Ärger um Sanierung der East Side Gallery. Einige Künstler wollen mehr Geld und drohen damit, ihre Bilder nicht neu zu malen

Künstlerzwist statt Bruderkuss

Eva Dorothée Schmid
6 Min

An der East Side Gallery sind wieder Mauerspechte unterwegs. In Zweiertrupps, ausgerüstet mit Bohrhammer und Mundschutz, machen sie sich an dem größten in Berlin verbliebenen Stück Mauer zu schaffen. Auf dem Asphalt liegen häufchenweise Mauerstücke, garantiert originale, allerdings ohne Bemalung. Einer der Mauerspechte erzählt, dass manchmal Touristen einen Euro durch den Bauzaun reichten, im Tausch gegen ein Mauerstück. "Das ist ein schöner Zuverdienst", meint er. Manchmal verschenke er die Brocken aber auch.Eigentlich ist der junge Mann Bauarbeiter. Die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery wird gerade saniert. Auf 400 Meter Länge wurde die Malerei mit einem Dampfstrahler entfernt, jetzt legen Arbeiter die zum Teil verrosteten Metallstangen im Inneren des Betons frei - und dabei müssen Teile des Betons abgeschlagen werden. Der Rost wird entfernt, andere Arbeiter verspachteln die Löcher anschließend mit Spezialbeton, der mit Glasfasern verstärkt ist. Danach kommt ein Oberflächenschutz drauf, damit nicht wieder Wasser eindringen kann und ein Malgrund. Nach Ostern, am 14. April, kommen dann die ersten Künstler, um ihre Bilder wieder neu zu malen. Bis zum 9. November soll alles fertig sein.So ist zumindest der Plan. Doch nicht alle 118 Künstler, die 1990 Bilder an die Mauer gemalt haben, sind damit einverstanden. Dmitri Vrubel, der den berühmten Bruderkuss von Breschnew und Honecker gemalt hat, äußerte sich vergangene Woche erbost über das Verschwinden seines Bildes und lehnte es ab, das Gemälde neu zu malen. Für Kani Alavi von der Künstlerinitiative East Side Gallery, der mit der Betreuung der Künstler beauftragt wurde, war das ein Werbegag. Vrubel mache in Berlin eine Ausstellung und wolle Aufmerksamkeit. "Er hat versprochen, in der ersten Juniwoche zu kommen und sein Bild neu zu malen", sagt Alavi. 2000 habe Vrubel das Bild schon einmal neu gemalt. Vrubels Galeristin, die noch eine weitere russische Künstlerin vertritt, sagt dagegen, noch sei nichts entschieden.Neben Vrubel ist auch Bodo Sperling aus Heppenheim nicht einverstanden mit dem Sanierungs-Procedere. Er hat fünf Künstler um sich geschart, darunter Jim Avignon. Sperling kann die Kalkulation nicht nachvollziehen. Für die Wiederherstellung der Bilder stehen 985 000 Euro zur Verfügung. 100 000 Euro davon sind für ein Gerüst vorgesehen, 128 520 Euro für die Farben und 64 000 Euro für die Betreuung der Künstler durch Alavis Künstlerinitiative. Sperling kritisiert, das Gerüst sei völlig überflüssig, ja sogar hinderlich. Farben bester Qualität könne man nach seinen Recherchen für 35 000 Euro bekommen, und dass Alavis Initiative 64 000 Euro erhalte, sei nicht gerecht. "Das vorhandene Geld muss für die Künstler zur Verfügung stehen, und zwar für alle in gleicher Weise", so Sperling. Er und die anderen fordern 15 000 Euro Honorar. Vorgesehen ist eine Aufwandsentschädigung von 3 000 Euro. "Wir hatten nichts vom Merchandising, mit dem Millionen verdient wurden, und deshalb sollten die Künstler nach 20 Jahren gerecht beteiligt werden", sagt er. Alavi entgegnet, einige Künstler seien inzwischen über 80, deshalb werde ein Gerüst benötigt. Von den 64 000 Euro würden für ein Jahr lang drei Stellen finanziert für drei Leute, die die Künstler ausfindig machen und kontaktieren, Unterkünfte und Visa besorgen, sie in Berlin betreuen und die Arbeit dokumentieren. Eine der Stellen hat Alavi, der sich seit Jahren ehrenamtlich für die Sanierung der East Side Gallery eingesetzt hat.Sperling und Co. drohen damit, dass sie ihre Bilder nicht malen, sollte man ihnen nicht entgegenkommen. Sie haben der Künstlerinitiative und der S.T.E.R.N. GmbH, Trägerin der Sanierung, schriftlich untersagt, ihre Werke zu beschädigen, zu entfernen oder jemandem den Auftrag zu erteilen, sie zu reproduzieren. Bei Zuwiderhandlung drohen sie mit rechtlichen Schritten. 