Ab achtzehn ist alles erlaubt. Nur nicht gern gesehen. Eine Jugend in Ost-Berlin

Meine Provinz

Jens Bisky
18 Min

Alle wollten sie mir Bücher aufschwatzen, aber nur Dirk, dem man es nicht gleich ansah, konnte etwas Seltenes bieten. Seine verwaschene Jeans fiel zuerst auf. Mai 1985.Er hatte sich gerade vom Rand des Märchenbrunnens, an dem er lässig lehnte, als wäre er eine der verwitterten Sandsteinfiguren, abgestoßen und war langsam in Richtung Volkspark Friedrichshain gegangen. Es dämmerte, die letzten Familien verließen den Park. Ich kam ein wenig spät, schaute unschlüssig. Hunde bellten, vier Volkspolizisten mit Taschenlampen machten die Runde und sahen mit freudiger Verachtung den dunklen Gestalten, älteren Herren und Jüngelchen, hinterher, die in alle Richtungen auseinander stoben. Nein, diese Bürger wollten sich nicht ausweisen.Wie mit einem Zauberschlag leerten sich die Parkwege, ein Kerl rief mir im Vorbeihuschen noch "Die Bullen!" zu, dann wurde es still. Jetzt kamen die abgelegenen Orte dran. Breitbeinig, von ungeduldigen Schäferhunden gezogen, schritt die Staatsmacht ins Unterholz, während ich auf die verwaschene Jeans zuging: "Nun ist das Gebüsch besetzt." - "Na, dann komm doch einfach mit."Nach eigener Wohnung sah er eigentlich nicht aus, dafür war das Gesicht unter der Popperlocke zu jung. "Sieh dich vor, es geht ins Bermudadreieck, da verschwinden die Leute von heute auf morgen. in den Westen." Weil einer gegangen war, den er oder die Schwester eines Freundes oder so gekannt hatte, war Dirk an die zwei Zimmer in der Lychener Straße gekommen, finsterster Altbau, Matratze auf dem Boden, ein Tisch, Regale, kein Telefon.Zum Abschied drückte er mir Victor Klemperers "LTI" in die Hand. Das kannte ich schon. Dieselbe Reclam-Ausgabe stand im elterlichen Bücherregal. "Dann nimm das": "Stirb und werde" von André Gide. Auch Reclam Ost, aber davon hatte ich noch nie gehört. "Dafür brauchst du Geduld, das wird erst am Schluss schwul." Er grinste, griff wieder ins Regal und schaute unverschämt triumphierend: "Zur Entspannung." Der Band sah nach Winnetou-Verschnitt aus. "Rote Männer auf grünen Matten"? - "Vorn stehen die drin, die es gelesen haben." Auf der Liste all derer, die den uralten Softporno aus Dirks Händen erhalten hatten, war ich Nummer 24. "Hier", er sah mich aufmunternd an, "musst du ja lesen, sonst erstickst du in dem Mief."Wenige Tage später brachte ich die Bücher zurück. Dirk war im Gehen und nahm mich mit zu Caroline, einer guten Freundin. Dreimal mussten wir der Geschichte ihres Vormittags lauschen. Sie hatte sich am Helmholtzplatz neben eine Polizistin gesetzt, das "Mäuschen" so offen-herausfordernd angeschaut wie mich jetzt, die Sprühflasche hervorgeholt, mit der sie sonst die Palmenblätter nässte, ihre Arme gehoben und sich die Achseln besprüht, dann in Richtung Uniform gespritzt. Die "Schnalle" war überfordert aufgesprungen. "Ich liebe sie", rief Caroline, "ich will sie haben. Und du", wandte sie sich zu mir, "du bist noch nicht lange in der Szene, was?" Das war gut beobachtet.Seit den Nachmittagen mit Kai wusste ich, was ich suchte; seit ich mich in Berlin zurechtfand, entdeckt hatte, wo was los war, hatte ich immer mal wieder Sex mit Männern gehabt und mich über die Angst der Älteren amüsiert, die glaubten, ich