Krise im Flugverkehr

Zahl der Fluggäste an Berliner Flughäfen sinkt um 75 Prozent

Corona bringt den Luftverkehr auch in Tegel und Schönefeld fast zum Erliegen. Gefährdet das Virus auch die geplante BER-Eröffnung?

5 Min
Seit Jahren ist der Flughafen Berlin-Tegel auf Wachstumskurs. Corona hat das geändert.

Seit Jahren ist der Flughafen Berlin-Tegel auf Wachstumskurs. Corona hat das geändert.

© dpa/Christophe Gateau

 Wenn Corona nicht wäre, sähe es für das Milliardenprojekt südöstlich der Stadt nach pannenreichen Jahren endlich einmal gut aus. Zuletzt wurde das Dübelproblem, das die BER-Fertigstellung zu verzögern drohte, gelöst. Die Zulassungen, die nach einer Rechtsänderung plötzlich nötig wurden, liegen inzwischen vor, sagte Lütke Daldrup.   

Nun müsse noch die Sanierung der zum Teil falsch bestückten Kabeltrassen abgeschlossen werden – was bis Ende März geschehen soll, wie die Firma ROM Technik erst kürzlich wieder bekräftigt hat. Danach sieht der Zeitplan eine große Generalprobe im Terminal vor.

Massenveranstaltungen mit bis zu tausend Komparsen

Zwischen dem 29. April und dem 20. August sollen insgesamt 20.000 Freiwillige die Abläufe und Verfahren testen – eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass der Flughafen wie geplant am 31. Oktober ans Netz gehen kann. Das bisherige Konzept geht davon aus, dass sich an 25 Tagen jeweils rund 600 Komparsen im BER tummeln. Am 29.April sollen 800 Tester und an vier Wochenenden sogar tausend Menschen den neuen Hauptstadt-Flughafen auf die Probe stellen.

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In jedem Fall handelt es sich um Massenveranstaltungen, die in Zeiten von Corona kritisch gesehen werden, weil die Ansteckungsgefahr als hoch eingeschätzt wird. Für solche Zusammenkünfte hat das Land Brandenburg eine Rechtsverordnung erlassen, deren erster Paragraf mit diesem Satz beginnt: „Öffentliche und nichtöffentliche Veranstaltungen, Ansammlungen und Versammlungen mit mehr als 50 Teilnehmenden sind untersagt.“

Diese Verordnung sei derzeit maßgeblich, sagte Bernhard Schulz. Er ist Sprecher des Landkreises Dahme-Spreewald, wo sich ein Verwaltungsstab mit den Folgen der Corona-Pandemie befasst.  Nach jetzigem Stand soll die Verordnung aber am 19. April außer Kraft treten, also zehn  Tage vor dem Start der ersten Generalprobe am BER. Schulz: „Das Bauordnungsamt des Landkreises geht gegenwärtig – vorbehaltlich der weiteren Lageentwicklung der Corona-Pandemie – davon aus, dass der Probebetrieb planmäßig stattfinden kann.“

Flughafengesellschaft hält an geplantem Probebetrieb fest

Die Flughafengesellschaft hält an ihrem Plan fest: Die Tests sollen stattfinden, bekräftigte FBB-Sprecher Hannes Hönemann. „Aktuell wird geprüft, wie das unter den Bedingungen von Corona passieren kann.“ Dem Vernehmen nach wird zwar untersucht, ob kleinere Gruppen möglich sind und Abläufe verändert werden können. Doch die Marschrichtung, die Flughafenchef Lütke Daldrup intern vorgibt, ist klar: Es müsse alles dafür getan werden, damit der BER wie zuletzt angekündigt am 31. Oktober 2020 ans Netz gehen kann.

Der geplante Probebetrieb wird auch während der Sitzung des FBB-Aufsichtsrats eine Rolle spielen. Anders als zunächst vorgesehen, wird sich dieses Treffen wahrscheinlich auf den heutigen Donnerstag konzentrieren. Weil auswärtige Teilnehmer (zum Beispiel aus der Hauptverwaltung des TÜV Rheinland in Köln) auf die Reise nach Berlin verzichten, könnte die Fortsetzung am Freitag entfallen.

