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„Absolutes Desaster“: Dieses Dokument bringt Holm nach AfD-Sieg in Erklärungsnot

Die AfD hat die Wahl in MV gewonnen. Trotzdem fällt die interne Bilanz vernichtend aus: Kampagnenleiter Daniel Fiß erhebt in einem Papier Vorwürfe gegen Leif-Erik Holm.

9 Min
Nach dem Sieg der AfD in MV ist einem Teil des Landesverbands nicht zum Feiern zumute.

Nach dem Sieg der AfD in MV ist einem Teil des Landesverbands nicht zum Feiern zumute.

© dts Nachrichtenagentur/imago

Nach außen feiert die AfD in Mecklenburg-Vorpommern ihren Wahlsieg. Hinter den Kulissen fällt die Bilanz deutlich härter aus. Dieser Zeitung liegt eine 25-seitige Analyse der Landtagskampagne vor, in der schwere Vorwürfe gegen die Parteiführung und insbesondere Ministerpräsidentenkandidat Leif-Erik Holm erhoben werden. Verfasst wurde das Papier von AfD-Kampagnenleiter Daniel Fiß, der es nach Informationen dieser Zeitung an den Landesverband und die Kreisvorstände verschickte.

Der Titel klingt zunächst nüchtern: „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Eine organisatorische und strategische Aufarbeitung der Kampagne 2026“. Doch schon auf der dritten Seite wird klar, wie grundsätzlich die Kritik ausfällt. Ein öffentlich formulierter Regierungsanspruch sei auf „organisatorische Dysfunktionalität“ getroffen. Die Chance auf eine Regierungsübernahme sei durch eine „unkoordinierte Doppelspitze, mangelnde Gremiendisziplin und fehlende Abstimmung verspielt“ worden, heißt es darin.

Das ist eine bemerkenswerte Bilanz für eine Partei, die erstmals stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern geworden ist. Während Holm am Montag in der Bundespressekonferenz von einem „grandiosen Wahlergebnis“ spricht und darauf verweist, dass das Ergebnis für sich spreche, zeichnet die interne Analyse ein vollkommen anderes Bild des Wahlkampfs.

Die Doppelspitze: „Ein absolutes Desaster“

Der Konflikt beginnt lange vor der eigentlichen Kampagne. Seit Oktober 2021 wird die AfD Mecklenburg-Vorpommern von Holm und Enrico Schult gemeinsam geführt. Für die Landtagswahl stellte sich deshalb früh die Frage, wer von beiden die Partei als Ministerpräsidentenkandidat in den Wahlkampf führen sollte.

Das Papier rekonstruiert einen erstaunlichen Vorgang: Demnach entschied sich der Landesvorstand bereits am 21. Juli 2025 für Schult als Spitzen- und Ministerpräsidentenkandidaten. Die Entscheidung stand allerdings noch unter dem Vorbehalt eines Landesparteitags. Schon damals habe sich eine „Bruchlinie“ zwischen unterschiedlichen Vorstellungen über die Kampagne und die Zukunft des Landesverbands geöffnet.

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Holm habe sich mit der Entscheidung nicht zufriedengegeben, heißt es weiter. Wenige Monate später entstand schließlich die ungewöhnliche Konstruktion, mit der die Partei in die Wahl zog: Holm trat als Ministerpräsidentenkandidat an, Schult als Spitzenkandidat auf Platz eins der Landesliste.

Das Urteil von Fiß darüber fällt vernichtend aus. Kommunikativ und organisatorisch sei diese Entscheidung ein „absolutes Desaster“ gewesen. In der Öffentlichkeit sei kaum verständlich gewesen, warum der Ministerpräsidentenkandidat nicht über die Landesliste abgesichert war, während der eigentliche Spitzenkandidat nicht in der direkten Konfrontation mit Schwesig stand. Bei Interviews habe die Konstruktion immer wieder Erklärungsbedarf produziert.