sei zu jung. Ab achtzehn war in dieser Hinsicht ohnehin alles erlaubt, wenn auch nicht gern gesehen. In meiner offiziellen Welt, bei Tageslicht, hatte ich, obwohl Großstadtkind, nie einen Schwulen getroffen, und ich hatte keine Absicht, so zu werden, wie ich mir Schwule vorstellte. Sie waren wie Tonio Kröger hoffnungslos in dumme Blondis verknallt und redeten herrlich tiefen Unsinn, sie zogen sich auffällig an und näselten, trugen Frauenklamotten oder standen auf Bahnhofsklos. Sie hatten einen Defekt. Ich war gesund und hatte kein Problem. Bis zu dem Tag im März, an dem ich Frank getroffen hatte.Er war vier Jahre älter als ich, lebte noch bei seiner Mutter, die nichts ahnte, kannte aber Freunde mit Wohnung, die sie ihm am entscheidenden Wochenende überlassen hatten. Dahin waren wir gegangen: "Du bleibst die ganze Nacht, oder du verschwindest sofort." Ich verließ ihn gegen fünf, summte "Smailtown Boy" von Jimmy Somerville und lief zu Fuß nach Haus. Vorbei an den Plattenbauten, den riesigen überirdisch verlegten Fernwärmerohren, durch menschenleere Straßen, unter Bürgern, die zur Schicht eilten, von Mitte nach Marzahn. Wow! Mir war, als stünden hinter jedem meiner Schritte drei Ausrufezeichen. Jetzt hätte ich den Rekord im Dreitausendmeterlauf brechen können. Das Leben hatte ja gerade erst angefangen.Ratlos, aufgeregt, fahrig fast stand ich dann vor der "Dagmar". Ich hatte nichts in den Händen. Nachname? Telefonnummer? "Du, Norbert, kannst du mir die Turnschuhe weißen?" 174 Mark hatte ich für das Paar, halbhoch, längst nicht mehr zu haben, bezahlt. Importware aus Griechenland. Norbert tat mir den Gefallen, ohne nach dem Warum und Wozu zu fragen. Er spürte, was los war.Wo genau war die Wohnung der Freunde gewesen? Ich ging die Straßen ab, kramte angestrengt im Gedächtnis, als wäre das schon die Abiklausur, und klingelte zwei Abende später an der Tür. Ein Herr mittleren Alters, den Morgenmantel über die Schulter geworfen, musterte mich kurz und sagte dann: "Frank? Fotogeschäft, Willi-Bredel-Straße." Das war nicht weit von der Schönhauser. Auf dem S-Bahnhof kam Frank mir entgegen: "Du hast doch versprochen, die Adresse zu vergessen."Er schien mir ungeheuer aufgeregt, und ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, warum. Am nächsten Morgen wollte er nach Prag fahren und wusste nicht, ob sie ihn über die Grenze lassen würden. Das verstand ich erst recht nicht. Zu den Tschechen konnte doch jeder, da reichte der Personalausweis, selbst wenn man die Haare trug wie Momo, lächelte wie Marion Brando und redete, als wisse man, wie die Welt zusammengeschraubt ist, und würde bei Widerspruch zuschlagen. All das hätte Frank nicht beunruhigen müssen, aber er hatte einen Ausreiseantrag gestellt, war vom Fernsehen der DDR deswegen entlassen worden, entwickelte nun Passbilder und Urlaubsfotos und wartete, dass er rausdürfe; er war nicht sicher, wie viele Rechte ihm noch zugestanden wurden. Bald fand er seine Gelassenheit wieder, und unser zweiter wurde ein schönster Abend. Nach seiner Rückkehr aus Prag sahen wir uns häufiger, wenn auch für mein Gefühl zu selten. So war das also: Aus braunen, treuen Augen strahlte der Klassenfeind.Ich lächelte zurück und dachte nicht daran, dass ich eben erst, gemeinsam mit vier anderen Kant-Schülern, im Rahmen