Mein Bruder kommt mich besuchen. Er ist Berufssoldat, Kampfretter, um genau zu sein. Das sind die Jungs, die im Ernstfall hinter feindlichen Linien aus dem Flugzeug springen, um hochrangiges Militärpersonal zu bergen und am Leben zu halten.
Wo, wenn nicht in unserer idyllischen Hauptstadt?
Da aktuell noch kein Ernstfall vorliegt, kann er die verschiedenen Notfallversorgungen nur in Simulationen üben, mit anatomischen Puppen zum Beispiel, oder Praktika in der Unfallchirurgie machen. Aus dem gleichen Grund kommt er nun nach Berlin – um für ein paar Tage und Nächte im Rettungswagen zu assistieren. Denn wo wäre die Wahrscheinlichkeit höher, so etwas Attraktives wie eine Stich- oder Schusswunde zu versorgen, wenn nicht hier in unserer idyllischen Hauptstadt?
Da er immer mit viel Gepäck und Ausrüstung unterwegs ist, reist er mit seinem Auto an. Das stellt uns vor die erste Herausforderung. Denn die Parkraumbewirtschaftung innerhalb des S-Bahn-Rings kann man nur als Piraterie bezeichnen. Zwei Euro pro Stunde müsste er hier abdrücken, was also auf 48 Euro pro Tag kommen würde. Einen Garagenplatz zu mieten oder auf der Suche nach parkfreien Zonen nach JWD zu fahren („janz weit draußen“), kommt mir unbequem vor. Zum Glück habe ich einen Einfall.
„Mensch, du kannst ja einfach bei mir in der Wohnanlage parken“, sage ich. „Wir haben einen großen Privatparkplatz hinterm Haus.“
„Aber sind die Plätze nicht reserviert?“
„Ja, schon. Aber daneben ist noch genug Platz. Da stellen Besucher oft ihre Autos ab.“
Während ich auf die Ankunft warte, beschleichen mich Zweifel. Die deutsche Seele ist ein kleinliches Ding, und wenn es darum geht, ihre Nachbarn zu malträtieren, macht ihr so schnell keiner was vor. Ich passe also den Herrn ab, der bei uns in der Anlage nur „der Blockwart“ genannt wird. Er hat keinerlei offizielle Funktion, außer der, die er sich selbst angemaßt hat. Man sieht ihn oft bei den Mülltonnen, wo er lautstark die ungenügende Mülltrennung und den damit verbundenen Sittenverfall beklagt. Steht auf dem Parkplatz ein unbekannter Wagen, strolcht er pausenlos drumherum und notiert sich das Nummernschild.
Als ich ihn nun vom bevorstehenden Aufenthalt meines Bruders in Kenntnis setze, erteilt er mir huldvoll seine Absolution. Der vorauseilende Gehorsam scheint ihm zu schmeicheln. Mein Bruder stellt seine Karre ab, wo sie keinem beim Wenden im Weg steht. In den folgenden Tagen vergewissern wir uns regelmäßig, dass mit dem Auto alles in Ordnung ist.
Brutal Berlin: Nichts ist so peinlich, wie der Morgen danach
Unterdessen fährt mein Bruder seine 12‑Stunden-Tagesschichten. Er holt Schlaganfall-Patienten vom Nachttopf, versorgt Verkehrsunfallopfer, kümmert sich um drogenabhängige Schlitzohren, die mit halbherzig simulierten Krampfanfällen versuchen, sich die nächste Benzo-Ration zu erschleichen.
Da er zwischen den Schichten nur jeweils zwölf Stunden freihat, wirkt er gegen Ende der Woche recht müde. Zwar ist er aus seiner Ausbildung zum Combat Medic wesentlich härtere Strapazen gewohnt, doch wird er eben wie wir alle nicht jünger. Zu guter Letzt steht noch eine Nachtschicht an, die er um 18 Uhr antritt. Ich gehe derweil in die Kneipe.
