Mode

Adlon, Borchardt, Klebenägel: Gemischte Gefühle auf den Partys der Fashion Week

Turbulente Partys in der Modeszene – gibt es die auch bei der Berliner Fashion Week? Ein Zwischenstand.

Franka Klaproth Lenja Stratmann
6 Min
Die Mercedes-Benz-Fashion-Week eröffnete mitten in Mitte im Hotel Telegraphenamt.

Die Mercedes-Benz-Fashion-Week eröffnete mitten in Mitte im Hotel Telegraphenamt.

© dpa/Britta Pedersen

Im Hotel Telegraphenamt in Mitte ist alles für die Creators Night vorbereitet. Creators, das sind nicht nur Modemacher, sondern auch Social-Media-Stars, die mittlerweile bei keinem Event mehr wegzudenken sind. Mehrere Räume des Hotels wurden zur Ausstellungsfläche und Partylocation. Kellner servieren knallgrüne Apfel-Vodka-Drinks. Um 20.30 Uhr ist es noch ruhig, die Musik wummert etwas Stimmung in den Raum, aber es fehlen die, um die es geht. Einer aus der überschaubaren Menge sagt leise: „Die Night ist da, aber die Creators fehlen.“ Zumindest einer ist da: Der Sänger der Black Eyed Peas, will.i.am. Er steht lässig neben seinem Auto. Es ist Montagabend und wir sind auf der Eröffnungsveranstaltung im Telegraphenamt.

Will.i.am ist ebenfalls ein Creator, er hat den Mercedes „The Flip“ gestaltet. Neben dem Sportwagen hat er auch eine vom Mercedesstern inspirierte Kleiderkollektion namens „Bear Witness“ herausgebracht. Er steht die meiste Zeit des Abends direkt neben seinem Wagen und beantwortet Fragen zum Auto. Er sagt Dinge wie: „Für mich ist die Zusammenarbeit die Erfüllung eines persönlichen Traums und ich möchte damit andere inspirieren und ermutigen.“ Wenn er gerade nicht solche Dinge sagt, bleibt er zurückhaltend. Wer ihn nicht kennt, könnte den Popstar fast übersehen – hätte er nicht so eine auffällige Brille auf, die er ebenfalls selbst designed hat.

Will.i.am mit eigenem Showcar und limitierter Brille

Die Berlin Fashion Week wurde an jenem Abend vor 300 Gästen eröffnet. Doch zur 23. Ausgabe der Modewoche in Berlin gehören nicht nur die Runway-Shows, sondern auch die Partys, die durchwachten Nächte, die schönen Kleider, die hohen Absätze, die spät in Taxis verschwinden: Nein, nicht ins Hotel, zur nächsten Party. 

Will.i.am und der „Flip“-AMG

Will.i.am und der „Flip“-AMG

© dpa/Britta Pedersen

Streng genommen war auch die erste Fashionshow des Berliner Labels MYL BERLIN bereits eine Party: Der Runway startete um 00:01 im Kühlhaus und ging anschließend nahtlos in eine Aftershowparty über. Schlafmangel vom ersten Tag an. Parallel gab es am Montagabend weitere Partys, auch die offizielle Eröffnung der Berlin Fashion Week 2022 im Borchardt.

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Inzwischen ist es 21:30 Uhr und der US-Sänger will.i.am sitzt noch immer neben seinem Auto, von irgendwoher kommt plötzlich Stefanie Giesinger und posiert vor dem silbernen Mercedes-AMG. Sie gewann 2014 die Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ und hat rund vier Millionen Instagram-Follower. Von drinnen ist leise der Song „Losing it“ von Fisher zu hören, ein paar tanzen tapfer, aber niemand verliert sich auf dieser Party. Dabei hätten Location und Aufwand einiges mehr versprochen. Will.i.am jedenfalls geht jetzt ins Grill Royal.

Die selbst designte Brille des Sängers fällt auf jeden Fall auf.

Die selbst designte Brille des Sängers fällt auf jeden Fall auf.

© dpa/Britta Pedersen

Müssen wir über seine Brille sprechen? Will.i.ams Brille ist nicht zu verkaufen, aber gehört wohl trotzdem zu den begehrtesten Objekten der Fashion Week. Ihre Form erinnert an Experimente im Chemieunterricht, auf dem Glas befinden sich futuristische Schriftzüge in Grau und Neongelb. Es gibt nur drei Exemplare weltweit, wie er einem anderen Creator mitteilte, der sie haben wollte. Dafür ist will.i.ams Jacke Teil seiner „Bear Witness“-Kollektion, man konnte sie für über 2000 Euro im Internet erwerben, mittlerweile ist sie ausverkauft.

