Schwangerschaftsabbrüche

Abtreibungsgegner ziehen durch Berlin: Warum der „Marsch für das Leben“ so polarisiert

Abtreibung ist wohl eines der sensibelsten gesellschaftlichen Themen. Beim „Marsch für das Leben“ in Berlin treffen zwei unvereinbare Positionen aufeinander.

7 Min
Menschen in Berlin marschieren für das Leben: Eine Demonstration gegen Schwangerschaftsabbrüche.

Menschen in Berlin marschieren für das Leben: Eine Demonstration gegen Schwangerschaftsabbrüche.

© Sabine Gudath/Imago

Zwei Männer tragen die Jungfrau Maria auf einer Sänfte durch Berlin. Nein, Pfarrer seien sie nicht, sagen sie der Berliner Zeitung. „Einfach gläubige Katholiken.“ Warum aber gleich eine Marienfigur? Einer der beiden überlegt. „Auf einem Plakat sähe das komisch aus. Unpassend.“

Demonstration „Marsch für das Leben“: Mehrere Männer tragen die Heilige Maria auf einer Sänfte.

Demonstration „Marsch für das Leben“: Mehrere Männer tragen die Heilige Maria auf einer Sänfte.

© Jana Hermann/Berliner Zeitung

Es ist eine der auffälligeren Szenen beim „Marsch für das Leben“, der an diesem Samstag am Berliner Hauptbahnhof beginnt. Rund 2000 Menschen zählt die Polizei zu Beginn des Demonstrationszuges, angemeldet waren 5000. Organisiert wird der Marsch vom Bundesverband Lebensrecht, einem Zusammenschluss überwiegend christlich geprägter Organisationen. Viele Teilnehmer tragen Kreuze, religiöse Symbole und Plakate. Ihr gemeinsames Anliegen: der Schutz ungeborenen Lebens.

Die beiden Katholiken mit der Marienfigur begründen ihre Haltung mit ihrem Glauben. Menschliches Leben sei von der Zeugung an schützenswert. Und Verhütung? „Die Frage ist: Warum hat man Geschlechtsverkehr?“, antwortet einer. „Just for fun? Oder just for fun mit Ziel, es soll mehr draus werden?“

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Der Marsch startete nach einer Kundgebung am Hauptbahnhof, verlief an der Charité entlang und zurück zum Hauptbahnhof.

Der Marsch startete nach einer Kundgebung am Hauptbahnhof, verlief an der Charité entlang und zurück zum Hauptbahnhof.

© Jana Hermann/Berliner Zeitung

„Wir sind für das Leben“

Ein paar Meter weiter stehen drei junge Frauen, alle ungefähr 30 Jahre alt. „Wir sind für das Leben, deswegen sind wir hier“, sagt eine von ihnen auf Nachfrage der Berliner Zeitung, wieso sie demonstrieren. Sie halte es für Unrecht, dass ungeborenes Leben behandelt werde, als handele es sich lediglich um „Zellklumpen“.

Eine der Frauen erzählt von einer Freundin, deren Mutter damals in der DDR einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollte. In letzter Minute habe sie sich dagegen entschieden, erzählt die Demonstrantin. Das Kind von damals sei heute ihre beste Freundin. Es ist eine persönliche Geschichte, mit der sie ihre Haltung zum Schwangerschaftsabbruch begründet.

Andere Teilnehmer führen ihren Protest unmittelbar auf ihren Glauben zurück. Luis F. ist mit Freunden zum Marsch gekommen. „Ich bin heute hier, um mich gegen eine Sünde hinzustellen, die wir in der Gesellschaft akzeptiert haben“, sagt er. Es gehe um das „Nehmen von ungeborenem Leben“. Seine Haltung begründet er mit seinem Glauben: „Weil ich an Gott glaube.“

Luis F. demonstriert auf dem „Marsch für das Leben“ mit zwei Schildern.

