Aber alle zehn Vorstellungen im Schiller-Theater sind bereits ausverkauft

Helge Schneider ist nicht witzig

Frank Junghänel
3 Min

Ein Abend mit Helge Schneider kann auch für Helge Schneider ziemlich lang werden. Während der drei Stunden, die der Künstler - abzüglich einer kurzen Pause - mit einigem Krimskrams, zwei Lakaien und zwei Musikern auf der Bühne des Schiller-Theaters verbringt, schaut er wiederholt auf die Uhr und sagt auch mal, wie spät es ist: Kurz nach neun, kurz vor elf. Es lässt sich bei aller prinzipiellen Schneiderverehrung nicht behaupten, die Zeit dazwischen sei wie im Fluge vergangen. Was die ins Theater eingerückten Spaßkompanien anders sehen möchten. Das fürs totale Amüsement präparierte Publikum brüllt auch bei der kleinsten Zeitansage, als gäbe es kein Morgen. Nun ist es gefährlich, Zuschauer zu beschimpfen, die ihr Eintrittsgeld wieder reinjubeln wollen. Aber dass Helge Schneider bei seinem Tourneeauftakt in Berlin keinen guten Abend hatte, wird man wohl sagen dürfen, ohne totgelacht zu werden. Schneider ist ein aktuelles Missverständnis. Er gilt als wahnsinnig komisch, wobei er zurzeit im eigentlichen Sinn nicht komisch ist, wahrscheinlich nicht mal wahnsinnig. Komik entsteht durch Überraschung. So gut wie nichts an Helge Schneider kann einen heute überraschen. Die Leute gehen ja gerade deshalb in sein Programm, weil sie genau wissen, was sie erwartet, weil sie bedient werden wollen. Komik entsteht durch Irritation. Helge Schneider war der Großmeister der Irritation, als er Witze ohne Pointe erzählte, Lieder ohne Text sang, Geschichten ohne Inhalt erfand. Das alles tut er noch immer, nur irritiert es niemanden mehr. Die Irritation ist nebst Schlaghose und Rüschenhemd in der Marke "Helge" aufgehoben und es ist diese Marke, die komplett gekauft und belacht wird. Einer seiner Songs, die im eigentlichen Sinn auch keine Songs sind, heißt: "Ich bin doch nur dein Clown, du doofe Sau". Das trifft sein künstlerisches Wirken gut. In seinen bedauerlichsten Momenten gemahnt Schneiders Auftritt an den Niedergang eines anderen ehemals begnadeten Musikclowns. Wenn er ein Lied dreisprachig persifliert oder den "Erzgebirgs-Blues" sächselt, erinnert er an Otto, und die Aufziehpuppe Otto Waalkes erinnert heute nicht mal mehr an sich selbst.Mittlerweile weiß jeder gebildete Mensch, dass Helge Schneider im eigentlichen Sinn Jazzmusiker sein möchte, aber als Jazzmusiker würde er nicht zehn Abende am Stück das Schiller-Theater ausverkaufen. So geistert er in der Zwangskostümierung des zu nichts entschlossenen Komikers durch die Konzertsäle, um ein bisschen seine Lieblingsmusik spielen zu können, ein zu kleines bisschen. Mit dem Schlagzeuger Pete York und dem Bassisten Jimmy Woode hat Schneider zwei ebenso erstklassige wie unterforderte Mitspieler engagiert. Der Brite York, Mitbegründer der Spencer Davis Group, und der Amerikaner Woode, einst bei Duke Ellington beschäftigt, folgen Schneiders hirnrissigen Conferencen mit eingefrorenem Grinsen. Die verstehen nix, sagt Schneider, also verstehen sie alles: "Tante Erna geht es wieder ganz gut, aber wen interessiert das schon." Kurz vor Schluss singt der Bassist Jimmy Woode, 73 Jahre alt, mit grippegeschwächter Stimme ein wunderbares "Georgia on my Mind". Plötzlich stirbt das Gelächter.POP-EYE/HEINRICH "Protestlieder sind eigentlich meine Stärke", findet Helge Schneider.

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