Straßenverkehr

92 Prozent halten sich für rücksichtsvoll – diese Studie zeigt das Gegenteil

UDV-Studie zum Verkehrsklima 2026: Drängeln, dichtes Auffahren und Handy am Steuer nehmen zu. Alle Zahlen und die Lage in Berlin und Deutschland.

5 Min
Hupen statt abwarten: Jeder zweite Autofahrer muss sich nach eigener Aussage sofort abreagieren, wenn ihn jemand im Verkehr ärgert. (Symbolbild)

Hupen statt abwarten: Jeder zweite Autofahrer muss sich nach eigener Aussage sofort abreagieren, wenn ihn jemand im Verkehr ärgert. (Symbolbild)

© Isai Hernandez/imago

Wer überholt, tut das rücksichtsvoll. Sagen 92 Prozent der Autofahrenden über sich selbst. Gleichzeitig beobachten 86 Prozent, dass andere zu eng an Radfahrern vorbeiziehen.

Diese Lücke ist das eigentliche Ergebnis der Langzeitstudie Verkehrsklima in Deutschland, die die Unfallforschung der Versicherer (UDV) am Montag veröffentlicht hat. Die Autoren haben ihre Mitteilung entsprechend überschrieben: Schuld sind immer die anderen.

Von 23 abgefragten Werten für aggressives Verhalten hat sich seit der letzten Erhebung 2023 nahezu jeder einzelne verschlechtert. Befragt wurden zwischen März und April 2026 genau 2004 Menschen ab 18 Jahren.

Auf dem Rad funktioniert die Selbstwahrnehmung genauso

48 Prozent der Radfahrenden räumen ein, Autos auch mal links zu überholen oder sich durch den Verkehr zu schlängeln. 83 Prozent wollen genau das bei anderen Radfahrern gesehen haben.

Der Abstand zwischen dem, was Menschen über sich sagen, und dem, was sie über ihre Umgebung sagen, zieht sich durch die gesamte Studie.

Die Kurve der vergangenen zehn Jahre

55 Prozent der Autofahrenden müssen sich nach eigener Aussage sofort abreagieren, wenn sie sich über andere ärgern. 2023 waren es 50 Prozent, 2016 erst 29 Prozent. Der Wert hat sich in zehn Jahren nahezu verdoppelt.

47 Prozent drängeln, wenn der Vordermann vermeintlich bummelt (2023: 39 Prozent, 2016: 29 Prozent). 32 Prozent scheren nach dem Überholen so dicht ein, dass der andere bremsen muss (2023: 24 Prozent).

Acht Prozent nehmen beim Überholen von Radfahrern kaum Rücksicht, doppelt so viele wie vor drei Jahren. Auf dem Rad erzwingen 43 Prozent hin und wieder die Vorfahrt, nach 28 Prozent im Jahr 2023.

„Das Leben wird immer hektischer, wir sind quasi permanent erreichbar, der Druck nimmt zu“, schreibt UDV-Leiterin Kirstin Zeidler in der Mitteilung. „Das geht auch am Straßenverkehr nicht vorbei, die Zündschnur wird kürzer.“

Handy am Steuer: 63 Prozent bei den Jüngeren

Jeder Vierte schreibt während der Fahrt zumindest gelegentlich Nachrichten, jeder Fünfte nutzt am Steuer soziale Netzwerke. Bei den sozialen Medien war es 2023 noch etwas mehr als jeder Zehnte.

Bei den 18- bis 35-Jährigen greifen 63 Prozent während der Fahrt zum Handy. In der Gruppe der 36- bis 55-Jährigen sind es 42 Prozent, bei den 56- bis 69-Jährigen 22 Prozent.

Parallel dazu bröckelt das Risikobewusstsein. 74 Prozent halten das Tippen von Nachrichten am Steuer für „sehr risikoreich“ – 2023 waren es noch 84 Prozent.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Berlin: 1558 Handy-Kontrollen im ganzen Jahr

Rund 60 Prozent der Befragten wurden noch nie von der Polizei kontrolliert oder wissen nicht mehr, wann das zuletzt war. Diese Zahl nannte Zeidler der Nachrichtenagentur dpa. In Berlin lässt sich nachrechnen, warum.