Spannend wird es auf jeden Fall, denn Lütke Daldrup will über die zunehmend kritische Lage an den Berliner Flughäfen informieren. Dem Vernehmen nach erwartet er, dass sich der Nachfragerückgang verschärfen wird. Für längere Zeit werde es in Tegel und Schönefeld nur zehn bis 20 Prozent der früheren Fluggastzahlen geben.  

Frachtflugverkehr boomt auch in Berlin

Dagegen boomt der Frachtbereich. Hier nimmt die Zahl der Flüge deutlich zu, hieß es. Unter anderem, weil immer mehr Schiffsverbindungen ausfallen und Passagierflugzeugen, die bislang einen großen Teil der Fracht transportierten, abgestellt werden.

Berichten zufolge hat Easyjet rund ein Drittel der Flotte eingemottet, ein weiteres Drittel könnte folgen. „Die Lage ist dramatisch“, sagte ein Flughafeninsider. Absehbar sei, dass die FBB von ihren Gesellschaftern Berlin, Brandenburg und dem Bund mehr Geld benötigt. Der übrigen Luftfahrtbranche drohten Pleiten. Bei den Airlines gingen seit Wochen fast nur noch Stornierungen ein, Buchungen wären eine Seltenheit geworden, hieß es. Selbst große Player hätten Schwierigkeiten, mit der Durststrecke, deren Ende nicht absehbar sei, zurechtzukommen. Auch der größten deutschen Fluggesellschaft gehe es schlecht. Ihre  weltweiten Lohn- und Gehaltszahlungen summierte sich auf rund 25 Millionen Euro pro Tag. „Wo soll dieses Geld herkommen?“, so der Insider. 

Was den Beteiligten besonders viel Sorgen bereite, sei die Tatsache, dass ein Ende der Malaise nicht in Sicht ist. "Selbst sehr optimistische Szenarien gehen davon aus, dass die weltweite Krise mindestens bis August 2020 andauert", hieß es. In realistischen Abschätzungen sei von Oktober 2020 die Rede, während Pessimisten für die Branche erst im März 2021 Licht am Ende des Tunnels erwarten. Es wird kaum noch gereist - und auch Sommerreisen werden zunehmend abgesagt.

Personalentscheidungen erwartet

Erwartet wird, dass auch in Berlin Unternehmen der Luftfahrtbranche bald Kurzarbeit anmelden. So sehr dies dazu beitragen kann, Arbeitsplätze zu erhalten: "Beschäftigte, die geringe Löhne beziehen, kommen in die Bredouille", so eine Einschätzung. Zwar erhalten Kurzarbeiter immerhin noch 60 Prozent ihre Nettolohns. "Doch wer ohnehin nur 1500 Euro netto pro Monat nach Hause bringt, wird es schwer haben", hieß es. Darum bemühten sich viele Flughafenbeschäftigte, erst einmal Urlaub zu nehmen - weil dort eine hundertprozentige Lohnfortzahlung garantiert sei.

Der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft wird auch über Personalien beraten. Für die Nachfolge der Finanz-Geschäftsführerin Heike Fölster, die inzwischen Finanzvorstand bei DB Station & Servive geworden ist, wurde dem Vernehmen nach eine präferierte Kandidatin gefunden. Auch für den Personal-Geschäftsführer Manfred  Bobke-von Camen, dessen Vertrag nun altersbedingt endet, habe man unter zahlreichen Bewerbungen eine Wahl getroffen, hieß es. Der neue Arbeitsdirektor könnte aus dem Management eines großen deutschen Nahverkehrsunternehmens kommen.

Der Vertrag mit Engelbert Lütke Daldrup, der seit drei Jahren Vorsitzender der Geschäftsführung der staatlichen FBB ist, gilt noch bis März 2021. 

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