Terror

9/11-Überlebender im Interview: „Habe nicht das Gefühl, dass die Welt sicherer geworden ist“

25 Jahre nach den Anschlägen kämpft Alexander Mandl nach einer Lungentransplantation ums Überleben. Er war live dabei und zahlt bis heute den Preis dafür. Ein Gespräch.

8 Min
Eine Privataufnahme von Alexander Mandl am frühen Morgen des 11. September in New York.

Eine Privataufnahme von Alexander Mandl am frühen Morgen des 11. September in New York.

© Alexander Mandl

Alexander Mandl erlebte die Terroranschläge vom 11. September 2001 aus nächster Nähe. Als junger Banker wurde er Zeuge der Katastrophe wenige hundert Meter vom Ground Zero entfernt. Mit seiner Digitalkamera hielt er die dramatischen Ereignisse in New York fest. 25 Jahre später leidet er unter den Spätfolgen des giftigen Staubs. Wir haben mit Mandl telefoniert.

Herr Mandl, was ist am 11. September 2001 in ihrem Leben passiert?

Ich habe 2001 frisch meine Abschluss gemacht und hatte gerade geheiratet. Meine Frau war mit unserem ersten Kind schwanger. Ich hatte eine neue Arbeit in einer Investmentbank in London begonnen, war aber für ein Trainingsprogramm in New York. Wir waren ungefähr in der Mitte des Programms.

Wie begann der Tag, der ihr Leben verändert hat?

Wir mussten morgens gegen 8 Uhr am Arbeitsplatz sein. Der erste Einschlag war um 8:46 Uhr. Wir waren in einem Gebäude an der Broad Street, etwa 800 Meter vom World Trade Center entfernt. Nach dem ersten Flugzeug sahen wir zunächst nur Papier durch die Luft fliegen. Ich dachte als Ausländer sogar kurz, es gebe vielleicht eine Parade. Dann sahen wir die Bilder auf den Bildschirmen des Trading Floors und verstanden, dass ein Flugzeug in einen der Türme geflogen war. Ich hatte während meines MBAs eine Privatpilotenlizenz erworben und dachte zunächst an einen Unfall mit einem kleinen Flugzeug.

Die Skyline von Manhattan kurz nachdem die Twin Towers einstürzten.

Die Skyline von Manhattan kurz nachdem die Twin Towers einstürzten.

© Alexander Mandl

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Die Szenerie überschlug sich in den nächsten Minuten.

Als wenige Minuten später das zweite Flugzeug in den zweiten Turm flog, war klar, dass es kein Unfall war. In meinem Büro wurde der Handel gestoppt und das Gebäude evakuiert. Plötzlich waren Tausende Menschen auf der Straße. Wir hatten nur sehr unvollständige Informationen und hörten, dass es möglicherweise weitere Flugzeuge und weitere Ziele geben könnte. Deshalb gingen wir in die Wohnung eines Freundes in der 88 Greenwich Street und schauten von einer Dachterrasse auf das World Trade Center.

Was haben Sie dann gesehen?

Wir haben gesehen, wie die zwei Türme evakuiert wurden. Zehntausende Menschen kamen diszipliniert aus den Gebäuden hinaus. Teilweise sind sie in ihre Autos gestiegen und wollten wegfahren. Damit versperrten sie der Feuerwehr die Zufahrt – vielleicht zum Glück. Es gab weder im Radio oder noch auf den Webseiten von CNN irgendwelche Information. Was sollen wir eigentlich tun? Es ging einfach zu schnell.

Wir haben es immer schlimmer brennen sehen und haben auch gemerkt, dass Leute dort blockiert waren. Menschen, die wir möglicherweise kannten und die in der selben Branche wie wir arbeiteten. Wir fühlten uns aber nicht bedroht, weil wir zu weit weg waren. In keinem Moment haben wir gedacht, dass wir jetzt hier wegmüssen.

