Rückschau

9. November 1989: Fünf OAZ-Reporter erinnern sich an den Mauerfall

Vom ersten Blick auf die offene Grenze bis zum Westbesuch: Fünf persönliche Erinnerungen zeigen, wie unterschiedlich der Mauerfall erlebt wurde.

Eine Menschenmenge nach dem Fall der Berliner Mauer 1989.

Eine Menschenmenge nach dem Fall der Berliner Mauer 1989.

© United Archives Sven Simon Archive/imago

Die fünf OAZ-Redakteure, die hier über ihre ganz persönlichen Erinnerungen an die Maueröffnung vor 37 Jahren schreiben, konnten damals nicht wissen, dass sich ihre Wege einmal kreuzen würden. Dabei war ihnen damals schon eines gemeinsam: Sie alle erlebten den Mauerfall als absolute Überraschung und und sind dankbar, in einem vereinten Deutschland leben zu können. Damit genau diese Ostgeschichte genauso wichtig wie die Erzählung des Westens wird, das hat alle Fünf 37 Jahre später zu dieser Zeitung geführt.

Claudia Lord saß fragend vorm Fernseher

Wo war ich am 9. November 1989? Mit dieser Frage könnten Sie mich nachts wecken und ich hätte sofort eine Antwort parat. Bestimmte Erinnerungen, die mit großen Emotionen verbunden sind, werden vom Gehirn anders abgespeichert als der tägliche Kleinkram. Das war beim Mauerfall so, beim 11. September 2001, der eigenen Hochzeit, der Geburt der Kinder. Sie sind immer da, verblassen kaum – wie dieser 9. November vor 37 Jahren.

Ich war damals 19 Jahre alt, saß mit meinen Eltern vorm Schwarz-Weiß-Fernseher in einer Karl-Marx-Städter Plattenbauwohnung. Es lief die „Aktuelle Kamera“ im DDR-Fernsehen, das berühmte Podium mit Günter Schabowski. Die neuen Reiseregelungen, „Das tritt – nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“, stammelte er damals fast. Ich schaute meine Mutter mit großen Augen an. Was heißt das jetzt? Wir können in den Westen reisen, dürfen aber nicht mehr zurückkehren? Sie war genauso ratlos. Die erste Reaktion war große Verunsicherung, nicht etwa Jubel. 

Zu unfassbar war das auf einmal Fassbare: Reisen in den Westen, Westprodukte in allen Läden statt nur im „Intershop“, für den in unserer Familie das Westgeld fehlte. Diese Mauer, mit der ich aufwuchs, die gefühlt schon immer da war und für immer bleiben würde, soll weg sein?

Claudia Lord
privat

Claudia Lord

...war 1989 Abiturientin in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Sie wollte damals schon Journalistin werden.

„Lass uns Katrin anrufen“, schlug meine Mutter vor. Katrin ist meine Cousine, sie war damals Krankenschwester an der Charité, direkt an der Mauer in Berlin. Sie ging ran, versuchte zu helfen. Ja, da gäbe es tatsächlich jede Menge Bewegung an der Mauer. Ob man wieder zurückkehren dürfe, fragten wir. Denn zu oft hatten wir von Fällen gehört, bei denen DDR-Familien zwar endlich ausreisen durften, aber alles zurücklassen mussten. Der hohe Preis der Freiheit.

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Eine verbindliche Antwort des DDR-Staatsapparates gab es in dieser wilden Novembernacht 1989 nicht. Ein System kollabierte, der Freiheitsdrang brach sich Bahn, die Bürokratie spielte überhaupt keine Rolle. Für ganz kurze Zeit.

Der Alltag  holte mich schnell ein, ich stand mitten in den Abiturprüfungen. Der erste Besuch im Westen sollte noch ein paar Monate auf sich warten lassen. Als er kam, ging es ins benachbarte Bayern, nach Hof. Ich weiß noch, wie mich die sauberen Straßen und herausgeputzten Häuser faszinierten. Hatte mein Staatsbürgerkundelehrer nicht immer erzählt, dass es im Kapitalismus viel Arbeitslosigkeit, Bettelei und Armut gibt? Es sei das „System der Reichen“. Hm. Was ich sah, passte mit dem Gelernten nicht zusammen. Und dann gabs auch noch 100 D-Mark Begrüßungsgeld für jeden.