Häppchen im Borchardt, tanzen in der Odessa Bar

22 Uhr am Gendarmenmarkt: Das Borchardt öffnet. Wer geladen ist, erhält ein Bändchen und betritt das Lokal. Es ist auch noch lange nach den Eröffnungsreden von Staatssekretär Michael Biel und Christiane Arp vom Fashion Council Germany noch reichlich Betrieb. Die Kellner, die sonst die 30-Zentimeter-Schnitzel mit Kartoffelsalat durch die Gesellschaft tragen, haben wie im vergangenen Jahr ihre Mini-Häppchen-Versionen davon auf kleinen Tellerchen, die sie den stehenden Gästen mit einer Kuchengabel überreichen.

Den Espresso Martini für 16 Euro gibt es an diesem Abend zwar nicht, dafür aber kostenlose Longdrinks, reichlich Schampus und Wein. Der überdachte Außenbereich hinter dem Hauptsalon ist voller Menschen. Dort stehen Designer wie Jean Gritsfeldt, den man morgens im Berliner Salon gesehen hat, Modefotografen wie Christian Schuller, der auch für Heidi Klums Castingformat „Germany’s Next Topmodel“ im Einsatz war, die Models, die eben noch auf dem Laufsteg waren, sowie die Schauspieler Matthias Schweighöfer und Heike Makatsch.

Der Style der Gäste: Von futuristischem Industrial bis hin zu elegantem Chic ist alles zu sehen. Um Mitternacht ist es immer noch voll, nur will niemand tanzen. Dafür raunt man sich zu, wo man jetzt eigentlich sein müsste: Odessa Bar. Und richtig, dort tanzt Stefanie Giesinger längst lässig mit Glas in der Hand. Die Odessa Bar in der Torstraße ist für Partys bis zum Morgengrauen bekannt, an diesem Montag enttäuschte sie nicht.

Stefanie Giesingers Look am Montag: metallische Elfenohren und Zöpfchen.

Stefanie Giesingers Look am Montag: metallische Elfenohren und Zöpfchen.

© dpa/Britta Pedersen

Am Dienstag geht es im Adlon Kempinski weiter 

Dienstagabend, 18 Uhr, Hotel Adlon, Unter den Linden. Hier wird die Kollektion der Modedesignerin Anja Gockel gefeiert. Vor dem überdachten Eingang des Luxushotels liegt ein roter Teppich aus. Mehrere Menschen stehen beieinander, rauchen und lachen, sie haben Champagnergläser in den Händen. So weit, so gewohnt. Doch etwas ist anders als auf anderen Veranstaltungen der Fashion Week: Die Handtaschen sind ausgefallener, die Schuhe höher, die Kleider der Frauen schriller. Wer hier vorbeiläuft, sieht sofort das alte Berlin, das ganz laut ruft: Seht her, mich gibt es noch!

Aber auch die junge Generation hat es zum Teil hierher verschlagen. Eine Frau fällt besonders auf: die 21-jährige Autorin Valentina Vapaux. Sie ist heute in einem kurzen, schwarzen Tüllkleid hier. Sie kennt sich gut aus mit den Themen und Lebenswelten der Gen Z. Sie sagt, in Mailand und Paris könne jeder sehen, wie sich zeitgenössische Mode und Jugendkultur gegenseitig inspirieren. „Beispiele dafür seien Vetements, Balenciaga, Prada und Miu Miu“, sagt sie, „in diesen Brands finde man junge Pop- und Subkulturen wieder.“ In Berlin existiere dieser Austausch zwischen den zwei Welten bisher nicht. „Ich habe das Gefühl, dass die Berliner Fashion Week sehr losgelöst ist von globalen Modetrends.“ Hier gebe es Techno-Laufstege, ans Berghain angelehnt, aber: „Das wirkt für mich eher erzwungen, wie Aneignung, aber nicht wie authentische Inspiration.“ Vielleicht ist sie bisher auf den falschen Events gewesen?

Im Humboldt-Forum: Die Party für Dawid Tomaszewski 

20 Uhr, Humboldtforum. Die Party steigt im vierten Stock. Hier gibt es auch eine Dachterrasse mit grandiosem Blick über Mitte. Das Publikum ist deutlich jünger, was sich auch im Kleidungsstil bemerkbar macht: Viele Männer lassen sich schminken, tragen feminine Blusen und ausgestellte Hosen. Diese Party scheint vor allem der Ort für eines zu sein, nämlich für Make-up-Marketing: Gelnägel, falsche Wimpern, Eyeliner und Hautpflegeprodukte werden hier en masse verschenkt.

Nägel noch und nöcher im Humboldtforum.

Nägel noch und nöcher im Humboldtforum.

© Lenja Stratmann

Damit auch niemand leer ausgeht, werden am Ende noch einmal große Goodie-Bags mit den Beauty-Produkten verschenkt. Außerdem gibt es Eiscreme, Crémant und Säfte, die Detox vom Exzess versprechen – mit Wassermelone, Roter Bete und Minze. Wer seinen Körper in den vergangenen Tagen mit Alkohol und anderen Drogen geflutet hat, kann sich hier zumindest ein paar Vitamine abholen. Damit man auch die nächsten Nächte der Fashion Week noch durchhält.

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