Debatte

„Applaudieren Sie niemals einem Palästinenser“: Adania Shiblis Auftritt in Berlin

Die palästinensische Autorin wird auf der Bühne des Festspielhauses sehr empathisch befragt. Es geht nur um Worte, nicht um Politik.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
3 Min
Priya Basi (l.), die Moderatorin, und Adania Shibli, die Autorin

Priya Basi (l.), die Moderatorin, und Adania Shibli, die Autorin

© Bernhard Ludewig/Internationales Literaturfestival Berlin

Diese Lesung beim Internationalen Literaturfestival Berlin ist anders als andere. Klar, die Autorin kommt, um ein neues Buch vorzustellen, den Roman „Täuschung“, erschienen bei Hanser. Sie liest ein Stück daraus auf Arabisch, dann trägt die Schauspielerin Martina Hesse eine längere Passage auf Deutsch vor, während der Text auf der großen Leinwand im Haus der Berliner Festspiele auf Englisch und Deutsch eingeblendet ist. Es wird noch weitere Lesepassagen geben während der anderthalb Stunden am späten Mittwochabend.

Eine Täuschung

Es liegt eine Spannung über dem Abend, aber keine Unruhe. Zu Gast ist Adania Shibli – jene Autorin, die vor drei Jahren im Rahmen der Frankfurter Buchmesse für ihr Buch „Eine Nebensache“ geehrt werden sollte. Der Termin war so kurz nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel höchst ungünstig, denn Shibli schreibt in dieser Doppelnovelle vom Lebensgefühl einer Palästinenserin und einem frühen Verbrechen israelischer Soldaten an einer jungen Frau. Ein mit kleinen politischen Zeichen operierendes literarisches Werk wurde zum brisanten Politikum, zumal Adania Shibli selbst sich dazu nicht äußern wollte.

Shibli sagt in dem auf Englisch geführten Gespräch mit ihrer Schriftstellerkollegin Priya Basil, dass sie lange über den Titel ihres Buches nachgedacht habe. Aber im Laufe des Zuhörens kann einen das Gefühl beschleichen, dass auch der Abend selbst der Täuschung dient.

Er ist zwar einerseits wunderbar literarisch, wenn den Wandlungen der Figuren im Roman nachgespürt wird, die in diesem Gespräch eher nach natürlichen Metamorphosen klingen als nach politisch und gesellschaftlich bedingten Veränderungen. Es klingt poetisch, wenn all die Früchte und Pflanzen erwähnt werden, die im Buch eine Rolle spielen.

Die verbotenen Wörter

Warum Shibli so metaphorisch schreibt? „Ich bin auch Bauer oder Klempner mit der Sprache“, sagt sie, was zunächst grob klingt. Aber sie führt aus: Im Arabischen gebe es kein Wort für „Landbesitzer“, denn man habe eine organische Beziehung zum Land, es gehöre zur Familie. Die kapitalistischen Verhältnisse mit Besitz und Papieren seien erst durch die Siedler gekommen. Sie macht dann noch eine Andeutung: Die Dichterin Alaa Alqaisi habe davon geschrieben, aber sie hätte eines von den zwanzig verbotenen Wörtern benutzt. Die Moderatorin fragt nach. Adania Shibli sagt zum Publikum: „Das können Sie selbst raten, welche Wörter das sind.“

Das neue Buch erzählt von zwei Menschen in Palästina, Mann und Frau. Im Gespräch deuten nicht viel mehr als die Worte „Haft“ und „hebräisch“ auf den Konflikt hin, der in den Roman eingewoben ist. Als  die Veranstaltung zu Ende ist und das Publikum klatscht, sagt Shibli: „Danken Sie nur Priya und Martina, denn Sie wissen doch: Applaudieren Sie niemals einem Palästinenser.“

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