Davon habe ich mir damals einen schwarzen Regenschirm mit pinkem Griff gekauft, der mit einem Knopfdruck zu öffnen war. Und einen grauen Kajalstift, der mir in der Wendezeit noch gute Dienste bei der freitäglichen Disko-Vorbereitung geleistet hat.

Die Ironie der Geschichte – im wahrsten Sinne des Wortes – war: Unser Staatsbürgerkundelehrer, der uns Abiturienten auch in Geschichte unterrichtete, fragte im Wende-Winter 1989, was wir denn jetzt im Unterricht behandeln möchten. Er müsse sich ja nun nicht mehr an den DDR-Lehrplan halten. Die ganze Klasse antwortete: Die  Geschichte Deutschlands – ohne sozialistischen „Spin“. Er ignorierte den Vorschlag komplett und begann mit Stoff zum Römischen Reich. Offensichtlich unverfänglicher für ihn. Der alte Genosse war wohl damals, wie so viele, mit der Wende überfordert.

Ingo Eckardt war auf kurzem Weg gen Westen unterwegs

Plauen im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt hatte 1987 – just im Oktober übrigens – eine Städtepartnerschaft mit dem nur knapp 25 Kilometer entfernten Hof in Bayern geschlossen. So nah, wie das scheint, so fern lag diese Stadt aus Sicht eines 18-jährigen Ostdeutschen im Wendeherbst 1989. Ich hatte damals eher nicht die Idee, dass  – trotz der erfolgreichen Großdemos in Plauen, später in Leipzig und Dresden – die Mauer so schnell fallen würde. Aber es war eine wilde Zeit, und als mein Vater am Abend in mein Zimmer stürzte und mir erzählte, dass gerade in der „Tagesschau“ gekommen sei, dass die Mauer geöffnet werde, konnte ich das nicht glauben.

Sofort sprießten in meinem Kopf die Ideen: Könnte ich mit meiner erst ein Jahr zuvor gegründeten Jugendband vielleicht im Westen mein Glück machen und Geld verdienen? Könnte ich denn vielleicht einmal sogar nach Deutschlandsberg in Österreich zu meinem Brieffreund Gerhard fahren? In jedem Fall war klar: Wir mussten schnell in den Westen – all jenes in echt anschauen, was wir sonst nur aus dem Fernsehen kannten. Doch am nächsten Tag fehlte die halbe Klasse in der Berufsschule – und die Grenze nach Bayern war noch hinter dem Fünf-Kilometer-Schutzstreifen verbarrikadiert.

Ingo Eckardt
privat

Ingo Eckardt

... hatte keine Möglichkeit für eine Berufsausbildung mit Abitur bekommen und 1988 eine Lehre als Maschinen- und Anlagenmonteur beim VEB Werkzeugmaschinenfabrik Vogtland in Plauen begonnen.

Also entschloss ich mich, am Freitagnachmittag mit meinen zwei Kumpels auf die Autobahn in Schleiz aufzufahren und zu versuchen, mit unseren Mopeds über den offiziellen Grenzübergang zu fahren. In Hirschberg-Rudolfstein hatten die Grenzer längst aufgegeben, allen DDR-Bürgern einen Stempel ins blaue Perso-Büchlein (wir hatten unsere wohlweislich fein zu Hause gelassen) zu drücken, und mehr als einen schalen Blick ernteten wir mit unseren S51 und Schwalben an jenem Freitagnachmittag in der Autoschlange auch nicht mehr.