Die Polizei führte 2025 nach der Bilanz der Verkehrssicherheitslage 12.784 schwerpunktorientierte Kontrollen im Fließverkehr durch. Auf die Handynutzung entfielen davon 1558. Das sind gut vier am Tag.

Im selben Jahr registrierte die Polizei 137.373 Verkehrsunfälle, 4009 mehr als 2024. 37 Menschen starben, 17 davon zu Fuß und fünf auf dem Rad. Häufigste Unfallursache blieben Fehler beim Abbiegen mit 11.230 Fällen.

Handyblitzer sind fast überall verboten

Häufigere Handyblitzer forderte Zeidler ebenfalls gegenüber der Agentur. Die Technik gibt es, die Rechtsgrundlage in den meisten Ländern nicht.

Die sogenannte Monocam filmt von einer Brücke aus in vorbeifahrende Autos hinein, eine Bilderkennung markiert mögliche Verstöße, ein Beamter prüft nach. Rheinland-Pfalz hat den Einsatz mit dem Polizeigesetz vom Februar 2025 abgesichert und betreibt seit April 2025 den ersten Blitzer im Regelbetrieb, auf der A60 bei Mainz.

In Berlin und den übrigen Ländern fehlt diese Grundlage. Der Knackpunkt ist die anlasslose Aufnahme: Die Kamera erfasst zunächst alle Fahrenden, nicht nur Verdächtige.

Was Drängeln und Handy am Steuer kosten

Für den Griff zum Handy sieht der Bußgeldkatalog 100 Euro und einen Punkt in Flensburg vor. Mit Gefährdung sind es 150 Euro, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot, nach einem Unfall 200 Euro.

Beim Abstand gilt als Faustregel der halbe Tachowert. Wer bei Tempo 130 weniger als drei Zehntel des vorgeschriebenen Abstands hält, zahlt 240 Euro und ist den Führerschein einen Monat los.

Dauerhaftes dichtes Auffahren mit Lichthupe kann darüber hinaus als Nötigung nach Paragraf 240 Strafgesetzbuch verfolgt werden. Ob es so weit kommt, entscheidet der Einzelfall, vor allem Dauer und Intensität.

Tempo 130, null Promille, 1,1 fürs Rad

Eine Mehrheit fühlt sich trotz allem sicher. 58 Prozent geben das an, Männer mit 66 Prozent deutlich häufiger als Frauen mit 48 Prozent. Frauen befürworten schärfere Regeln entsprechend stärker.

Die Zustimmung zu Verboten ist so hoch wie nie in dieser Reihe. Rund 74 Prozent sind für eine Null-Promille-Grenze im Auto, rund 60 Prozent für Tempo 130 auf Autobahnen und rund 53 Prozent für Tempo 80 auf Landstraßen. Tempo 30 in Städten erreicht mit rund 43 Prozent keine Mehrheit.

Rund 72 Prozent wollen zusätzlich eine 1,1-Promille-Grenze für Radfahrer. Bisher gilt auf dem Rad erst ab 1,6 Promille absolute Fahruntüchtigkeit, darunter greift das Strafrecht nur bei Ausfallerscheinungen oder einem Unfall. Der Verkehrsgerichtstag in Goslar hat eine solche Grenze im Januar 2026 bereits empfohlen.

Enge Radwege erzeugen den Ärger mit

Zeidler verweist zum Schluss auf die Infrastruktur. Zu schmale Radwege, fehlende Fahrradstraßen und gemeinsame Grünphasen an Kreuzungen produzieren nach ihrer Darstellung einen Teil der Konflikte, die anschließend als Charakterfrage verhandelt werden.

„Der Straßenverkehr ist ein Abbild der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung“, sagte sie der Agentur. Sie verweist dabei auf steigende Zahlen bei Übergriffen auf Rettungskräfte und Bahnpersonal.

Bleibt der Befund vom Anfang. Solange 92 Prozent das Problem bei den anderen sehen, richtet sich jede Kampagne für mehr Rücksicht an Menschen, die sich längst für rücksichtsvoll halten.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner