Klaus ist ein erklärter Fan von Patti Smith, Gianna Nannini, Sophie B. Hopkins und der irischen Sängerin Sharon Murphy, die kein Schwein kennt. Ich wäre so gerne zu Janis Joplin, Tamara Danz oder Alexandra gegangen. Statt unsere Herzenswünsche zu erfüllen, suchen wir Blödies ausgerechnet bei TINA den ultimativen Kick und sind völlig baff, wie viele Frauen im arg fortgeschrittenen Alter die tigermähnige Altrockerin anlockt, als gewähre das Rockspektakel ihnen Frischzellenkur. Zwischen den artigen Pärchen im Partnerlook, Großfamilien und schlicht gekleideten Männern, die vor allem Isomatten, Sitzkissen, Klappgestühl, Regenutensilien zu schleppen haben, fallen die angejahrten Ladys nachgerade vornehmlich auf. In Dreiergruppe oder als flotter Vierer sitzen die Grazien grauenhaft schnatternd in der U-Bahn. Von Station zu Station rücken immer mehr von ihnen in weißen Turnschuhen oder raffinierten Stiefeln an und füllen die Bahn mit Parfumgeruch und Geplapper. Nicht wenige Schmuckfragetten sind wie aus dem Ei gepellt, in Lack und Leder gehüllt. Oder sie tragen Schnürschuhe zu den extra ausgewaschenen Jeans, haben sich noch einmal die abgewetzte Motorradjacke übergeholfen oder diese extra nach altem Schnitt bei Lagerfeld schneidern lassen und den garantiert sondergefertigten Kleinstrucksack in Kilobrotgröße, der mit grellen Protznieten bestückt ist, geschultert. Im sonstigen Leben eher wohl situierte Hausfrauen, Rechtsanwältinnen, Zahnklempnergattinnen ziehen sie frankfrei als Gepardendouble oder Pferdeschwanzjodelei auf. Nicht wenige Frauenspersonen geben sich stramm fitnessgeübt mit die Stirn fest im Griff habendem Stretchband. Auf ihren durchweg schlank machenden dunklen Pullis fauchen uns unmissverständlich aus Goldfädchen oder Silberdraht ausgeführte Stickerein an. Das muss Stunden gekostet haben, sich so nicht wiedererkennbar zu präparieren. Raus aus der Bahn tönt eine auftoupierte Maid, während an ihren Handgelenken Unmengen Silberreifen klappern, wie toll es in der Meute ist, wo man gar nicht nachdenken, sondern einfach nur mitlaufen muss, wss glucksend bestätigt wird. Kurz vorm Stadion, das rollende Bierstübchen fest im Rücken, gaffen wir beide auf den närrischen Zug, der immer neuerlich Exemplare aus dem Mus-pott gebiert. Dem Tierheim entsprungen, stelzen mit Strahlegebiss, Funface und beträchtlichem Geschirr wie Beinschutz, Schulterhöcker, seitlichen Satteltaschen versehene, gestriegelte Kaltblutrösser an uns vorbei, dass unser Bier wiehernd aufschäumt. Andere wiederum sitzen in Selbsthilfezirkelmanier, Flaschenbier trinkend aufreizend am Wegesrand. Bauch haltend amüsieren uns die zugereisten Provinzhufchen (nie mehr als neun und nie weniger als sieben!), denen allesamt der viertägige Womanstyler anzusehen ist. Wir vermissen einzig und allein Angler, Hiphopper, Hunde, Radfahrer, Punks, brasilianische Karnevalsmasken, Transen und Sladdies, Revolutionäre à la Dutschke, Messner, Westerwelle. Und das Allerwichtigste: Mangel an Spaß. Hinter der Balustrade in FDJ-Blau getuchte Radisinnen, die einem lächerliche Geldgewinne unterjubeln wollen, fliegende Händler, die knallrote Kissen an amerikanisch-schweizerische Kampfreisegruppen feilbieten, Stände mit entwaffnend hässlichen T-Shirts von der röhrenden Platzhirschin des Abends, die ausschauen wie Footballhemden für Spastiker. Und ein heftiger Wurstgestank, der den galanten Geruch nach Friseur einfach übertrumpft, was immerhin ein von uns anerkannter Fakt ist. Das Gros der Vorbeitrottelnden gleicht bemerkenswert jedem Landei schon mal untergekommenen Theaterabonnenten. Maria-Christina und Helge heißen die aus dem Pulk der zuerst ernsthaften Ordner hervorstechenden fröhlichen Menschen, die uns exakt den Weg zur VIP-Tribüne weisen. Dort ist außer Koschwitz kaum ein Promi auszumachen, sieht man mal von den drei mit Ferngläsern bewaffneten Alt-Ostbluesern ab, die sich bei John Fogerthy ein paar Tricks abgucken. Unbegreiflich viele Sperlinge und Enkel von nicht angereisten Berühmtheiten rekeln sich hernach auf den überdachten Königssitzen. Trotz der bei den ersten Schmirgeltönen aufkochenden Massenhysterie kommt bei uns gar nichts. Kein Ekel, kein Hohn, kein Gefühl, so dass wir uns dankbar sind, als Klaus und ich zeitgleich & wortlos dem Ausgang zurennen, um endlich eine Regung zu verspüren.
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