Es muss kurz vor 17 Uhr gewesen sein, als wir in Hof einfuhren. Wir waren in unserer Partnerstadt. Unser versprochenes Begrüßungsgeld erhielten wir damals übrigens nicht, weil wir den Personalausweis nicht mitgenommen hatten. Aber wir wurden an jenem Abend in der Metro-Disko am damaligen Praktiker-Markt von den Gästen als die Ossis des Abends freigehalten – ein erster Zug an einem Joint inklusive. Es war eine wilde Welt, dieser Westen.

In der Nacht rauschten wir – durchaus nicht ganz nüchtern – auf dem gleichen Weg zurück gen Heimat. Am Morgen darauf weckten mich meine Eltern und luden mich ein, mit ihnen nach Hof zu fahren - diesmal mit dem Zug. Ich schnappte meinen Personalausweis und vom Oberen Bahnhof Plauen ging es im vollgestopften Reichsbahn-Zug ein paar Minuten Fahrt bis nach Hof. Zum zweiten Mal betrat ich am Samstag, 11. November, den „heiligen Boden“ des Westens – empfangen mit heißem Tee vom Hofer DRK. Diesmal reihten wir uns an der Schlange zum Empfang des Begrüßungsgeldes nahe dem Rathaus ein. Gegen Mittag hielten wir jeder die blaugrauen 100er mit dem Bildnis des Wissenschaftlers Sebastian Münster in der Hand.

Wie viele andere drängte es uns in das damalige Edeka-Kaufhaus in der Innenstadt Hofs, wo ich mir für damalige Verhältnisse sehr sportliche Sneaker in Grau mit grünen und lilafarbenen Applikationen kaufte – für 39,90 D-Mark. Ich sehe die Schuhe noch vor mir mit ihren stylischen neongrünen Schnürsenkeln und der seidig schimmernden wasserfesten Textiloberfläche. Wahrscheinlich stammt aus dieser Zeit mein Hang zu meinem bis heute gern etwas bunteren Kleidungsstil. Die Schuhe wurden definitiv zu meinen Lieblingstretern. Was aber besonders in Erinnerung blieb: Dieser Geruch beim Eintreten in dieses glitzernde und (für damalige Verhältnisse) helle Warenhaus. So duftete nur der Westen!

Katja Frick erlebte eine unvergessliche Nacht in Westberlin

Am 9. November  1989 war ich 24 und lebte mit meinem Freund Matthias, den alle nur Matschi nannten, seit zwei Jahren in unserer ersten eigenen Einzimmer-Wohnung in Berlin-Karlshorst. Nachdem in den Tagesthemen um 22.15 Uhr die Menschenmassen vor den Grenzübergängen auf Ostberliner Seite zu sehen waren, war klar: Da müssen wir hin!

Die sechsspurige heutige Treskowallee war um diese Zeit menschen- und vor allem autoleer, es fuhr auch keine Straßenbahn. Daher stellten wir uns an die Fahrbahn in Richtung Innenstadt und hielten den Daumen raus. Kurze Zeit später hielt tatsächlich ein Trabi, der Fahrer fragte uns: „Wollt ihr auch rüber?“ und ließ uns einsteigen. Der etwa 50-jährige Mann wollte aber gleich endgültig ausreisen und deshalb vorher noch kurz nach Hause, um seine Koffer zu holen.

Als wir am Grenzübergang Bornholmer Straße ankamen, war es wenige Minuten nach 23.30 Uhr. Auf der Straße davor hatten die Leute kreuz und quer ihre Trabis und Wartburgs abgestellt, sogar mitten auf der Fahrbahn. So machte es auch unser Fahrer. Wir gingen Richtung Grenze – und tatsächlich war der Übergang offen. Unzählige Menschen strömten über die Brücke auf die Westberliner Seite.

Mir ist erst vor ein paar Jahren klargeworden, dass wir nur etwa fünf Minuten später dort waren, nachdem Harald Jäger, der Chef vom Dienst dieses Grenzkontrollpunktes, den Schlagbaum um 23.30 Uhr geöffnet hatte. Und damit den ersten Grenzübergang in den Westen überhaupt.