einer Kampagne zur Stärkung der Kampfkraft Kandidat der Sozialistischen Einheitspartei geworden war. Die Aufnahme war nach Statut und ohne Feierlichkeiten erfolgt, der Eintritt für mich eine Selbstverständlichkeit gewesen, ein Akt, der kein langes Nachdenken erforderte. Ich zahlte nun noch mehr Beiträge für Mitgliedschaften, es gab eine Versammlung mehr im Monat. Weiter hatte sich nichts geändert. Ich war nicht mit allem zufrieden, aber doch grundsätzlich einverstanden.Was er im Westen wolle? Kameramann werden, die Welt sehen. Freunde waren schon drüben. Was Frank von der DDR hielt, war mir rechtschaffen egal, solange er dablieb. Auf seine Weise war auch er Sozialist und hundertfach erwachsener als ich. Er stellte mich neben die Schuhe, und das Land, das ich zu kennen meinte, wurde interessant wie eine Steppenlandschaft im Gewitter.DDR-Literatur hatte ich selten freiwillig gelesen. Mir fehlte in den kleinen Geschichten von der Kollektivierung oder dem Neubauviertelbauen, über antifaschistisches Heldentum, Bewährung und Alltagsprobleme die Größe, das Abenteuer. Das änderte sich dank Frank, der während des Wartens auf die Ausreise unbedingt ein ostdeutsches Revolutionsstück sehen wollte: "Die wahre Geschichte des Ah Q" von Christoph Hein. Im Programmheft des Deutschen Theaters standen die Schlusssätze aus Heins Novelle "Der fremde Freund": "Meine Haut ist in Ordnung. Was mir Spaß macht, kann ich mir leisten. Ich bin gesund. Alles was ich erreichen konnte, habe ich erreicht. Ich wüsste nichts, was mir fehlt. Ich habe es geschafft. Mir geht es gut."Ich las die Sätze und wusste: So war es. Das war es. Denen, die mir bisher über den Weg gelaufen waren, denen, die ich kannte und jeden Tag sah, ging es auf entsetzliche Weise gut. Wir lebten komfortabel, eingerichtet. Es kam auf nichts an. Das aufgeregte Hin und Her vor der Abiprüfung schien mir plötzlich kindisch, Steffen, Vater, Mutter, FDJ - alles kannte ich lange schon und sah in den Lebensläufen der anderen nichts als risikolose Routine. Ich war fest entschlossen, nichts mehr gelten zu lassen, außer den Abenden mit Frank.Regelmäßig saßen wir im Palast-Hotel, mit Blick auf den Dom und den Palast der Republik, und tranken absurd teure Cocktails. Abiturienten meiner Generation bekamen zwar Geld, 110 Mark in der elften, 140 Mark in der zwölften Klasse, aber das reichte höchstens für drei, vier Abende im Monat. Zum ersten Mal war ich klamm.Irgendwann wollte Frank mich prüfen, sagte nichts als "Komm!", und wir gingen zum Brandenburger Tor und so dicht wie nur irgend möglich an der Mauer entlang. Der Agitator und der Ausreisewillige Hand in Hand vor dem antifaschistischen Schutzwall. Als die Volkspolizei auftauchte, gab Frank mir, was er sonst auf der Straße nicht tat, einen dicken Kuss. Die Vopos spürten unseren Willen zur harmlosen Frechheit."Können Sie sich ausweisen?"Konnten wir."Was machen Sie hier?""Uns vergnügen", sagte ich. Der Einzige, der sich amüsierte, war Frank, er sah mir zu."Sie wohnen in Marzahn? Das ist sehr weit bis hierher.""Ich darf doch in unserer Hauptstadt abends hingehen, wohin ich will.""Das dürfen Sie, aber kommen Sie der Grenze nicht zu nah.""Das hatten wir gar nicht vor. Richtig einladend sieht es ja hier nicht aus."Sie verzogen sich, Frank nickte halb anerkennend, schluckte, sagte: "Das war's", und ließ mich stehen. Eine Woche später begriff ich, dass er jedes Interesse an mir verloren hatte. Also ist auch der ein Heuchler, dachte ich.Dass ich nun dank seines Fluchtwillens von Hein las, was ich kriegen konnte, später Volker Braun und Heiner Müller, gehörte zur Absurdität der Lage und stimmte mich nicht heiterer.Brav ging ich jeden Morgen zur Schule und traf abends weiterhin Bücherempfehler. Enrico, der schon die Kisten für den Umzug nach Westberlin packte, schüttelte seine linke Hand, als werfe er etwas weg. Ich solle doch mitnehmen, was mir gefalle, Bücher seien bestimmt das Letzte, was er drüben brauche. Wenn das so weiterging, würde ich eine Liebhaberbibliothek einrichten müssen. Johannes, der kühl kalkulierende Zahnarzt - "Auf der ersten Konferenz, zu der die mich lassen, bin ich weg" -, riet präzise: "Hast du eine schwache Stunde, dann lies lieber Thomas oder, von mir aus, Klaus Mann. Hesse ist mir zu pubertär."Wenn ich in diesen Tagen nicht Klaus Mann las, sondern durch Berlin-Marzahn ging, sah es aus, als hätte alles seine Ordnung. Ich schob Stephan im Kinderwagen, die Mädchen aus der Klasse fragten oft nach ihm. In der Schule herrschte Abschiedsstimmung, es ging aufs Ende zu. Die Abiturprüfungen begannen, und ich traf Dirk aus der Lychener Straße, der mich ein paar Wochen an die Hand nahm und fast väterlich sagte, man solle immer das tun, was man wolle, der Rest finde sich.Am Berliner Ensemble spielten sie seit Jahren "Blaue Pferde auf rotem Gras" von Michail Schatrow. Es war ständig ausverkauft, bot Ausreise aus der DDR in die Russische Revolution. Die Rückkehr zum reinen Ursprung sollte der Gegenwart aufhelfen. Es war ein Lenin-Stück, inszeniert als Agit-Prop-Posse mit Sprechchören im Zuschauerraum und Transparenten überall. "Linke Überspitzungen" wurden lächerlich gemacht. Ein paar gut aussehende Idioten brüllten immer "Puschkin! Schufkin!". So albern hatte der Sozialismus angefangen. Schatrows Botschaften waren nicht schwer zu entschlüsseln. Zwei habe ich damals aufgeschrieben: "Niemand in der Welt kann die Kommunisten kompromittieren, wenn sie sich nicht selbst kompromittieren. Niemand in der Welt kann den Sieg der Kommunisten verhindern, wenn nicht die Kommunisten selbst ihn verhindern." Da war es wieder, das Kirchenmodell. Nicht meckern, besser machen! "Unser Prinzip heißt - den Massen die Wahrheit sagen. Selbst dann, wenn das für uns unvorteilhaft ist." Na gut, Dirk war offensichtlich keine Masse, er musste also nicht wissen, dass ich in der Partei war. Ich stellte mich ja auch sonst nicht als Genosse vor, doch im Gespräch über alles, was uns wichtig schien, kam der Punkt, an dem ich es hätte sagen müssen. Ich tat es nicht, es war mir unangenehm. Ich dachte, er würde zurückschrecken. Frank hatte nur gefragt, ob das denn sein müsse, aber seine Mutter war auch drin. Der Ruf der Genossen war miserabel: Dummköpfe, die das Parteibuch zur Karriere brauchen, Schwätzer, Säufer, Spießer. Warum sollte ich mit Dirk über ein Klischee streiten, das mit mir nichts zu tun hatte?Ich habe überhaupt mehr gelesen als geredet in diesem Vierteljahr. Leider hat mir niemand Wolfgang Leonhard empfohlen, "Die Revolution entläßt ihre Kinder", Geschichten aus der Komintern-Schule, die mich vielleicht hätten verstehen