Achter Karneval in Berlin: Eine Million Menschen säumten die Strecke in der City-West

Der Kudamm tanzt

Claudia Fuchs
4 Min

Seit Rolf Vieting weiß, wie schmerzhaft es sein kann, mit Süßigkeiten beworfen zu werden, ist er vorsichtig: "Ich hab mal eine Tafel Schokolade an den Kopf geworfen bekommen. Das tat sehr weh." Vieting, seines Zeichens Zugmarschall, warf deshalb vom Wagen der Stadtgarde Rot-Gold weder Bonbons noch Schokolade - er brachte Papiertaschentücher unters Volk. "Die fliegen gut und tun nicht weh", begründete er.Ob die vielen Wartenden an der Strecke des Berliner Karnevalsumzugs nicht doch lieber eine Schokolade an den Kopf bekommen hätten, sei mal dahingestellt - unglücklich sahen sie aber trotzdem nicht aus. Der achte Berliner Karneval, der wegen der Bauarbeiten Unter den Linden bereits zum zweiten Mal seine angestammte Strecke verlassen musste und durch die City-West führte, lockte gestern bei strahlendem Sonnenschein nach Angaben der Veranstalter rund eine Million Schaulustige an - ähnlich viele wie im vergangenen Jahr.Die 5,8 Kilometer lange Strecke, die von der Hardenbergstraße über Wittenbergplatz, Tauentzien, Kudamm und zurück bis zur Joachimsthaler Straße führte, war gesäumt mit winkenden, singenden, tanzenden und jubelnden Menschen, die bei jedem der 60 Wagen die Hände in die Luft reckten, um die Kamellen aufzufangen. Kostümiert waren aber die wenigsten Zuschauer. "Wir sind nur wegen der Kinder hier", sagte eine Frau, die mit ihrem Mann und den Enkeln aus Wilmersdorf gekommen war. "Karneval gehört ja eigentlich an den Rhein", sagte sie. "Wahrscheinlich sind die Berliner zu stur dafür." "Wir gucken nur, da braucht man keine Verkleidung", sagte ein älterer Mann, der mit seiner Frau am Breitscheidplatz stand und auf die Bonbon-Werfer wartete. Er hatte extra einen alten Schirm aufgespannt, um besser Bonbons fangen zu können. "Das geht gut, das haben wir vergangenes Jahr auch gemacht."Bei den Jecken auf den Wagen kamen solche Schirme allerdings nicht gut an. "Es gibt zwei Regeln beim Werfen", erklärte eine Jeckin von der Stadtgarde Rot-Weiß. "Nicht in die Schirme werfen, und nicht, wenn der Wagen steht."Wie man auch ohne Regenschirm an viele Süßigkeiten kommt, demonstrierte eine Neuköllner Familie, die an der Bayreuther Straße die Karnevalsstrecke säumte: Nach jedem Wagen fegte der Familienvater mit einem kleinen Besen eilig die Straße. "Eigentlich sollte das ja unser Sohn machen", sagte er. "Dafür muss er jetzt die Süßigkeiten mit mir teilen."Am Abend eines langen Tages war der Berliner Karnevalsprinz Martin I. zufrieden: "Wir sind stolz auf diesen Zug. Es gab mehr Verkleidete als sonst."------------------------------Und so geht's weiterRosenmontag: Bei der StäV-Karnevalsparty im 2Be Club, Ziegelstraße 23 in Mitte, legt ein DJ aus Bonn rheinische Karnevalsmusik auf. Ab 15 Uhr, Karten an der Abendkasse zehn Euro.Faschingsspaß mit einem Konzert von Ulf & Zwulf gibt es für Kinder ab drei Jahren auf der Astrid-Lindgren-Bühne im FEZ Wuhlheide. Ab 10.30 Uhr, Tickets fünf Euro.Im Kulturhaus Wabe, Danziger Straße 101, veranstaltet das Musiktheater "NobelPopel" eine Party für Kinder mit Techno und Rock'n'Roll, Wett-Essen und Stopptanz. 10 Uhr, Karten vier Euro.Fastnachtsdienstag: Der Karnevalsverein "Fidele Rixdorfer" richtet im Neuköllner Keglerheim, Mareschstraße 6, ein Kappenfest aus. Bei rheinischem Liedgut werden die gesammelten Orden abgelegt und die Narrenkappen auf den Boden geworfen. Das Berliner Prinzenpaar kommt gegen 22 Uhr. Ab 19 Uhr, Eintritt frei.Beim Kostümball in Clärchens Ballhaus, Auguststraße 24 in Mitte, werden Tango, Walzer, Cha-Cha-Cha und Schwoof getanzt. Ab 20 Uhr, Eintritt freiAschermittwoch: Den 4. Politischen Aschermittwoch in der Arena Treptow, Eichenstraße 4, bestreiten die Kabarettisten Rainald Grebe, Matthias Deutschmann, Wiglaf Droste, Arnulf Rating und andere. Ab 20 Uhr, Karten ab 21,50 Euro an der Abendkasse oder unter Tel. 01805 - 44 70.------------------------------Foto: So schön verkleidet wie Caroline (l.) und Ricarda war nur wenige. Die meisten Karnevalsbesucher waren ohne Faschingskostüm gekommen.------------------------------Foto: Rund eine Million Menschen säumten die 5,8 Kilometer lange Strecke.------------------------------Foto: Teuflisch: Karl-Heinz Schüler aus Biesdorf kam mit Maske und Umhang. "Ich finde das schön", sagte er. "Andere auch: Ich werde oft fotografiert."------------------------------Foto: Kindlich: Jacqueline Tetz aus Charlottenburg kam im Pippi-Langstrumpf-Kostüm. "Das macht mich jünger", sagte die 38-Jährige. Sie war bereits beim Karneval in Köln - dort aber als Teufel.------------------------------Foto: Tierisch: Nico Kub (6) aus Charlottenburg kam als Pooh, der Bär, und steckte in einem wärmenden Fellkostüm. "Nur die Schminke juckt", klagte er. Die Maskerade war so perfekt, dass sich Nico im Spiegel nicht erkannte.------------------------------Foto: Lustig: Hans-Dieter Bednarek, gebürtiger Kölner, und seine Schwiegertochter Stefanie kamen als Clowns. "Meine Schwiegertochter hat extra Theaterschminke besorgt", sagte der Mann aus Lichterfelde. Sollte ja alles perfekt aussehen.

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