Ich erinnere mich noch genau an das Parfüm meines ersten Freunds: Ein pudriger Duft mit frischer Zitrusnote. Als ich ihn – den Freund, nicht das Parfüm – zum ersten Mal mit nach Hause brachte, blieb meiner Mutter nur sein Duft im Kopf – „Calvin Klein One, das kenne ich doch noch von deinem Vater aus den 90ern!“, war ihre Rückmeldung zum ersten Kennenlernen.
Ein einziger Sprühstoß, und meine Mutter war zurück in ihrer eigenen Jugend – kaum ein anderes Medium schafft das so unmittelbar. Kein Wunder, dass gerade Düfte aus den 90ern und 2000ern ein Comeback feiern.
Die Regale füllen sich mit Früher
Dieses Phänomen zeigt sich in den Sortimenten einschlägiger Drogerien und Parfümerien. Von den klebrig-süßen, glänzenden Juicy-Tubes-Lipglossen von Lancôme bis hin zu den legendären, hochpigmentierten Lidschatten und Glitzer-Paletten von Urban Decay sind die ikonischen Must-haves der 90er und 2000er längst wieder eingezogen. Die Verpackungen sind nicht mehr unscheinbar-minimalistisch, sondern nostalgisch, knallig oder verschnörkelt.
Klebrig schimmernde Lippen mit dunklem Lipliner, hauchdünne Zupf-Augenbrauen und silbrig-frostig geschminkte Lider: Die Beauty-Trends von vor 20 bis 30 Jahren sind augenscheinlich wieder da. Fragt sich: Woher kommen die – und wer will das überhaupt?
Echte Rückkehr oder nur schöne Erinnerung?
Nicht nur das beliebte Unisex-Parfüm von Calvin Klein aus dem Jahr 1994 hat nie an Relevanz verloren, doch anderen Produkten geht es sogar noch viel besser. 2022 erhielt der Black Honey Almost Lipstick von Clinique einen Aufschrei im Netz. Plötzlich war der chromfarbene, schmale Lipbalm in sämtlichen Taschen und damit auf sämtlichen Lippen.
Erstmals 1971 formuliert, kam der Fast-Lippenstift 1989 als einer von sechs Farbtönen auf den Markt. Überlebt hat nur die „universell passende“ Farbe Black Honey – und war 2022 vorübergehend bei jedem Händler restlos ausverkauft.
Wenn es einen 2000er-Lipgloss-Trend gab, dann waren es die Juicy Tubes von Lancôme. Nachdem die Produktion der Kunststofftuben zum Quetschen 2018 eingestellt wurde, erhielten die Glosse mit fruchtig-süßem Duft 2020 zum 20. Jubiläum eine Neuauflage und lösten große Begeisterung aus. Nostalgie pur.
Und das waren nur die Vorboten der großen Nostalgie-Welle: 2024 brachte Urban Decay die Naked-Eyeshadow-Palette zurück und Kylie Cosmetics holte 2025 eingestellte Farben der berühmten Lip-Kits wieder ins Sortiment. In den Kommentaren unter dem Ankündigungspost schwelgen die User in Erinnerungen und Vorfreude.
Aus der Nostalgie entsprießen sogar gänzlich neue Produkte, die verdächtig klar an 90er-Trends erinnern. Wo Victoria’s Secret damals mehr oder weniger wohlriechende Duftwolken erschuf, sorgt jetzt Sol de Janeiro für sinnlich-süße Düfte – mit riesigem Hype. Und auch Victoria Beckham bringt ihren braunen Signature-Lippenlook mit eigenem Lippenstift und -Liner zurück – und stillt damit den Nostalgiedurst so mancher Spice-Girls-Fans.
Alt aussehen, neu verkaufen
Manche Produkte wollen gar nicht mehr auf ein konkretes Original zitieren, sondern schlicht ein Gefühl. Serifenschriften, Braunglas, botanische Zeichnungen: Die Vintage-Apotheken-Ästhetik gehört zu den Verpackungstrends 2026 und soll signalisieren, dass hier keine Massenware steht, sondern etwas sorgfältig Gemischtes.
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Manche Marken dürfen das – Santa Maria Novella verkauft Rosenwasser aus der ältesten Apotheke der Welt, das braune Fläschchen des Advanced Night Repair von Estée Lauder steht seit 1982 auf Badregalen.