lassen, dass die DDR von Anfang an eine Totgeburt war. So fand ich sie nur miefig, war vollauf beschäftigt, mich zurechtzufinden. In mir sah es aus wie auf einer Großbaustelle. Da standen ein paar Platten aus Formeln und Phrasen herum, dort einige Fenster liberal-marxistischer Denkungsart, nach Familientradition sozusagen. Daneben lagen Bruchsteine von Erlebnissen aus der Produktion, mit Freunden, mit Straßenbekanntschaften, mit Volkspolizisten, ein paar Klinker aus Büchern. Das passte schlecht zueinander. Die Alltagsroutine hielt alles zusammen.Die Prüfungen liefen wie geschmiert, fast nur Lieblingsthemen. Aber nach vier Jahren Ehrgeiz, ganz vorn zu stehen, waren sie mir nun beinahe gleichgültig. Ich machte wie unter einer Maske mit und registrierte, dass in der Klasse kaum noch Zusammenhalt herrschte. Der Druck schwand mit dem Deutschaufsatz, die meisten waren froh, demnächst anderes zu sehen, das Haus mit der Werksteinfassade zu verlassen. Wehmut kam nicht auf. Die Jungs würden bald Uniform tragen, die Mädchen mit dem Studium beginnen. Entsetzlich schien mir, dass alle sich gaben wie immer, als sei nichts geschehen. Das Gefühl von Ungebundenheit, das ich durch Frank kennen gelernt und an das ich mich neben Dirk erinnert hatte, wollte ich nicht wieder verlieren. Das sollte bleiben.Da Stephan mehr Platz haben sollte, zog die Familie im Juni 1985 nach Oberschöneweide, dicht ans Kabelwerk Oberspree. Auf den Umzugskisten schrieb ich meine letzte öffentliche Rede in der DDR, die Danksagung zur Abifeier. Den Text wollte der Direktor vorher selbstverständlich sehen, und da ich mit einem Einfall Jean Pauls begonnen hatte, bestellte er mich zu sich: ",Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man uns nicht vertreiben kann.' - Hm. Das klingt so christlich. Kann man das nicht anders sagen?" Ich konnte nicht.Die Rede gefiel. Mit Kant und Dranvorbeireden und ein paar Phrasen sagte ich, dass man nun sehen müsse, was komme, alles sei ungewiss. Das brachte ich überzeugend rüber. Freudestrahlend kam vor dem Auseinanderlaufen meine Polnisch-Lehrerin zu mir und umarmte mich, und ich erinnerte mich an Momente der Aufrichtigkeit. Zu Polnisch hatte eine Haltung gehört, Skepsis gegenüber der deutschen Geschichte und der Besserwisserei der Gegenwart. Die Polen besaßen Stolz, sie waren immer wieder unterdrückt und von allen allein gelassen worden. Pani, wie wir sie mit der polnischen Anrede für eine Frau nannten, war in Tränen ausgebrochen, als sie erzählte, wie die Professoren der Jagiellonen-Universität von den Deutschen abgeholt wurden. Pan, unser zweiter Lehrer, der den Polnisch-Unterricht in der DDR erfunden und die Lehrbücher geschrieben hatte, verschonte uns mit den antipolnischen Ressentiments, die seit Solidarno´s´c geschürt wurden. Uralter Dünkel, auch Nazi-Dreck, wieder hervorgeholt, weil die polnischen Sozialisten, wie viele gern glaubten, eben immer etwas schlampiger und dümmer gewesen sein sollen als die deutschen Kreissekretäre.Kurz nach dem Abitur, dem Ende ohne Abschlussgefühl, fuhr ich als Dolmetscher im Rahmen des Jugendaustauschs mit gut zweihundert jüngeren Schülern nach Warschau. Sie würden dort in Parks harken, graben, jäten. Ich hatte zu übersetzen. Wir schliefen in einer Schule, und meine Arbeit war nicht schwer. Die