Ausgerechnet am Tag nach der Wahl verteidigt Holm dieses Modell noch einmal. Auf die Frage, ob die Doppelspitze ein Fehler gewesen sei, bezeichnet er sie als „Teamlösung“. Man habe Schwesig „in die Zange“ nehmen wollen. Das Ergebnis spreche für sich.

Fiß kommt in seiner Analyse zum gegenteiligen Schluss. Holm soll sich aus der Wahlkampfplanung zurückgezogen haben. Noch härter wird die Abrechnung bei der Frage nach Holms persönlicher Beteiligung am Wahlkampf. Schon im Sommer 2025 seien dem Landesvorstand umfangreiche Vorschläge zur strategischen und organisatorischen Vorbereitung vorgelegt worden. Doch zentrale Fragen von Zuständigkeiten, Budgets, Wähleransprache und Kampagnenstrategie seien zunächst kaum bearbeitet worden. Erst mit Dario Seiferts Amtsantritt als Generalsekretär im Mai 2026 habe die Planung aus Sicht von Fiß eine straffere Führung bekommen.

Leif-Erik Holm (l.), Ministerpräsidentenkandidat der AfD, und Enrico Schult (r.), Spitzenkandidat der AfD-Landesliste.

Leif-Erik Holm (l.), Ministerpräsidentenkandidat der AfD, und Enrico Schult (r.), Spitzenkandidat der AfD-Landesliste.

© Jens Büttner/dpa

Holm selbst habe sich dagegen „nahezu vollständig aus der operativen Kampagnenplanung zurückgezogen“, heißt es. Als Beispiel führt Fiß eine zentrale Chatgruppe zur Wahlkampfplanung an. Von mehreren hundert dort ausgetauschten Nachrichten stamme demnach lediglich eine einzige von Holm – die Bestätigung eines Termins mit dem Filmteam.

Teilweise seien Nachrichten von Holm tagelang nicht gelesen worden, eine nach Darstellung des Papiers sogar 16 Tage lang. Regelmäßige Abstimmungen zwischen Ministerpräsidentenkandidat und Kampagnenleitung habe es nicht gegeben. Die Bilanz von Fiß ist drastisch: Holm habe „weder strategische noch taktische Impulse in die Kampagne hineingebracht“.

Stattdessen beschreibt Fiß zwei weitgehend voneinander getrennte Strukturen. Während Landesvorstand und Kampagnenleitung den allgemeinen Wahlkampf organisierten, habe Holm mit einem eigenen Beraterkreis gearbeitet. Zwischen beiden Seiten habe es nur eine schwach ausgebaute Kommunikationsbrücke gegeben.

„Spontan, planlos und strategielos“

Dabei weist Fiß ausdrücklich die mögliche Interpretation zurück, Holm sei von innerparteilichen Gegnern ausgebremst worden. Der Ministerpräsidentenkandidat sei weder „sabotiert“ noch „aktiv isoliert“ worden. Vielmehr habe Holm selbst entschieden, „seine eigene MP-Kampagne ohne Kooperation mit dem Landesvorstand Mecklenburg-Vorpommern zu gestalten“.

Auch Holms Medienstrategie wird ins Visier genommen. Seine Videos hätten „spontan, planlos und strategielos“ gewirkt. Es habe an einem dauerhaften Social-Media-Management, professioneller Pressekoordination und einer langfristigen Inszenierung des Kandidaten gefehlt. Als Beispiel führt Fiß unter anderem ein Rodelvideo Holms an, das über Mecklenburg-Vorpommern hinaus für Spott gesorgt habe.

Wie mangelhaft die Abstimmung aus Sicht des Kampagnenleiters teilweise funktionierte, illustriert das Papier auch anhand einer geplanten Großveranstaltung in Schwerin. Dafür waren demnach 75.000 Euro vorgesehen. Zeitweise habe die Möglichkeit bestanden, rund 3000 Teilnehmer und beide AfD-Bundesvorsitzenden zusammenzubringen. Holm sollte binnen drei Tagen ein finales Konzept vorlegen. Die Frist sei jedoch ohne Rückmeldung verstrichen; letztlich habe man auf kleinere Veranstaltungen in Grimmen und Neubrandenburg zurückgegriffen.