Luis F. demonstriert auf dem „Marsch für das Leben“ mit zwei Schildern.

© Jana Hermann/Berliner Zeitung

Nicht jeder, der beim „Marsch für das Leben“ steht, teilt allerdings die Position der Veranstalter. Eine Hebamme erzählt, sie befürworte die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs – für sie sei das eine Frage der Selbstbestimmung. Trotzdem ist sie an diesem Samstag zum Marsch gekommen. Sie wolle sich auch die andere Seite anhören, sagt sie. Bei einem so kontroversen Thema könne es schließlich „nicht schaden, sich mit einer anderen Meinung auseinanderzusetzen.“

Warum das Thema so sensibel ist

Der Konflikt, der an diesem Samstag auf den Straßen Berlins ausgetragen wird, berührt sehr persönliche und grundsätzliche Fragen zugleich: Wann beginnt menschliches Leben, welchen Schutz muss der Staat ihm gewähren und wie weit darf er in die Entscheidung einer Schwangeren über ihren eigenen Körper eingreifen? Für die einen steht deshalb der Schutz ungeborenen Lebens im Mittelpunkt, für die anderen die körperliche Selbstbestimmung.

Auch die deutsche Rechtslage bildet diesen Konflikt ab. Schwangerschaftsabbrüche werden grundsätzlich in Paragraf 218 des Strafgesetzbuches geregelt. Nach Paragraf 218a ist der Tatbestand unter bestimmten Voraussetzungen nicht verwirklicht: Die Schwangere muss den Abbruch verlangen, eine vorgeschriebene Beratung mindestens drei Tage zuvor nachweisen, der Eingriff muss von einem Arzt vorgenommen werden und seit der Empfängnis dürfen nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sein. Daneben gibt es medizinische und kriminologische Indikationen.

Laut dem Statistischen Bundesamt wurden 2025 in Deutschland 105.710 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet, 96,2 Prozent davon nach der Beratungsregelung. 80 Prozent der Eingriffe fanden innerhalb der ersten acht Schwangerschaftswochen statt. In Berlin wurden 9720 Abbrüche bei Frauen mit Wohnsitz in der Hauptstadt registriert.

Ein Mann mit dem Schild „Ich bin stolz darauf, Vater zu sein“.

Ein Mann mit dem Schild „Ich bin stolz darauf, Vater zu sein“.

© Jana Hermann/Berliner Zeitung

Auf der anderen Seite

Nur wenige Meter entfernt zeigt sich, wie aufgeladen die Debatte ist. Rund 800 Menschen protestieren gegen den „Marsch für das Leben“. Auf der Gegendemo für körperliche Selbstbestimmung stehen vor allem jüngere bis mittelalte Menschen, auffällig viele Frauen. Die meisten haben ihre Gesichter vermummt, tragen Sonnenbrillen oder beides.

Die Gegendemonstration zum „Marsch für das Leben“ mit Sängerin Nyya.

Die Gegendemonstration zum „Marsch für das Leben“ mit Sängerin Nyya.

© Jana Hermann/Berliner Zeitung

Vor einem Van tritt die Sängerin Nyya auf. Einem breiteren Publikum wurde sie durch einen umstrittenen Auftritt bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des islamistisch motivierten Anschlags auf den Berliner CSD bekannt: Mit Blick auf den damaligen Täter sagte sie, ihr wäre lieber gewesen, dieser wäre ein „weißer Christ“ gewesen. Beim Gegenprotest an diesem Samstag sagt Nyya: „Wir müssen einander beschützen.“ Transfrauen bezeichnet sie als „die verletzlichsten Mitglieder unserer Gemeinschaft“.

Abseits ihres Auftritts ist die Distanz spürbar. Auf die Frage, warum sie hier demonstrieren, antwortet eine Gruppe zunächst: „Das kannst du nachlesen.“ Eine andere Person verweist auf Infomaterial. „Ich weiß nicht, ob ich mit dir sprechen will, ich fühle mich damit nicht so wohl“, sagt eine Frau der Berliner Zeitung.