85 Künstler hätten die Verträge dagegen bereits unterzeichnet, sagt Alavi. Fünf seien verstorben, ihre Bilder und die derer, die nicht kommen können oder wollen, würden andere Künstler wieder herstellen.Die Arbeiten sind eine Woche im Verzug, weil wegen der Kälte letzte Woche noch nicht mit dem Beton gearbeitet werden konnte. Das 40 Meter lange Stück, das wegen der O2-Arena versetzt werden musste, ist aber bereits fertig. Das Bild "Die Masken" des russischen Künstlers Wjatscheslaw Schljachow wurde im Februar von seinem Kollegen Schamil Gimajew nach Fotos rekonstruiert. "Schljachow wollte eigentlich selbst anreisen, aber er hat seinen Pass nicht rechtzeitig bekommen", erzählt Alavi. Er achtet auch darauf, dass die East Side Gallery nach der Sanierung nicht zu neu aussieht. Er sagt, er habe den Bauarbeitern gesagt, sie sollten die Oberfläche nicht ganz glatt machen und außerdem habe man Farbkleckse am Fuß gelassen, obwohl der Künstler die wegmachen wollte.------------------------------Marodes MahnmalIm Frühjahr 1990, kurz nach Öffnung der Mauer, bat eine Gruppe von Künstlern darum, die Hinterlandmauer an der Mühlenstraße zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke bemalen zu dürfen. Sie reichten ihre Entwürfe beim Kulturattaché der englischen Botschaft ein und erhielten eine Genehmigung.118 Künstler aus 21 Ländern bemalten die Mauer auf 1,3 Kilometer Länge mit mit 105 Bildern. Mit ihren Werken kommentierten sie die politischen Veränderungen. Im September 1990 wurde die angeblich größte Open-Air-Galerie der Welt eingeweiht.Unter Denkmalschutz wurde die East Side Gallery 1991 gestellt. Weil der Zustand der Mauer immer schlechter wurde und die Bilder abbröckelten, gründeten 1996 Mauerkünstler um Kani Alavi die Künstlerinitiative East Side Gallery e.V., die sich für den Erhalt der Mauer und ihrer Kunstwerke einsetzt.Der Senat beschloss 1995 die East Side Gallery zu erhalten und zu sanieren. Beide Beschlüsse blieben aber zunächst folgenlos. Laut einem Gutachten hätte die Sanierung 23 Millionen Mark gekostet.Einzelne Bilder wurden mit Hilfe privater Sponsoren restauriert. Im Jahr 2000 finanzierte der Verband der Lackindustrie die Sanierung von über 40 Bildern.Einen Durchbruch der Mauer hat die Anschutz Entertainment Group zur Bedingung für den Bau ihrer Arena gemacht. Deshalb wurden 2006 34 Mauersegmente hinter die Mauer gesetzt. Entstanden ist ein 40 Meter breiter Durchbruch zur Spree.Die Sanierung begann im Oktober 2008. Dafür stehen 2,17 Millionen Euro zur Verfügung, der größte Teil ist für die Betonsanierung. Am 9. November sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.------------------------------Foto: Kein Bild nirgends: Auf 400 Metern ist von der East Side Gallery derzeit nichts mehr zu sehen. Arbeiter entrosten die Metallstäbe im Inneren und sanieren den Beton. Danach sollen alle 104 Bilder von den Künstlern neu gemalt werden.------------------------------Foto: Mauerspecht mit Maske: Ein Bauarbeiter legt die verrosteten Metallstäbe im Inneren der Mauer frei.------------------------------Foto: Für das Neumalen dieses Bildes namens "Transformierung eines Pentagramms" will Bodo Sperling 15 000 Euro haben.------------------------------Foto: Von Dmitri Vrubels "Bruderkuss" ist derzeit nichts mehr zu sehen. Ob das Bild wieder hergestellt wird, ist ungewiss.------------------------------Foto: So sah sie aus in ihren besten Zeiten: die East Side Gallery 1994. Schon damals war sie ein Touristenmagnet.

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