Es ist noch keine vier Wochen her, daß ein abgelehnter Asylbewerber bei seiner Abschiebung aus Österreich zu Tode gekommen ist. Er erstickte an dem Klebeband, das ihn am Schreien und Beißen hindern sollte. Jetzt wiederholt sich der Fall in Deutschland. Abermals ist es ein Afrikaner, der als gewalttätig galt und deshalb an Händen und Füßen gefesselt, mit einem Motorradhelm gegen das Schreien und Beißen, ins Flugzeug gesetzt worden war. Auch er hatte keine Möglichkeit, von seinem Todeskampf Laut zu geben. Er starb stumm neben den Bundesgrenzschutzbeamten, die den behelmten Kopf während des Startes nach unten gedrückt hielten. Als sie ihn wieder aufrichteten, lebte er nicht mehr. Der Tod eines Asylbewerbers in der Obhut von Beamten ist ein Skandal. Mindestens ebenso skandalös aber ist die Reaktion der Öffentlichkeit. Worauf kann man in einem Staat überhaupt noch vertrauen, wenn es möglich ist, im Gewahrsam von Beamten, möglicherweise sogar unter ihrer Mitwirkung, sein Leben zu lassen? Zumindest müßte von grober Verletzung der Fürsorgepflicht gesprochen werden, warscheinlicher wohl von fahrlässiger Tötung. Was aber tut die Öffentlichkeit? Sie ruft nach dem Rücktritt des Innenministers oder beklagt reflexartig die Abschiebepraxis als "organisierte Unmenschlichkeit", wie es die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl getan hat.Das ist eine völlig unzureichende Reaktion, die den eigentlichen Kern der Unmenschlichkeit verfehlt. Er liegt nicht in irgendeiner unpersönlichen, gewiß verfehlten "Organisation" der Abschiebepraxis. Er liegt in der persönlichen Brutalität, Überforderung oder Fühllosigkeit der beteiligten Beamten. Ihre Schuld muß unnachsichtig aufgeklärt werden, ehe es überhaupt Sinn hat, nach einem Rücktritt des Ministers zu verlangen. Im übrigen ist ein solcher Rücktritt eine vergleichsweise harmlose Angelegenheit, die dem Ernst des Vorgangs vollkommen unangemessen ist; wenn sich denn überhaupt eine Verantwortung Otto Schilys feststellen läßt, der nach dem österreichischen Exempel noch einmal strenge Vorsicht bei der Anwendung von Zwangsmitteln angemahnt, in Sonderheit Knebelungen verboten hat. Hoffen wir, daß sich unter dem Helm nicht doch das eine oder andere Klebeband verborgen hat.Die Suche nach der politischen Verantwortung, die stets etwas Abstraktes hat, ist keineswegs so mutig, wie es der entsetzten Öffentlichkeit scheint. Sie ist ein höchst bequemer, in Wahrheit feiger Ausweg. Die mechanische Rede "von den tödlichen Folgen einer menschenunwürdigen Politik", in der sich Asylrechtskritiker gefallen, verschleiert den Sachverhalt mehr, als daß sie ihn erklärt. Niemand stirbt unmittelbar an den Folgen einer abstrakten Politik. Vielmehr muß jede Politik erst angewendet werden, und zwar von höchst konkreten Menschen. Auch der Tod des Sudanesen ist die konkrete Folge konkreter Handlungen konkreter Personen. Wir müssen uns also mit dem Charakter der Bundesgrenzschutzbeamten beschäftigen und der übrigen mit Abschiebungen befaßten Personen.Hier nun wird die Sache brisant. Denn der deutsche wie der österreichische Fall sind nicht die ersten dieser Art; zuvor gab es schon einen Todesfall in Belgien (durch Ersticken mit einem Kissen) und wiederum in Deutschland (durch Beruhigungsmittel). Jedesmal waren die Abzuschiebenden Afrikaner. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, daß zumindest unterschwelliger Rassismus mitgewirkt haben könnte. Es gibt eine Neigung der Öffentlichkeit, dem Gedanken an solche Motive auszuweichen; insbesondere wenn es sich bei dem Täter um einen einfachen Beamten, den sprichwörtlichen kleinen Mann handelt. Böse kann sich die Öffentlichkeit immer nur den Vorgesetzten, den Chef oder Minister vorstellen.Das ist ein Fehler. Auch Hitler und seine Führer hätten ihre Verbrechen nicht alleine verüben können; sie sind nur möglich gewesen durch Hunderttausende kleiner Leute, die bereitwillig mittaten. Vielleicht liegt in der Abneigung, sich dieses einzugestehen, der Grund für das reflexhafte Bestreben der Öffentlichkeit, den einfachen Mann von aller Schuld vorsorglich auszunehmen und sie "denen da oben" zuzuschieben. In einer Diktatur, im Militär mit seiner Befehlskette mag das noch angehen; einer Demokratie ist es in höchstem Maße unwürdig.
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