Andere borgen sich die Vergangenheit einfach aus: Gucci Beauty in floral verzierten Döschen, Charlotte Tilbury in Old-Hollywood-Gold. Die glatte, weiße Sans-Serif-Optik der 2010er gibt es weiterhin, sie hat nur ihr Monopol verloren – eine Verpackung darf wieder etwas erzählen, statt nur schlicht-minimalistisch mit dem Badezimmer-Interieur zu verblenden.
Schluss mit mühelos
Woher diese Nostalgiesucht kommt, ist nicht schwer zu verstehen. In Zeiten wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit und einer gefilterten, KI-optimierten Welt steigt die Sehnsucht nach etwas Echtem. Beauty war lange kein Ausdruck des eigenen Selbst mehr – vielmehr ist man nur noch einem sich ständig algorithmisch wandelnden Schönheitsideal hinterhergerannt.
Besonders dominant war zuletzt der Clean-Girl-Trend, dessen Kern es war, eine makellose, gesunde und natürliche Schönheit auszustrahlen. Dass darin eine Menge Arbeit steckt, wird verschwiegen. Still und heimlich wird die Skincare-Routine um teure Produkte ergänzt, Laser- und Fillerbehandlungen durchgeführt – alles nur, um „natürlich“ auszusehen.
Nur logisch, dass sich diese Bewegung irgendwann abnutzen musste und wie so oft in der Mode die Sehnsucht nach dem anderen Extrem angewachsen ist: Was ist mit den braun umrandeten Lippen, den blau geschminkten Lidern, dem schwarzen Kajal unter dem Auge? Charakter und Unangepasstheit mussten her – und wenn der in Gestalt der 90er- und 2000er-Ästhetik daherkommt, umso besser.
Die 90er waren auch nicht nur Gloss und Glamour
Doch bevor wir nun alle haltlos in Nostalgie schwelgen: Die Jahre, die nun kollektiv in Form von Beauty-Produkten und Make-up-Looks glorifiziert werden, hatten auch ihre Makel: Heroin Chic, Size Zero, ausgezupfte Brauen, die nie wieder nachgewachsen sind, Solarium bis zum Sonnenbrand. Foundation gab es oftmals lediglich in drei Tönen, von hell bis etwas weniger hell – wer dunklere Haut hatte, kam in der Drogerie schlicht nicht vor. Und die klebrigen Lippen, die wir heute feiern, gehörten zu einer Bildsprache, die Frauen vor allem als sehr jung und sehr dünn zeigte.
Das Model Kate Moss wurde in den frühen 1990er-Jahren mit sehr dünner Figur und blasser Haut zum bekanntesten Gesicht des Heroin Chic – eines umstrittenen Schönheitsideals der 90er.
© Bestimage/Imago
Nostalgie ist eben kein Gedächtnis, sondern eine selektive Auswahl: Wir erinnern uns an den wohligen Duft in der Parfümerie, nicht an die Unsicherheit vor dem Spiegel. Das wird besonders gefährlich, wenn man sich derzeit auf den internationalen Laufstegen umsieht: Die 90er kehren längst nicht mehr nur als harmloser Lippenstift zurück, sondern mit ihrem gesamten Körperkult.
Extrem abgemagerte Models dominieren wieder die Fashion Weeks, Body Positivity rückt in den Hintergrund, und befeuert durch den Hype um Abnehmspritzen wie Ozempic kehrt das gefährliche Ideal des ultradünnen Heroin Chic spürbar zurück. Die Botschaft dahinter ist düster: Nicht nur das Make-up der 90er ist zurück, sondern auch der gesellschaftliche Druck, in eine Size-Zero-Jeans passen zu müssen.
Die Branche hat längst verstanden, wie gut sich Erinnerung und Sehnsucht verkaufen lassen. Was früher für ein paar Mark über den Tresen ging, kehrt heute als „Heritage-Produkt“ zurück – mit Archivgeschichte, limitierter Auflage und entsprechend saftigem Preisaufschlag. Der Kontrollverlust und die Unbeschwertheit, nach denen wir uns zurücksehnen, sind am Ende also selbst ein ziemlich durchgeplantes, renditestarkes Vorhaben der Konzerne. Mein Vater trägt seit letztem Jahr übrigens wieder CK One – und meine Mutter ist hin und weg.
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