polnische Dolmetscherin, Malgorzata, schaffte es, Karten für ein Depeche-Mode-Konzert zu organisieren, für mich ein kleiner Gottesdienst.Eines Tages griff sie mich und fuhr mit mir zu der Kirche, in der Popieluszko gepredigt hatte, der oppositionelle Priester, der von der polnischen Geheimpolizei ermordet worden war. Rings um die Kirche hingen Solidarno´s´c- Transparente, überall brannten Kerzen. Den Eindruck kann sich heute kaum einer vorstellen. Einen Schock dieser Intensität habe ich nie wieder erlebt. Wenn morgen rings um den Reichstag rot-weiße Transparente hängen und Kerzen brennen würden, alte Frauen und junge Männer die Hände zur Faust geballt davor, würde jeder das für Kunst oder eine unter hundert Demonstrationen halten, misslungen oder gut gemeint. Im Grunde aber harmlos. In Warschau war es ernst. Hier stand, wie in meinen revolutionären Kinderbüchern, Mann gegen Mann. Die Fronten waren eindeutig, nicht so verschwommen wie die Morgen in Marzahn.Malgorzata setzte immer auf Knappheit, Augenschein. Sie ging mit mir auf den Schwarzmarkt, zeigte mir, zwei Stunden von Warschau entfernt, verfallene Hütten, Kinder in Lumpen. Ich sah zum ersten Mal Armut. Denen hilft die Kirche, sagten die Bauern im Dorf. Zum Abschied schenkte Malgorzata mir das polnische Deo für den jungen Mann, "Brutal", und versuchte, einen Werbespot zu imitieren: "Mir ist jedes Deo recht, nur Brutal muss es sein!" Wie viele Konterrevolutionäre mit menschlichem Antlitz sollte ich noch treffen?Sie sagte wenig, und auch ich schwieg meist. Schon Frank gegenüber, der nur rauswollte, kaum gelitten hatte, waren mir meine snobistisch-marxistischen Floskeln sarkastisch, unangebracht erschienen. Was sollte ich Malgorzata sagen? Dass im revolutionären Weltprozess das Ermorden von Priestern schon mal vorkommen kann? Dass ich Pilsudski, der in derselben Kirche verehrt wurde, für einen Faschisten hielt? Was hatte ich mich in Polen überhaupt einzumischen? Das T-Shirt, das ich mir auf dem Schwarzmarkt kaufte, trug die Aufschrift "Choose Life".Müde kam ich aus Polen zurück und hatte wenigstens kapiert, dass mein Problem nicht allein das Schwulsein war. Das hatte mich nur fremd werden lassen und mit Menschen bekannt gemacht, die in meinem natürlichen Umfeld nicht vorkamen. Das Problem war, dass nichts stimmte. Die revolutionäre Partei fürchtete jeden Windhauch, die Arbeiter leisteten keinen Widerstand, die Intellektuellen hatten Thesen, begriffen aber nichts. Wenn ich einen traf, den ich für schlau und integer und hübsch hielt, konnte ich Gift darauf nehmen, dass er ausreisen wollte.Dirk nahm mich mit zu einer Party auf einen kleinen Bauernhof im nördlichen Umland Berlins. Wir waren etwa dreißig Leute, Frauen, Männer, Mädchen, Jungs, alle, wie verabredet, mit weißem Hemd und schwarzer Hose. Neue Deutsche Welle lief. "Komm doch ma! nach Ostberlin / Man lässt hier nicht jeden hin." - "Keine Atempause / Geschichte wird gemacht / Es geht voran!" Die Schweine im Stall bekamen Wodka zu trinken. Wer noch konnte, paarte sich. Ich wurde mitgerissen und sah mir zu dabei, als wäre ich nicht mehr ich und wisse mich nicht zu bewegen. Wie es weitergehen sollte, war mir schleierhaft.Bis zur Einberufung blieben mir noch drei Wochen, ich wollte möglichst viel erleben, begann meine Abende im "Café