Bis 23.30 Uhr hatte er vergeblich versucht, von seiner Führungsebene Befehle angesichts der immer größer werdenden Menschenmassen vor dem Grenzübergang zu bekommen. Alle duckten sich weg. Bis kurz vorher hatten er und seine 15 Grenzerkollegen erbittert diskutiert, ob sie auf die Menschen schießen sollten oder nicht.

Seit 21.20 Uhr hatten sie vereinzelt Bürger durchgelassen, „um Luft aus dem Kessel zu nehmen“. Ihre DDR-Personalausweise wurden in der Mehrzahl ungültig gestempelt – sie sollten nicht mehr zurück in den Osten dürfen. Als um 23.30 Uhr die Menschenmenge und ihre Emotionen so groß geworden waren, dass sie im nächsten Moment den Grenzkontrollpunkt gestürmt hätten, entschied Harald Jäger sich für Menschlichkeit und öffnete den Schlagbaum.

Matschi und ich gingen einfach an der Schlange von ordentlichen DDR-Bürgern vorbei, die sich noch einen Stempel in den Personalausweis geben ließen. Auf der Bornholmer Brücke zitterten mir die Knie, sie kam mir unendlich lang vor. Ich fragte immer wieder: „Sind wir schon im Westen?“ Und: „Lassen sie uns auch wieder in den Osten zurück?“

Katja Frick
privat

Katja Frick

... hieß damals noch Schulze, studierte seit 1988 an der Humboldt-Universität Berlin Kulturwissenschaft und Literatur - mit einer Delegierung ihres vorherigen Arbeitgebers Radio DDR, wohin sie eigentlich nach dem Studium in die Kulturredaktion zurückkehren sollte. Außerdem war sie Tanzmeisterin der Folkband „Fußnote“.

Wir kamen an einem großen verschlossenen Tor in der Mitte der Straße vorbei, vor dem sich Menschen aus dem Westteil Berlins gesammelt hatten und nun ihrerseits riefen: „Wir wollen rüber!“ Dann stürmten von überall her wildfremde Menschen auf uns zu, die uns euphorisch begrüßten, uns Sekt, Wein und Schnaps entgegenstreckten und sich mit uns freuten.

Plötzlich standen unsere Freunde Steffi und Olaf vor uns. Wir sahen uns unglaublich überrascht an und fielen uns jubelnd in die Arme. Die beiden waren nach unserem gemeinsamen Sommerurlaub in den polnischen Masuren in die BRD-Botschaft in Warschau gegangen, um in den Westen zu fliehen. Wir hatten gedacht, wir sehen uns nie wieder.  Sie hatten eine Weinflasche mit, die wir in sehr kurzer Zeit miteinander austranken, und ich habe noch jahrelang behauptet, es war Sekt.

Danach fuhren wir mit U-Bahn und Bus zum Checkpoint Charlie. Dort hatte der Grenzkommandant um Mitternacht das Tor geöffnet. Überall auf der Straße davor tanzten Menschen aus Ost und West miteinander. Wir machten mit.

In einem Kreuzberger Klub namens Bronx tanzten wir die ganze Nacht ausgelassen und redeten. Unbekannte gaben uns Getränke aus und schenkten mir rote Rosen. Viele wollten ausführlich wissen, wie es in der DDR war.

Gegen 5 Uhr gingen wir wieder zurück in den Osten. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als wir problemlos zurückkonnten. Nach kurzem Schlaf saß ich um 9 Uhr am Freitagmorgen ordentlich in meiner Vorlesung an der Humboldt-Uni. Und stellte fest, dass fast alle meiner Kommilitonen nichts vom Mauerfall mitbekommen hatten. Ich war die Einzige, die in dieser Nacht im Westen war.

Steffi und Olaf hatten erzählt, dass es ihnen gar nicht so gut in Westberlin ergangen war. Sie zogen bald nach dem 9. November wieder zurück nach Ostberlin. Wir haben uns irgendwann aus den Augen verloren. Matschis und meine Wege trennten sich 1992. Er ist 2022 an Krebs gestorben.

