Es geht vielversprechend los. Das Gras fühlt sich weich an, die Rindenstücke federn wie eine Tartanbahn, der Kies sticht in die Fußsohle, aber es ist nicht unangenehm. Unangenehm wird es erst auf dem Asphalt. Nicht mit der Ferse aufsetzen, bloß nicht mit der Ferse aufsetzen! Die nächste Runde, Gras, Mulch, Kies, Asphalt. Beschwerden stellen sich ein. Es zieht in den Waden, die Achillessehne links meldet sich, der Fußballen rechts brennt. Erst zehn Minuten? Egal: Rucksack runter, Schuhe raus, Schuhe an. Barfuß joggen? Lieber nicht. Das Experiment ist beendet.
Barfußlaufen liegt im Trend. Jedenfalls wenn die einschlägigen Portale und Blogs im Internet recht haben. Barfußlaufen sei gesund, heißt es da, sei natürlich, dem Laufen im gedämpften Schuh vorzuziehen und sogar in der Großstadt kein Problem. Barfußlaufen in Berlin? Das klingt einigermaßen verrückt bei all dem Asphalt und Beton. Und sogar im Park, das hat der Selbstversuch schmerzhaft klargemacht, ist es kein Vergnügen. Ist Barfußlaufen nur eine Mode für Gefahrensucher?
Ein Anruf bei jemandem, der es wissen muss, bei Professor Thomas Wessinghage in Bad Wiessee. Der 68-Jährige ist ärztlicher Direktor des dortigen Medical Park, Chefarzt Orthopädie und Sportmedizin. Wessinghage war zwei Jahrzehnte lang Hochleistungsläufer, Europameister, Olympiateilnehmer. Er hält den deutschen Rekord über 1500 Meter; fast auf den Tag genau 40 Jahre ist diese Bestmarke alt. Also: Wie sinnvoll findet der Experte Barfußjoggen? Wessinghage sagt: „Es gibt Argumente, die dafür sprechen und praktische Argumente dagegen.“ Ein Ja, aber.
Für das Ja geht Wessinghage 100.000 Jahre zurück. „Seitdem gibt es Menschen, die so ähnlich aussehen wie wir“, sagt er. „Schuhe für die breite Masse gibt es seit rund 1000 Jahren, Schuhe mit Dämpfung und Fußbett seit etwa einem Jahrhundert.“ Der Mensch ist von Natur aus ein Barfußläufer, genauer: ein Vorfußläufer. Er setzt auf dem Ballen oder dem Mittelfuß auf. Das ist anstrengend, wie sich im Selbstversuch gezeigt hat. Über die Ferse läuft es sich leichter, die federnde Sohle des Joggingschuhs macht das möglich. Geschätzte 75 Prozent der Ausdauerläufer sind Fersenläufer.
Laufen in Berlin
Barfuß joggen in der Großstadt – was dafür spricht und was dagegen
Laufen ohne Schuhe liegt im Trend. Aber ist es gesund und sinnvoll? Ein Selbstversuch und ein Gespräch mit dem Chefarzt und früheren Spitzenathleten Thomas Wessinghage.
Christian Schwager
5 Min
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Barfuß am Strand: Für Thomas Wessinghage kommt das der Idealvorstellung des Laufens sehr nahe.
© Imago Images
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