Um den moralischen Maßstab eigenen Handelns zurückzugewinnen, ist es manchmal ganz nützlich, sich selbst in die Situation eines Verzweifelten zu versetzen. In die Lage einer Algerierin zum Beispiel, die nach 80 000 durchgeschnittenen Kehlen und zerschossenen Köpfen in ihrem Land die nackte Angst um sich und ihre Familie gepackt hat und flieht. Deutsche Innenpolitiker haben eine solche Phantasie nicht, und sie haben in der Flüchtlingspolitik offenbar auch keine Maßstäbe mehr. Sie haben nur rechtliche Kategorien, die das Gehirn zuverlässig vor Bedenken des Gewissens schützen. Und so konnten die Innenminister am Freitag verkünden, in Algerien herrsche kein Bürgerkrieg, weil es, so die absurde Begründung, nicht zwei Bürgerkriegsparteien gebe. Die Gefahr drohe nicht jedem einzelnen, sondern sei allgemeiner Natur, will sagen: man kann dort umgebracht werden, muß aber nicht. Deshalb könnten algerische Flüchtlinge weiter abgeschoben werden. Ein Land, das in diesem Jahrhundert massive Flüchtlingsströme ausgelöst hat, hat vergessen, was das Recht des Bedrohten ist und was die Pflicht des Gesicherten. Warum fahren deutsche Touristen nicht mehr nach Luxor? Warum arbeitet die deutsche Botschaft in Algier derzeit nur mit der halben Besatzung? Aus purer Angst. Aber die Frau, die sich und ihre Kinder nicht schützen kann, soll zurück.
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