Diese historische Nacht wird für mich für immer mit ihm verbunden bleiben. Dieses gemeinschaftliche Glücksgefühl, diese Euphorie und vor allem Solidarität zwischen Ossis und Wessis habe ich nie wieder erlebt. Wir dachten damals alle, dass wir dasselbe wollten. Und mussten feststellen, dass das eine Utopie war.

Ines Mallek-Klein traf auf den schwarzen Block

Als Günter Schabowski am 9. November 1989 seinen folgenschweren Satz „Das tritt – nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich – in Kraft“ sagte, schaute ich, damals 13 Jahre alt, die Nachrichten. Mein Vater war auf der Rückreise von einem Geschäftstermin in der CSSR und sollte sich an diesem Abend noch über die nicht enden wollende Autoschlange wundern, die ihm entgegenkam. Ich rannte unterdessen in die Küche und überraschte meine Mutter mit den Worten „Ich glaube, wir dürfen Renatchen besuchen“. Sie ist meine Patentante, lebt in einem kleinen Vorort von Göttingen und kam uns ein- bis zweimal im Jahr besuchen.

Bis zur ersten Reise in den Westen sollten noch einige Tage vergehen. Es war ein Sonnabend. Der kleine blaue Trabi war schnell gepackt, auch mit einem Benzinkanister. Schließlich lag eine rund 220 Kilometer lange Fahrt vor uns, größtenteils über Landstraßen. Wir machten uns also im Morgengrauen auf den Weg. Am Grenzübergang Herleshausen hielten wir kurz an, aber nicht, um die Personalausweise vorzuzeigen, sondern um einen Atlas des ADAC durch die Scheibe hereingereicht zu bekommen. Dann gab es noch ein freundliches Klopfen auf das Trabidach. „Gute Fahrt“, rief einer der Umstehenden.

Am späten Vormittag waren wir da, ganz ohne Navi. Tante Renate hatte aufgetafelt, es gab einen kleinen Brunch und ich habe meinen ersten Zott-Sahnejogurt gegessen, Pfirsich-Maracuja. So gut hat er nie wieder geschmeckt.

Dann stand ein Bummel in der Göttinger Innenstadt auf dem Programm. Das sind gut zehn Minuten mit dem Auto und wir wunderten uns über die vielen Polizeiautos. Keine normalen Streifenwagen, sondern grün-weiß lackierte Mercedes-Benz T2, die Platz für eine komplette Polizeigruppe boten. Hinter den Einsatzwagen postierten sich Polizisten mit Helm und Schild. Sie sahen aus, als wollten sie in den Krieg ziehen.

Die Göttinger Fußgängerzone war schon auffallend leer. An einem Teeladen kamen wir nicht vorbei, angelockt von dem herrlichen Duft. Wir schnupperten uns durch das endlose Angebot in den großen Blechdosen und entschieden uns letztlich für die Beerenmischung „Rote Grütze“.

Ines Mallek-Klein
privat

Ines Mallek-Klein

... war damals zarte 13 und besuchte die Maxim-Gorki-Oberschule im beschaulichen Stützerbach in Thüringen.

Wieder zurück in der Fußgängerzone, schauten wir überrascht zu, wie im Nachbarladen ein Schaufenster mit Sperrholzplatten gesichert wurde.  Der Juwelier, wenige Häuser weiter, war schon fertig. Auch hier sicherten neben den Metallgittern große Holzplatten seine Auslagen. Denn für ebenjenen Sonnabend, meinen ersten in der schönen neuen Welt, war in Göttingen eine Großdemonstration angemeldet worden. Anlass war der Tod von Kornelia Wessmann. Die 24-Jährige gehörte zur autonomen Szene. Am Wochenende zuvor war es zu Ausschreitungen zwischen Skinheads und Linken gekommen. Conny und ihre Mitstreiter flohen vor der Polizei, die Studentin wurde dabei von einem Auto erfasst und starb noch am Unfallort.