Splittergruppe einer Gegendemonstration gegen den „Marsch für das Leben“.

Splittergruppe einer Gegendemonstration gegen den „Marsch für das Leben“.

© Jana Hermann/Berliner Zeitung

Andere wollen reden. Vier Frauen erzählen, sie kämen jedes Jahr, „weil die da drüben auch jedes Jahr ihre Demo machen“. Ihr Motiv: „Selbstbestimmung“. Eine von ihnen sagt, Menschen sollten das Recht haben, eine Schwangerschaft zu beenden – ihrer Ansicht nach „ganz gleich, in welchem Stadium der Schwangerschaft“. Damit vertritt sie eine Position, die deutlich über die geltende deutsche Beratungsregelung hinausgeht.

„Ich liebe Kinder, ich habe nie abgetrieben“

Persönlicher wird es bei einer 40 Jahre alten Berlinerin, die mit ihrem vierjährigen Kind bei der Gegendemo sitzt und an einem Plakat eine Zwei malt. Sie stehe für zwei Menschen, die an diesem Samstag eigentlich dabei sein sollten, erklärt die Berlinerin: ihr 16-jähriges Transkind, das mit einer Erkältung im Bett liege, und ihre 83 Jahre alte Mutter, die im Sterben liege.

Gegendemo zum „Marsch für das Leben“. Plakat einer Teilnehmerin.

Gegendemo zum „Marsch für das Leben“. Plakat einer Teilnehmerin.

© Jana Hermann/Berliner Zeitung

Eigentlich habe die Familie gemeinsam demonstrieren wollen. „Wir wollten hier mit drei Generationen auftreten“, erzählt sie. Es sei ihr Wunsch gewesen, „mit drei Generationen, mit drei Geschlechtern, Jungs, Mädchen, Frauen und Trans hier heute aufzutreten“ und für „absolute Selbstbestimmung und körperliche Selbstbestimmung“ einzustehen. Als sie von ihrer Mutter erzählt, beginnt sie zu weinen.

Mit einem Aktionstag unter dem Motto "Es reicht! Sichere und legale Schwangerschaftsabbrueche - JETZT!" haben Teilnehmende der Gegenproteste zum „Marsch fuer das Leben“  aufgerufen.

Mit einem Aktionstag unter dem Motto "Es reicht! Sichere und legale Schwangerschaftsabbrueche - JETZT!" haben Teilnehmende der Gegenproteste zum „Marsch fuer das Leben“  aufgerufen.

© Hans Scherhaufer/epd

Sie selbst hat drei Kinder und nach eigener Aussage nie eine Schwangerschaft abgebrochen. „Ich liebe Kinder, ich habe nie abgetrieben, aber ich bin für die Möglichkeit“, sagt sie. Auf Nachfrage nennt sie Vergewaltigung, Krankheit oder fehlende finanzielle Mittel als mögliche Gründe. „Es geht eben nicht nur um das Leben eines Embryos, sondern es geht um das Leben der Mutter oder aber des schwangeren Menschen.“

Kaum Störung und Meinung zur Gegendemonstration

Luis F. hat beim „Marsch für das Leben“ zuvor eine vergleichsweise nüchterne Antwort auf die Frage gegeben, was er von der Gegendemonstration hält. „Jeder hat das Recht, zu demonstrieren“, sagt er. „Deswegen sind auch wir heute hier.“

Die Proteste verliefen weitestgehend friedlich bis auf einen Vorfall. Nach Polizeiangaben verschafften sich 30 bis 40 Menschen Zutritt zur Charité, mutmaßlich um den Demonstrationszug zu blockieren. Die Polizei stellt Personalien fest und ermittelt wegen des Verdachts des Hausfriedensbruchs.

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