Zur Person
Will Gao

Zur Person

Alexander Mandl, geboren in Belgien mit österreichischen Wurzeln, machte Karriere bei Goldman Sachs, Amazon, Newell Brands, Suntory Global Spirits und Gopuff EU, bevor eine Staubexposition während 9/11 in New York sein Leben nachhaltig veränderte. Nach jahrelangem gesundheitlichem Verfall unterzog er sich in Barcelona – seiner heutigen Wahlheimat – einer doppelten Lungentransplantation. Heute ist er Gründer von Hemsel Growth Systems und FRX Ventures sowie Masterstudent für Healthcare Innovation, mit Fokus auf Gesundheitswesen, KI und Innovation.

Was haben Sie empfunden, als Sie den Einsturz der Türme sahen?

In einem solchen Moment gibt es keinen Platz, um die Gefühle einzuordnen. Man ist fast paralysiert. Auf den Fotos sieht man, dass wir uns zunächst überhaupt nicht bewegen konnten. Wir haben ungefähr 20 bis 30 Sekunden gebraucht, bis wir verstanden haben: Wir müssen weg.

Nach dem Einsturz des ersten Turms gingen wir zurück in die Wohnung und warteten, bis sich der Staub etwas gelegt hatte. Nach etwa 28 Minuten gingen wir wieder hinaus, weil wir sehen wollten, was passiert war. Es war so viel Staub und Rauch, dass wir nicht sehen konnten, ob der gesamte Turm verschwunden war. Kurz darauf stürzte der zweite Turm ein. Wir rannten sofort wieder in die Wohnung.

Was geschah dann?

Diesmal waren wir unter einer Lawine von Staub. Die Fenster waren voller Staub, draußen war es schwarz und wir konnten überhaupt nichts mehr sehen. Zum ersten Mal hatten wir das Gefühl, dass das Geschehen uns unmittelbar betrifft. Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Situation von einem schrecklichen Ereignis zu einer konkreten Gefahr für die ganze Gegend verändert. Wir verstanden auch, dass es ein terroristischer Angriff war – hier im Zentrum des Kapitalismus in der Welt.

Bis 16 Uhr nachmittags blieben wir dann in der Wohnung, bis die Feuerwehr kam und uns erklärte, dass das südliche Manhattan vollkommen evakuiert wurde. Alle mussten raus. Ich hatte glücklicherweise eine Firmenwohnung in der 33. Straße, in die mein Freund und ich ziehen konnten.

Staub über Manhattan, aufgenommen von Mandl am 11. September 2001.

Staub über Manhattan, aufgenommen von Mandl am 11. September 2001.

© Alexander Mandl

Wie haben Sie den Staub auf der Straße wahrgenommen?

Nachdem sich der Staub etwas gelegt hatte, sah die Straße aus wie mit Schnee bedeckt. Es roch wie nach Feuerwerk, chemisch und explosiv. Wir haben dann die Boote genommen und das Ausmaß gesehen. Für uns war die Sache damit erst einmal vorbei.

Uns wurde gesagt, die Luft sei sauber. Die Aufräumarbeiten begannen bereits sehr schnell. Ich weiß aber, dass ich bereits am zweiten oder dritten Tag sehr stark zu husten begann. Man konnte zwar atmen und hatte zunächst das Gefühl, dass sich alles wieder am Boden abgesetzt hatte. Aber die Luft war nicht wirklich durchsichtig. Im Rückblick war es äußerst gefährlich, dort hindurchzugehen.

Warum sind so viele Menschen nach 9/11 gesundheitlich erkrankt?

Es war eine riesige Menge Staub. In den Gebäuden waren Stoffe verarbeitet, die damals in der Bauindustrie verwendet wurden, unter anderem Asbest. Der Staub war absolut toxisch. Eine Person hat innerhalb weniger Stunden Dinge eingeatmet, die man normalerweise im ganzen Leben nicht einmal einatmen sollte. Ich glaube, wir verstehen bis heute nicht vollständig, wie viele aggressive Partikel damals in der Luft waren. Es war eine Umweltverschmutzung auf einer riesigen Skala.