Ihre Mitstreiter luden zu einer der größten Demonstrationen in der Göttinger Stadtgeschichte ein. Mehr als 15.000 Menschen kamen zu einem friedlichen Gedenkmarsch. Doch dann schlug die Stimmung um. Schaufenster wurden zertrümmert, Polizisten mit Pflastersteinen, Flaschen und Molotowcocktails angegriffen, es gab dutzende Verletzte und Festnahmen.

Das habe ich nicht mehr live erlebt, sondern abends einigermaßen schockiert in der Tagesschau verfolgt und dabei begriffen, dass auch im westdeutschen Alltag  Licht und Schatten nah beieinanderlagen.

Danilo Vitense war nach Schule und Sandmann todmüde

Ich erlebte den 9. November 1989 als ABC-Schütze. Sechs Jahre alt, stolz wie Bolle auf meinen neuen Lebensabschnitt, aber auch todmüde von einem ereignisreichen Tag. Der Sandmann hatte bereits seinen Schlafsand verstreut, mein Bauch war vom Abendbrot gut gefüllt. Ich weiß noch, es gab Stulle mit Leberwurst. Meine Mutter bestrich ihre wie immer ordentlich mit Senf. Ich trug schon meinen Schlafanzug, den mit den Raketen drauf, war startklar für die Nacht. Am nächsten Morgen wartete schließlich wieder die Schule. Ich ging erst seit ein paar Wochen dorthin. Das war an sich Aufregung genug für mein junges Leben.

Meine Eltern saßen vor dem Fernseher, Papa auf dem Sessel, Mutti auf dem Sofa, ich saß auf dem Boden unserer Neubrandenburger Plattenbauwohnung in der Semmelweißstraße 5 und spielte noch etwas. Ein Mann mit grauen Haaren redete in der Flimmerkiste. Ich verstand nicht, was er sagte. Ehrlich gesagt interessierte es mich auch nicht die Bohne. Nachrichten waren das Langweiligste, was es für mich gab. Ich hätte lieber Lolek und Bolek oder Hase und Wolf gesehen. Dass die Worte dieses Mannes – heute weiß ich, dass es Günter Schabowski war – in die Geschichtsbücher wanderten, war mir damals natürlich nicht klar. Auch nicht die Tragweite.

Danilo Vitense
privat

Danilo Vitense

...war sechs Jahre jung und besuchte seit September 1989 die POS 16 „Rosa Luxemburg“ in der Kopernikusstraße in der Oststadt von Neubrandenburg.

Für mich ging das Leben einfach weiter. Die Wohnung im Neubau blieb dieselbe, meine Stock- und Steinsammlung im Elektrokasten im Hausflur war weiterhin gut versteckt, und auch meine Freunde aus dem Viertel waren noch da. Jeden Tag ging es raus auf den Spielplatz, bei Wind und Wetter. Natürlich musste ich pünktlich nach Hause, sobald die Straßenlaternen angingen. So sah mein Leben 1989 und auch danach aus.

Ich hatte eine glückliche, unbeschwerte Kindheit in Neubrandenburg, in der DDR. Mit Paraden zum 1. Mai und einer Kaufhalle gleich vor der Haustür, deren Regale nicht immer vollständig gefüllt waren. Aber wenn es Blaubeerquark und Fruchtmilch gab, war die Welt für mich in Ordnung.

Dann kam der erste Besuch in West-Berlin. Alles war bunt, laut und neu. So viele Eindrücke auf einmal, dass sie ineinanderliefen wie Wasserfarben auf nassem Papier. An eine Sache erinnere ich mich bis heute ganz genau. Besser als an jede Nachrichtensendung und jede Rede: meine erste Dose Coca-Cola, sauber aufgereiht in der Auslage des Imbisses. Dazu gab es eine große Portion Pommes mit Mayo, gekauft vom Begrüßungsgeld. Es war einfach nur lecker – und ist es bis heute für mich.

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