Besonders brisant wird die Analyse dort, wo Fiß den öffentlich erhobenen Regierungsanspruch mit den tatsächlichen Vorbereitungen vergleicht. Zeitweise lag die AfD in Umfragen deutlich vor der SPD. Die Landtagsfraktion habe sogar ein Weiterbildungsprogramm organisiert, bei dem ehemalige Staatssekretäre und Regierungsmitarbeiter aus Deutschland und Österreich Wissen über Regierungsarbeit vermittelten. Auf Ebene der Parteiführung sei daraus nach Darstellung des Papiers jedoch kaum etwas entstanden.

Die Aufzählung liest sich wie eine Anklageschrift: „Kein Personaltableau“, keine Vorstellung über eine mögliche Rollenverteilung, kein Steuerungskonzept für das Verhältnis zwischen Regierung, Fraktion und Partei und kein Konzept zur Suche nach geeignetem Personal.

Das Urteil über Holm ist anschließend unmissverständlich. Ein Ministerpräsidentenkandidat, der seinem eigenen Landesvorstand in entscheidenden Fragen misstraue und eigene Kommunikationskanäle aufbaue, handle nicht im Interesse der Gesamtpartei. Dann folgt der vielleicht härteste Satz der gesamten Analyse: „Das ist Führungsschwäche und organisatorisches Versagen!“

„42 Prozent plus x“ – trotz gegenteiliger Umfragen

Auch die Kommunikation der eigenen Erwartungen nimmt Fiß auseinander. Die AfD hatte zeitweise die absolute Mehrheit beziehungsweise „42 Prozent plus x“ zum Ziel erklärt. Angesichts der damaligen Umfragewerte sei eine solche offensive Zielmarke zunächst noch nachvollziehbar gewesen. Spätestens als sich der Abstand zur SPD verkleinerte, hätte die Partei nach Ansicht von Fiß jedoch umsteuern und stattdessen das Ziel ausgeben müssen, stärkste Kraft zu werden.

Das Spitzenduo habe dennoch bis kurz vor der Wahl an einer Zielmarke festgehalten, die demoskopisch kaum noch erreichbar gewesen sei. Fiß bezeichnet dies als „fahrlässigen Umgang mit den Erwartungen“ der eigenen Anhänger.

Der grundsätzlichste Vorwurf: Zu sehr wie die CDU

Hinter der organisatorischen Abrechnung steckt allerdings noch ein grundsätzlicher politischer Konflikt. Fiß beschreibt den Wahlkampf von Holm und Schult als bewusst „defensiver und verbindlicher“. Beide seien weder als Hardliner noch als politische „Masseneinpeitscher“ aufgetreten. Mit diesem Stil sollte offenbar stärker in bürgerliche und unentschlossene Wählerschichten vorgedrungen werden.

Aus Sicht des Kampagnenleiters ging diese Strategie zu weit. Besonders bei der Fachkräfteeinwanderung sei kaum noch ein kommunikatives Alleinstellungsmerkmal gegenüber der CDU erkennbar gewesen. Auch Holms wiederholte Aussage, die AfD sei letztlich die „CDU vor 30 Jahren“, kritisiert Fiß ausdrücklich. Eine Partei mit 35 bis 40 Prozent in Ostdeutschland könne sich nicht dauerhaft als „nostalgische Imitation einer alten Volkspartei“ präsentieren.

Gerade in den Fernsehduellen mit Schwesig habe sich aus seiner Sicht gezeigt, wohin dieser Kurs führe. Holm sei defensiv aufgetreten, ein offensives Erzählkonzept habe gefehlt. Generell habe es weder ein gemeinsames Framing noch abgestimmte Talking Points oder eine konsistente Pressestrategie gegeben. Damit wird aus der organisatorischen Abrechnung eine politische. Hinter der Kritik an Holm steht auch die Frage, welchen Kurs die AfD in Mecklenburg-Vorpommern künftig einschlagen will.