Wie hat sich das bei ihnen persönlich bemerkbar gemacht?

Am Anfang dachte ich, ich hätte vielleicht psychologische Probleme. Ich stellte fest, dass ich nicht mehr motiviert war. In der Finanzbranche muss man körperlich, intellektuell und von der Motivation her auf Topniveau sein. Gleichzeitig hatte ich körperlich angefangen zu husten. Zuerst dachte ich: Es war viel Staub, das wird wieder weggehen. Aber der Husten blieb.

Fast zehn Jahre lang dachte ich nicht, dass meine Beschwerden mit dem 11. September zusammenhängen könnten. Ich hatte den Eindruck: Ich habe überlebt, ich war nicht im Gebäude, also wollte ich mich nicht als Betroffenen sehen.

Doch es wurde immer schlimmer?

Nach etwa zehn Jahren wurde es zu viel. Treppensteigen, mit meinen Kindern zu spielen oder sie hochzuheben wurde immer schwieriger. Ich war erst 40 und dachte, jetzt muss ich einen Check-up machen. Untersuchungen zeigten, dass mit meiner Lunge etwas nicht stimmte. Die Ärzte suchten zunächst nach Allergien und anderen Ursachen.

Schließlich wurde eine Lungenbiopsie gemacht. Ein Stück Lunge wurde entnommen und zur Untersuchung nach Deutschland geschickt. Dort wurde festgestellt, dass die Ablagerungen und Spuren im Gewebe eindeutig zu dem Staub vom World Trade Center passten. Ich litt an einer chronischen Lungenentzündung. Diese Erkrankung kann sehr langsam verlaufen. In meinem Fall dauerte sie nicht fünf Jahre, sondern 24 Jahre.

Gibt es für Betroffene Unterstützung?

In den USA wurde relativ schnell erkannt, dass der Staub toxisch war. Es wurde ein World Trade Center Health Program eingerichtet. Menschen, die nachweisen können, dass sie dort waren, erhalten lebenslang Unterstützung für Erkrankungen, die mit dem World Trade Center zusammenhängen. Ich bin ebenfalls in diesem Programm registriert.

Denken Sie an den Gedenktagen noch häufig an die Ereignisse zurück?

Was ich vor Ort gesehen habe, war teilweise weniger traumatisierend als die Bilder, die man in Europa im Fernsehen gesehen hat. Auf meinen eigenen Fotos kann man nicht erkennen, ob Menschen fallen. Das Fernsehen war für mich traumatisierender. Heute lebe ich ohne Fernseher.

Staubwüste New York vor genau 25 Jahren

Staubwüste New York vor genau 25 Jahren

© Alexander Meindl

Im Moment habe ich eine Lungentransplantation hinter mir. Eine Zeit lang ging es sehr gut, aber in den letzten Wochen ist wieder eine Entzündung aufgetreten. Mein Körper versucht offenbar, die transplantierte Lunge loszuwerden. Medizinisch sieht es im Moment nicht besonders gut aus.

Was kann die Welt aus 9/11 lernen?

Meine größte Sorge ist, dass nichts gelernt wurde. Für mich ist es wichtig, dass darüber gesprochen wird und dass transparent gemacht wird, was damals passiert ist. Ich habe das Gefühl, dass man in New York und in den USA in den ersten Jahren versucht hat, Stärke zu zeigen und keine Panik auszulösen. Vielleicht wollte man deshalb nicht sofort sagen, dass die Luft gefährlich war und dass die Menschen Masken tragen sollten.

Heute sind nach den Anschlägen mehr Menschen an den Spätfolgen als am Tag selbst gestorben. Für mich zeigt das, dass die Folgen von 9/11 nicht mit dem Einsturz der Türme oder mit den ersten Tagen danach beendet waren. Sie reichen über Jahrzehnte. Nach 25 Jahren frage ich mich deshalb: Was hat sich wirklich verändert? Wir leben mit mehr Angst, Terrorismus und neuen Konflikten. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Welt sicherer oder besser geworden ist.

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