Wie ein Klimakleber in die Ausfahrt legen
Nachdem ich dort artig gepichelt habe, schlendere ich gegen Mitternacht wieder nach Hause. Ich bin guter Dinge – bis mir ein verräterisch gelbes Flackern auf unserem Parkplatz auffällt. Schnell eile ich um die Ecke, wo meine böse Vorahnung sich bestätigt. Zwei Kerle sind mit einem Abschleppwagen zugange, haben das Auto bereits am Haken.
„Ey, das könnt ihr nicht machen!“, rufe ich einigermaßen lahm.
„Ist schon geschehen.“
„Mein Bruder fährt die ganze Nacht ehrenamtlich im Rettungswagen und er braucht morgen sein verdammtes Auto.“
Natürlich beeindruckt das mein Gegenüber kein bisschen. Ich schätze mal, wer es sich zur Profession gemacht hat, andere Menschen zu „ficken“, kann sich nicht erlauben, sensibel zu sein.
„Dann sagt mir wenigstens, wo ihr den Wagen hinbringt.“
„Das können wir nicht“, sagt er und drängt sich an mir vorbei zur Beifahrertür seiner Schüssel.
„Warum? Ihr müsst doch wissen, wo ihr jetzt hinfahrt?“
„Rufen Sie morgen die Polizei an. Die klären das dann mit Ihnen.“
Kurz überlege ich, mich wie ein Klimakleber in die Ausfahrt zu legen und die beiden Straßenräuber am Wegfahren zu hindern. Ich ahne jedoch, dass diese der Promille geschuldete Idee nur noch mehr Ärger verursachen würde. Ich tue das einzig Vernünftige und gehe schlafen, auch wenn dieser Schlaf von unruhigen Träumen geplagt ist. Die ganze Zeit frage ich mich, wer uns verpfiffen hat.
Als ich morgens um sieben aufstehe, kommt mein Bruder gerade von seiner Schicht zurück. Über meine Neuigkeit ist er denkbar wenig begeistert. Gemeinsam rufen wir bei der Auskunfts- und Fahndungsstelle der Polizei an, wo uns ein Beamter erklärt, dass wir uns mit unserem Kennzeichen auf der Webseite des Abschleppdienstes anmelden sollen.
„Da müssen Sie dann bezahlen und können danach Ihr Auto holen.“
„Brauchen wir da nicht noch eine Freigabebescheinigung von Ihnen?“
„Nein, die Polizei hatte damit ja gar nichts zu tun.“
Mit Bus und Bahn durch Berlin: Die Hölle, das sind die Mitreisenden
Bittere Erkenntnis: Die Berliner gehen nur in die Philharmonie, um zu husten
Wir loggen uns also auf der Seite ein und empfangen das Urteil. Die Kosten belaufen sich auf 394 Euro, inklusive einer saftigen Nachtzulage. Erst nachdem wir dieses Lösegeld gezahlt haben, wird uns der Standort des Wagens mitgeteilt: Storkower Straße 140, ein wahrhaft gottverlassenes Fleckchen Erde.
Wir irren lange dort herum, zwischen leerstehenden Bürogebäuden und Wellblechhangars, die in der Sonne glühen. Weit und breit ist kein Autohof oder Ähnliches zu sehen. Endlich taucht vor einem der Hangars ein menschliches Wesen auf und unterrichtet uns davon, dass es keinen Autohof gibt.
„Schaut mal oben an der Straße, da stellen die die Wagen gewöhnlich ab. Ist mir auch schon ein paarmal passiert.“
In der Tat finden wir das Auto in einer Parklücke am Straßenrand. Im Grunde wurde es einfach geklaut und hier ohne weitere Umstände wieder abgestellt. Ein gutes Geschäftsmodell. Eine Interaktion mit dem Abschleppdienst ist nicht möglich.
So können wir auch nicht fragen, warum der Wagen, nachdem er schon drei Tage stand, ausgerechnet nach Mitternacht geholt werden musste, mit zusätzlichen Kosten. Aber genauso gut könnte man einen Kopfgeldjäger fragen, ob er so etwas wie ein Gewissen hat. Ich kann Ihnen deshalb nur empfehlen, einen GPS-Tracker in Ihrem Auto zu deponieren. Auf die Art können Sie diesem ehrenlosen Berufsstand ein Schnippchen schlagen. Darüber hinaus gibt es nur noch zu sagen: Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]