Leif-Erik Holm während des Wahlkampfs auf dem Marktplatz von Bad Doberan.

Leif-Erik Holm während des Wahlkampfs auf dem Marktplatz von Bad Doberan.

© Chris Emil Janssen/imago

Welchen Wahlkampf Fiß stattdessen für erfolgreich hält, wird in seiner Analyse deutlich. Mehrfach stellt er Mecklenburg-Vorpommern die Kampagne in Sachsen-Anhalt gegenüber.

Die dortige Kampagne um Ulrich Siegmund wird geradezu überschwänglich beschrieben. Sie habe eine politische „Personenmarke“ geschaffen und stärker auf Pathos und Emotionalisierung gesetzt. Siegmunds Kandidatur sei zweieinhalb Jahre lang vorbereitet worden – mit einem eigenen informellen Stab, kontinuierlicher Medienbegleitung, Trainings und Bürgerdialogen.

Fiß benennt allerdings auch wesentliche strukturelle Unterschiede. Sachsen-Anhalt habe nach den der Analyse zugrunde liegenden Angaben mit einem Wahlkampfbudget von 1,4 Millionen Euro gearbeitet, hinzu seien rund 600.000 Euro Spenden gekommen. Mecklenburg-Vorpommern habe dagegen lediglich 650.000 Euro zur Verfügung gehabt.

Der Vergleich ist auch deshalb bemerkenswert, weil Holm ihn am Montag in der Bundespressekonferenz ausdrücklich zurückweist. Die Ausgangslagen seien völlig unterschiedlich gewesen, argumentiert er. Er selbst habe gegen die langjährige Ministerpräsidentin Schwesig antreten müssen, während Siegmund in Sachsen-Anhalt Sven Schulze gegenübergestanden habe.

Nicht alles lief schlecht

Ganz einseitig fällt Fiß’ Bilanz allerdings nicht aus. Die Kampagne 2026 sei möglicherweise sogar die „professionellste und modernste“ gewesen, die der Landesverband bislang organisiert habe.

Genannt werden unter anderem ein einheitlicheres Erscheinungsbild, eine bessere Materialversorgung der Direktkandidaten, tägliche Social-Media-Inhalte, ein externes Videoteam und eine neue Webseite. Die grundlegende Organisation habe im Wesentlichen geliefert, was zu Jahresbeginn geplant worden sei.

Gerade deshalb wiegt der zentrale Vorwurf von Fiß umso schwerer: Die verbesserten Strukturen hätten ihr Potenzial nicht voll entfalten können.

Am Ende seiner 25-seitigen Analyse formuliert der Kampagnenleiter konkrete Konsequenzen. Spitzen- und Ministerpräsidentenkandidatur sollen künftig nicht mehr getrennt werden. Führungskräfte sollen verbindlich an zentralen Planungsgremien teilnehmen. Ein Stabschef soll Kandidat und Kampagnenleitung miteinander verbinden. Social Media, Pressearbeit und Logistik sollen professionalisiert und personell voneinander getrennt werden.

Auch die Vorbereitung auf eine mögliche Regierungsübernahme soll künftig wesentlich früher beginnen. Wer einen Regierungsanspruch formuliere, müsse frühzeitig konkrete Personalüberlegungen für Ministerien und Staatssekretärsposten anstellen.

Für Holm dürfte allerdings ein anderer Punkt entscheidender sein. Er kann nach der Wahl auf Platz eins verweisen und darauf, dass das Ergebnis für seine Strategie spreche. Fiß und andere innerparteiliche Kritiker ziehen aus demselben Ergebnis eine nahezu gegenteilige Schlussfolgerung: Die AfD habe ihr vorhandenes Potenzial nicht ausgeschöpft.

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