und ihre Söhne Ariel und Kfir. Auch in Kfar Aza, Holit, Nahal Oz, Netiv HaAsara und Ofakim wurde getötet.
Am Militärstützpunkt Nahal Oz starben 66 Soldaten, sieben Soldatinnen wurden verschleppt.
Widerstand und spätes Eingreifen
Die ersten Verteidiger waren oft Zivilisten. In Zikim, Kerem Schalom, Nir Am, Sa'ad und Alumim drängten die örtlichen Eingreiftruppen die Angreifer weitgehend zurück. In Ofakim stellten sich Polizisten und Anwohner ihnen entgegen.
Die Armee reagierte laut UN-Kommission „erheblich verzögert und vielerorts unzureichend“. Die Kommunikation brach zusammen, größere Verbände trafen meist erst am Nachmittag ein. „Es herrscht Anarchie“, sagte ein Panzerkommandeur.
Nach Nir Oz kamen die ersten Truppen erst, als die Angreifer schon abgezogen waren. Eine Untersuchung der Armee räumte ein, dass sie in Be'eri ihre Schutzaufgabe nicht erfüllt hatte.
Ein Mann betet am Geiselplatz in Tel Aviv an einer Gedenkstätte für Schiri Bibas, ihre Söhne Ariel und Kfir sowie Oded Lifschitz.
© Oded Balilty
Dort feuerte gegen 19.00 Uhr ein Panzer auf ein Haus, in dem Geiseln festgehalten wurden. 13 Menschen starben, darunter zwölfjährige Zwillinge. Einige von ihnen waren bereits zuvor im Kreuzfeuer ums Leben gekommen. In Kfar Aza dauerten die Kämpfe bis zum 10. Oktober.
Noch am 7. Oktober begann Israel mit Angriffen auf Gaza. Der daraus entstandene Krieg ist nicht Gegenstand dieser Chronik.
Bilanz und offene Fragen
Getötet wurden rund 1200 Menschen, mehr als 800 davon Zivilpersonen, darunter mindestens 36 Kinder. Unter den Opfern waren auch beduinische Israelis und mindestens 68 ausländische Staatsangehörige, vor allem thailändische Landarbeiter. Etwa 150.000 Menschen wurden vertrieben. Von den Verschleppten starben 48 in Gefangenschaft, mindestens sechs davon wurden von ihren Bewachern getötet.
Die UN-Kommission stellt Kriegsverbrechen fest, darunter Mord, Folter und Geiselnahme. Amnesty wertet die Taten zusätzlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und sieht die Hamas als „hauptverantwortlich“.
Zur sexualisierten Gewalt erkannte die UN-Kommission ein „Muster“ an mehreren Tatorten, konnte Vergewaltigungen aber nicht selbst verifizieren. Die UN-Sonderbeauftragte Pramila Patten fand dafür begründete Anhaltspunkte an mindestens drei Orten. Amnesty hält Vergewaltigungen für wahrscheinlich, konnte das Ausmaß aber nicht bestimmen.
New York, 23. September 2026: Ein Mann legt Tefillin an. Hunderte demonstrieren vor der UN gegen Antisemitismus – unter dem Motto „No More Excuses“.
© IMAGO/Milo Hess/IMAGO/ZUMA Press Wire
Nach Untersuchungen der Armee starben in Be'eri bis zu zwölf und in Nahal Oz drei Menschen durch israelisches Feuer. Die überwiegende Mehrheit der Zivilisten wurde laut Amnesty von palästinensischen Kämpfern getötet.
Israel verweigerte der UN-Kommission die Einreise. Der Internationale Strafgerichtshof erließ Haftbefehl gegen Mohammed Deif, der inzwischen tot ist. Vor Gericht gestellt wurde bis heute niemand, ebenso gab es bis heute keine Untersuchungskommission.
Quellen: UN-Untersuchungskommission (A/HRC/56/CRP.3, Juni 2024); Amnesty International, „Targeting Civilians“ (Dezember 2025); ergänzend Angaben der israelischen Armee.
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