Meine Nachbarin weiß: „Glinkastraße – das ist doch da Unter den Linden.“ Ich denke: „Das ist doch bei der Komischen Oper.“ Tatsächlich finden am nördlichen Ende der Glinkastraße Russland und Musik zusammen: Ein Teil der russischen Botschaft steht hier; gleich ums Eck lockt die Komische Oper, und in der Staatsoper Unter den Linden erlebte 1950 Glinkas Werk „Ruslan und Ludmilla“ Premiere. Wenn die BVG den U-Bahnhof am anderen Straßenende Glinkastraße nennt, schickt sie die Leute zur Botschaft Nordkoreas oder zur Mall of Berlin. Nun ja, jeder Umweg erweitert die Ortskenntnis.
BVG benennt U-Bahnhof Mohrenstraße um
Ob aber Michail Glinka eine gute Wahl ist? Sicherlich hat die BVG seine Werke auf politische Korrektheit geprüft. Nicht dass Gefühle verletzt werden! Als die Kanonierstraße 1951 zu ihrem neuen Namen kam, lebte Stalin noch und die Gesänge der russischen Völker, die Glinka in seine Opern aufnahm, standen hoch im Kurs. 1953 glorifizierte ein sowjetischer Schmachtfilm namens „Lied der Heimat“ Glinkas Leben.
Tatsächlich kommt ihm das Verdienst zu, 1836 mit „Iwan Sussanin“ die erste in russischer Sprache gesungene Oper komponiert und die Figur des russischen Bauern auf die Bühne gebracht zu haben – zu der Zeit hielt das Zarenhaus die Landbevölkerung in Leibeigenschaft.
Und dann ist da Glinkas Oper „Fürst Cholmskij“. Die spielt 1474 und handelt von einer jüdischen Verschwörung, der „Häresie der Judaisten“. Diese wollten die russische Regierung und den Klerus durchdringen und von innen zerstören. Dessen bezichtigt wurde seinerzeit tatsächlich die jüdische Karaiten-Sekte, deren Angehörige als gebildet und gut vernetzt mit Europa und dem Nahen Osten galten. In der Oper schwächen sie die russischen Streitkräfte im Kampf gegen den deutschen Schwertbrüderorden Livlands. Verwickelte Sache, aber das Thema jüdische Weltverschwörung klingt vertraut. Die Oper wird aus guten Gründen nicht mehr aufgeführt, ich kenne sie nicht. Der Literatur ist zu entnehmen, sie strotze von Antisemitismus.
Nichts für ungut. Die BVG weiß sicherlich, was sie tut. Sie liebt uns ja alle.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]