BERLIN. Der Tod wartet hinterm Haus, auf den Feldern, in den Bergen. Er steckt in kleinen, unscheinbaren Behältnissen, manche so groß wie ein Überraschungsei, andere erinnern an Limonadendosen. Hunderttausende davon liegen weit verstreut im Süden des Libanon, seit Israel 2006 dort Basen der Hisbollah-Milizen und Wohngebiete über viele Tage auch mit Streugeschossen belegte. Diese Waffenart - auch die Hisbollah setzte sie ein - besteht aus einem Geschossmantel, in dem sich bis zu eintausend kleine Sprengkörper befinden, die noch in der Luft freigesetzt werden. Die Wirkung ist kaum auf militärische Ziele eingrenzbar, durch die hohe Blindgängerquote von bis zu 40 Prozent wirken die liegen gebliebenen Sprengkörper noch Jahre nach Kriegsende wie Landminen.30 Länder betroffenIm Südlibanon wurden auch nach Ausrufung der Waffenruhe mehr als 250 Zivilisten Opfer von Streumunition, bislang. Weltweit sind nach Schätzungen von Hilfsorganisationen bereits in mindestens 30 Ländern Areale von Streumunition verseucht, westliche Militärs setzten diese Waffenart unter anderem in Afghanistan, dem Irak und in Serbien ein. Mehr als 13 000 Fälle sind inzwischen registriert, in denen Menschen durch Streumunition umkamen oder verletzt wurden - 98 Prozent davon Zivilisten.Seit gestern debattiert in Wien eine Internationale Konferenz über die Grundzüge eines internationalen Abkommens zum Verbot von Streumunition. Angereist sind Vertreter von rund 100 Staaten sowie zahlreiche Nichtregierungsorganisationen. Die Tagung setzt den so- genannten Oslo-Prozess fort, in dem sich all jene Staaten zusammengefunden haben, die auch gegen den Widerstand der Verbotsgegner ein Abkommen anstreben. Zu den Blockierern zählen vor allem die USA, Russland, China, Indien, Pakistan und Brasilien. Sie hatten erst kürzlich verhindert, dass im Rahmen der regulären Jahrestagung zur UN-Konvention über inhumane Waffen entsprechende Verhandlungen aufgenommen werden.Deutschland, das in Wien vertreten ist, gehört ebenfalls zu den Herstellern und Exporteuren von Streumunition, die Bundeswehr hat Schätzungen zufolge 30 Millionen Stück in ihren Depots. Bislang hat die Bundesregierung mit einem Drei-Stufen-Plan operiert, der zwar den Verzicht auf so genannte gefährliche Streumunition mit einer Blindgängerquote von über einem Prozent vorsieht. Andere Typen sollen jedoch ausgenommen bleiben, zudem sind sehr lange Übergangsfristen vorgesehen. Den Streubombengegnern ist das zu wenig: Denn auch eine Fehlerquote von einem Prozent würde etwa für den Südlibanon immer noch die Verseuchung mit tausenden heimtückischen Sprengkörpern bedeuten.------------------------------Ächtungs-Vertrag bis Ende 2008Die Anti-Streubomben-Koalition "Cluster Munition Coalition" (CMC) als Bündnis von mehr als 80 Organisationen gegründet, die zum Teil schon in der Internationalen Kampagne gegen Landminen organisiert waren. Die CMC ist Initiator des sogenannten Oslo-Prozesses, der noch im Jahr 2008 ein internationales Abkommen über das Verbot von Streumunition erreichen will.Ein großer Erfolg der Anti-Streubomben-Bewegung war die Resolution des Europaparlaments von Oktober 2004. Sie verlangt von den EU-Staaten die sofortige Ausrufung von Moratorien für die Herstellung, Verwendung, Lagerung und Ausfuhr von Streumunition. Bislang sind nur Belgien, Österreich und Ungarn einen vergleichbaren Schritt gegangen, außerhalb der EU ist es Norwegen.------------------------------Foto: Der Serbe Branislav Kapetanovic, hier auf der Wiener Konferenz, wurde durch Nato-Streumunition verstümmelt.------------------------------Foto: Hunderttausende kleine Sprengkörper: Ein belgischer Spezialist sichert Streumunition in Beit-Yahoun, Südlibanon.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]