Peking", das längst "Café Ecke Schönhauser" hieß, mit einem Glas Sekt, wozu mich immer einer einlud, wurde wieder nüchtern auf dem Weg zum "Café Senefelder", wo ich das Glas auf die Tunten erhob, die hier, wenn man Glück hatte, den Ton angaben. Männer im Fummel, die ein wenig traurig waren, aber mehr Mumm besaßen als alle FDJ-Sekretäre zusammen. So ein Abend endete in der "Schoppenstube", die erst 23 Uhr die Tür mit der Guckluke - Vorsicht, Verruchtes! - öffnete.Eine kleine Schlange von betrunkenen Pärchen, einsamen Männern und Möchtegernmackern aus Westberlin stand immer davor. Hier trank ich, der ich wenig vertrug, Gin Tonic oder Cola Wodka. Hier sprach ich mit den vielen, die mir kein Buch empfehlen wollten. Lehrlinge, die für das Wochenende lebten, für die paar Stunden Tanzen, Trinken, Flirten. Provinzler, die nach Berlin gekommen waren, damit mal was geschah. Ältere Herren, die sich aufgegeben hatten, füllig wurden, nur noch tranken und mit starrem Blick jedem Jungen hinterhersahen, als bräuchten sie täglich eine Abfuhr. Gestalten mit dem taxierenden Blick der Tauschwirtschaft: Das bringe ich mit, das will ich haben. Paare in unauflöslicher Verschlingung. Abgeklärte Kerle, die kamen, sahen, mitnahmen, fortschickten.Die Szenerie schien mir aufregend und wie ein apokalyptischer Karneval. Ich genoss jeden Abend und konnte mir dennoch nicht vorstellen, mein Leben in Volksparks und Bars zu verbringen, mich im Abseits einzurichten. Für den Sozialismus war ich weiterhin. Gegen historische Gesetzmäßigkeiten rennen nur Dummköpfe an, aber ich begriff, dass sich aus ihnen keine irgendwie geartete Zukunft für mich ergab. Unter Jugendfreunden und Genossen war ich ein Außenseiter, Teil eines geduldeten, misstrauisch beäugten Milieus. Eine Tunte aus dem "Café Senefelder" erzählte mir, dass die Polizei "Rosa Listen" führe. Zur Szene gehörte ich auch nicht ganz. Eine Reserve blieb, als scheute ich mich, einer von ihnen zu werden."Soll ich dir die Turnschuhe wieder mal putzen?", fragte Norbert. Es war nicht nötig. Ich ging allabendlich auf Trinktour und grübelte über den Unterschied zwischen Tag und Nacht. Ein paar Wochen Pause hätten gut getan. Da meldete sich mitten aus der "Schoppenstube" eine Stimme in meiner taghellen Welt. Einer, mir völlig unbekannt, verspürte, nachdem er mich gesehen hatte, ein großes Mitteilungsbedürfnis. Bevor ich meinen Eltern sagen wollte, was los ist, erfuhren sie von der gesellschaftlich engagierten und aufmerksamen Kraft, dass ich in "Homobars" verkehre. Was soll man dazu sagen? Mein Leben blieb im Gleis, der Wagen rollte.------------------------------Der vorstehende Text ist ein Kapitel aus Jens Biskys Buch "Geboren am 13. August". Es erscheint am 24. September im Rowohlt Berlin Verlag, Reinbek. Jens Bisky, 1966 geboren, absolvierte nach dem Abitur die Offiziershochschule der NVA. Zur Wendezeit arbeitete er bei Jugendradio DT 64 und studierte Kulturwissenschaften und Germanistik. Danach wurde er Feuilleton-Redakteur bei der Berliner Zeitung, heute ist er es in der Süddeutschen Zeitung.------------------------------Foto: Ausgelagerte Engel, Berliner Dom------------------------------Foto: Berlin Alexanderplatz, 80er-Jahre. Am Centrum- Warenhaus wirbt ein Plakat der GST.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner